Review: «Cloud Chasers»

Wenn das Klima kippt und es ausser Sand nichts mehr gibt, hilft nur noch die Flucht. Im neusten Game der Schweizer Blindflug Studios begleiten wir Francisco und Amelia auf ihrer beschwerlichen Reise – und erleben hautnah, was es heisst, ein Flüchtling zu sein.

Wenn ich in der realen Welt ein Flüchtling wäre, wäre ich vermutlich längst tot. Wäre diejenige, die der Zufall dahinraffen würde. Vielleicht würde mich eine giftige Schlange beissen. Oder eine Grenzkontrolle erschiessen. Vielleicht wäre ich auch zu hungrig und würden einen giftigen Pilz essen. Verdursten. Verhungern.

Illegale Wassersammler auf der Flucht

Solche Gefahren drohen auch Francisco und seiner Tochter Amelia, den Hauptfiguren in «Cloud Chasers». Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft sie bereits gestorben sind. Die Beiden leben in einer unbekannten Welt der Zukunft, die nur noch aus Wüste und Hitze besteht. Dort, im «Unten», wie das Game die Erdoberfläche nennt, leben die Armen. Im «Oben» leben diejenigen, die mit riesigen Flugmaschinen das kostbare Wasser aus den Wolken saugen, um zu überleben. Und damit denjenigen im Unten die Existenzgrundlage, den Regen, stehlen.

Amelia ist bereit, in den Wolken Wasser zu fangen und sitzt auf dem Gleiter.

Bildlegende: Ab in die Luft! Doch auch dort lauern Gefahren. Screenshot SRF

Da das Wasser immer knapper wird und der Regen ausbleibt, beschliesst Francesco, mit Amelia zu fliehen und «Spire» zu suchen, einen geheimnisvollen Ort, an dem es noch Wasser geben könnte. Auf ihrer Flucht durchqueren sie zahlreiche Wüsten und machen zwischendurch Halt in Oasenstädten. Ihre einzige Hilfe, um zu überleben, ist ein kleiner, klappriger Gleitflieger.

Sandige und luftige Gefahren überall

Stehen die beiden Flüchtlinge unter einer Wolke, schwingt sich Amelia auf den Gleiter und sammelt das Wasser der Wolken ein. Hoch oben in der Luft lauern jedoch Gefahren: Drohnen sammeln ebenfalls das Wolkenwasser ein, Türme schiessen auf Amelias Gleiter und tückische Winde lassen ihn in Felstürme krachen. Eine waghalsige Aufgabe.

Im Laden der Oase: Kräuter, Gleiterbausteine, Flickwerkzeug - und alles zum Preis von Wasser.

Bildlegende: Die Währung ist Wasser, auch in der Oase. Screenshot SRF

Auch auf dem Boden ist die Flucht gefährlich: Auf ihrer Wanderung durch die Wüste treffen Francisco und Amelia auf Freund und Feind. Jede Begegnung heisst, eine Entscheidung treffen: anstehen für einen verheissungsvollen Job – oder deswegen im Gefängnis landen? Der kranken Frau Wasser geben – und selber keins mehr haben? Das Flugzeug nach Ausrüstung durchsuchen – und von herabstürzenden Wrackteilen verletzt werden?

Und immer droht das Wasser auszugehen: Jeder Schritt durch die Wüste kostet wertvolles Wasser. So kann ein Umweg zur abgeschiedenen Hütte den Tod bedeuten, wenn keine Wolke in die Nähe kommt.

Tausend frustrierende Tode

Wenn mich ein Game immens frustriert und es mich doch immer wieder spielen lässt, dann ist es ein gutes Game. «Cloud Chasers» ist so eins. Ich starte mit Francisco und Amelia zig Anläufe. Nach jedem Scheitern muss ich wieder von vorne anfangen, mit einer neuen Auslegeordnung. Denn mit jedem Anlauf sind Ereignisse und mögliche Funde in der Wüste neu verteilt.

Ein Hoffnungsschimmer zeigt sich, als ich in einer Variante einen grösseren Sack für den Gleiter kaufen kann, um Wasser zu sammeln. Keine Chance: Der Gleiter zerschellt bald darauf an einer Canyonwand.

Einige Schwächen

Amelia und Francesco sind wieder einmal verdurstet.

Bildlegende: Tod Nummer 20491. Screenshot SRF

«Cloud Chasers» fühlt sich ab und zu auch unfair an: Francisco und Amelia stiefeln durch die Wüste und es kommt nun einmal keine Wolke. Tod. Die Landeanflüge des Gleiters dauern lange und so kracht er oft in eine Canyonwand, die nicht im Bildausschnitt zu sehen war. Die Flugerfahrung durch die Wolken ist unglaublich schön. Doch auf dem Tablet habe ich keine Knöpfe wie bei einem Controller, die mir direktes, physisches Feedback geben, in welche Richtung ich eigentlich steuere.

Die meisten Begegnungen in der Wüste sind schädlich für Francisco und Amelia, so dass ich sie fast immer vermeide (oder nach dem x-ten Anlauf schon kenne). Dem Game hätte es auch gut getan, wenn jemand die Texte sorgfältiger redigiert hätte: In der Version 1.0, die ich auf Deutsch spiele, finde ich zahlreiche Fehler. Das ist schade und ich hoffe, dass das mit einem Update behoben wird.

Schliesslich ist auch die Grafik einfach gehalten und könnte einige vom Game abschrecken. Doch sie entspricht den Möglichkeiten eines Teams von vier Leuten, der Grösse der Blindflug Studios. Und letztlich fasziniert mich die Spielmechanik derart, dass mich die Grafik nicht stört.

Gelungenes Werk der Blindflug Studios

Trotz des Frusts ob der vielen Anläufe spiele ich weiter, starte immer wieder mit Francisco und Amelia. Und stelle fest: Das Game weckt in mir einen Drang, den wahrscheinlich auch die Flüchtlinge haben, die in der spanischen Enklave Melilla immer wieder über den Grenzzaun zu klettern versuchen. Die in Zuwara oder Misrata in ein Boot steigen und darauf hoffen, in Sizilien zu landen. Oder über Mazedonien, Serbien und Ungarn Deutschland erreichen wollen.

Auch ich will es schaffen, will mit meinen Figuren Spire erreichen. Und kann nachvollziehen, was für ein starkes Gefühl dieser Drang wohl sein muss, der die Flüchtlinge nach Europa treibt. Doch im Gegensatz zu den Flüchtlingen kann ich nach jedem Tod das Game immer wieder neu starten.

Ein heikles Thema

«Cloud Chasers» ist ein sorgfältig konzipiertes und durchdachtes Game der Blindflug Studios. Diese haben bereits mit «First Strike» internationale Erfolge gefeiert, einem Game, mit dem sich der nukleare Weltkrieg nachspielen lässt. Mit «Cloud Chasers» gelingt es ihnen erneut, sich spielerisch in eine reale Situation hineinzuversetzen.

Das sei auch das ursprüngliche Ziel gewesen, erklärt Tabea Iseli, Game-Designerin von «Cloud Chasers»: Anstoss war vor einem Jahr der Krieg in Syrien. Dieser wurde medial abgedeckt, doch niemand sprach über die Flüchtlingswelle, die gleichzeitig Europa erreichte. Das wollten sie ändern.

Ihnen sei bewusst gewesen, dass sie sich mit einem heiklen Thema befassten, so Tabea Iseli. Als in diesem Jahr noch mehr Flüchtlinge in Europa ankamen, «da flammte nochmals die Angst in uns auf, dass wir wirklich etwas Riskantes mit diesem Game getan haben».

Brutal schwierig, aber zu schaffen

Denn «Cloud Chasers» sollte nicht die Ankunft der Flüchtlinge thematisieren, sondern die eigentliche, beschwerliche Reise zum Ziel erfahrbar machen.

Und wie ich selber mit «Cloud Chasers» erfahren habe, hat diese Reise es in sich: Die Flucht ist grausam, brutal und gnadenlos. Trotzdem spritzt nie Blut oder stapeln sich Leichen im Wüstensand. Die Brutalität, so Iseli, sei bereits durch die Geschichte und die Spielmechanik gegeben, den brutal hohen Schwierigkeitsgrad. Die Reise wirklich zu schaffen, sei schwierig – ein bewusster Entscheid des Teams. Und eine kleine Hoffnung für mich: Sie ist schwierig, aber zu schaffen. Auf zum nächsten Versuch.

«Cloud Chasers» läuft auf iOS- und auf Android-Geräten.

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