Review: «Elite: Dangerous»

Willst du «Space Trucker» sein? Willst du für jeden Fehler unnachgiebig bestraft werden? Willst du diese monotone, komplizierte Simulation spielen? Dann ist «Elite: Dangerous» kompromisslos für dich – ein rarer, ungeschliffener Diamant.

Ich bin tief in unbekannte Sternensysteme vorgestossen. Mein kleines Raumschiff vom Typ «Sidewinder» ist voll beladen.

Und jetzt treibe ich hier um eine tiefrot glühende Sonne, in einem System ohne Planeten, ohne Raumstationen. Mir ist der Treibstoff ausgegangen.

Ich bin allein. Nein, doch nicht! Ein einsames Schiff dreht in meiner Nähe seltsame Spiralen. Ich weiss nicht weiter. Aus lauter Verzweiflung greife ich einfach mal das Schiff an, mit meinem einzigen mickrigen Laser, ohne Schutzschilde. Die hatte ich entfernt, um Gewicht zu sparen und meine Reichweite zu erhöhen.

Der Gegner macht kurzen Prozess mit mir. Mein Schiff explodiert. Und damit die Ladung: Das Vermögen, das ich mir über Tage mühsam erhandelt habe, zerstiebt im Vakuum. Ich hasse dieses Spiel.

Atemberaubende Ambition

Von dem herben Rückschlag habe ich mich mittlerweile wieder erholt. Die Wahrheit ist: Ich liebe dieses Spiel. «Elite: Dangerous» ist eine Raumschiff-Simulation, und es ist kompromisslos. Es bestraft hart jeden Fehler. Die Hürden sind zu Beginn gnadenlos. Doch gerade diese Konsequenz ist die Faszination des Spiels.

Kurz vor dem Hyperspace-Sprung zieht sich der Raum lang.

Bildlegende: Frame Shift Drive: Engage! Screenshot

Nur schon die Ambition ist atemberaubend. 400 Milliarden Sternensysteme sollen im Spiel sein, in einer der Milchstrasse nachempfundenen Galaxie. 400 Milliarden! Jedes System ist computergeneriert, mit Sternen, schwarzen Löchern, Planeten, Asteroidengürteln. Die Regeln des Spiels gehorchen echter Physik, die Distanzen sind nicht verkürzt. Die allerwenigsten Sternsysteme enthalten Raumstationen. Das soll sich mit der Zeit ändern: Die Spieler erkunden die Galaxie, die Hersteller bauen dort neue Raumstationen, kolonisieren sie gewissermassen.

Einschüchternde Hürden

Einschüchternd türmt sich «Elite: Dangerous» zu Beginn vor uns auf. Das Spiel erklärt uns kaum etwas. Klar gibt es ein paar vom Spiel abgetrennte Tutorials, die uns fliegen, an Raumstationen andocken und kämpfen beibringen. Doch darüber hinaus sagt uns das Spiel nichts. Es gibt keine Geschichte, kaum Aufgaben, keine ersichtliche Struktur.

Stattdessen bestimmen wir selbst, wie wir spielen wollen. Aggressivere Gesellen kapern als Pirat Handelsschiffe oder jagen als Kopfgeldjäger gesuchte Verbrecher. Neugierige erkunden als Entdecker Sternensysteme, in denen noch kein Spieler zuvor war. Und nüchterne Arbeiter gewinnen als Mineur Metalle aus Astroiden oder handeln mit allerlei Waren zwischen Raumstationen.

Ein Laser brennt Metallstücke aus einem Asteroiden.

Bildlegende: Mineur bei der Arbeit. Screenshot

Die gewählte Rolle bestimmt die Ausrüstung unseres Raumschiffes. Mineure beispielsweise benötigen einen entsprechenden Laser und eine Raffinerie an Bord. Entdecker brauchen diverse Scanner und einen «Fuel Scoop», um in unbesiedelten Systemen frischen Treibstoff aus einer Sonne zu gewinnen. Besonders zu Beginn mit unserem kleinen Start-Raumschiff müssen wir harte Kompromisse eingehen.

Ich will als friedlicher «Space Trucker» spielen: eine Ware billig einkaufen, an einem anderen Ort mit Gewinn verkaufen. Zunächst muss ich aber Fliegen lernen. Wie man aus der Raumstation fliegt, durch einen schmalen, Briefkasten-ähnlichen Schlitz. Wie man wieder landet, ohne etwas zu beschädigen. Dass man von automatischen Systemen abgeschossen wird, wenn man nicht um Landeerlaubnis fragt.

«Space Trucker» mit Hilfe aus dem Internet

Für grössere Distanzen reicht der normale Antrieb des Schiffs nicht mehr aus. Stattdessen verwenden wir das «Frame Shift Drive», um im «Supercruise» mit Überlichtgeschwindigkeit zwischen Planeten zu reisen oder gar von Stern zu Stern zu springen.

Die geladene Fracht.

Bildlegende: Schön Gold dabei. Ein guter Gewinn winkt. Screenshot

Nichts davon ist intuitiv. Mit Tutorials und der gelegentlichen Internet-Suche tasten wir uns vor. Dann kommt die nächste Hürde: Was jetzt? Nach dem Erfüllen einiger kleinerer Aufgaben habe ich magere 10'000 Credits. Die will ich nicht für ein Handelsgut ausgeben, das dann keinen Gewinn abwirft. Das Spiel zeigt mir zwar an, was die Station kauft, verkauft und ob Angebot und Nachfrage hoch oder tief sind. Doch wie es in anderen Stationen aussieht, weiss ich erst, wenn ich da bin.

Also wieder auf das Internet. Es gibt bereits Datenbanken, die Handelsdaten aus dem Spiel ziehen und durchsuchbar machen («eddb» fand ich hilfreich). Nach langer Recherche finde ich eine Route zwischen «Worlidge Terminal» im Sternensystem «LHS 3447» und «Sylvester City» im System «Eravate». Auf dem Hinweg transportiere ich Gold, auf dem Rückweg Bergbauausrüstung. Eine Runde wirft gut 3000 Credits Gewinn ab.

Einsame Monotonie in der unendlichen Weite

Durch den Schlitz die Raumstation verlassen.

Bildlegende: Diesen dünnen Schlitz muss man treffen. Screenshot

Nun wird das Spiel Routine: Gold einkaufen, bis ich entweder kein Geld mehr habe oder mein Laderaum voll ist. Starten. Fahrwerk einfahren. Durch den Schlitz aus der Station fliegen. Auf das Zielsystem ausrichten. «Frame Shift Drive» aufladen. Hyperraumsprung. Im Zielsystem im «Supercruise» bis zur Station fliegen. Bremsen. Aus dem «Supercruise» springen. Station um Landeerlaubnis fragen. Fahrwerk ausfahren, sachte auf den Landeplatz manövrieren. Gold verkaufen. Neue Fracht einkaufen. Reparieren, auftanken. Rückweg. Und von vorn.

Aber warum? Mit welchem Ziel? Das Spiel sagt uns darüber nichts. Wir müssen uns selber ein Ziel stecken. Ein grösseres Raumschiff kaufen beispielsweise. Einen «Hauler» vielleicht, ein günstiges Lastschiff. Später dann einen der klobigen «Lakon»-Frachter. Oder doch lieber fremde Systeme erkunden, statt nur zu handeln? Also eine «Adder» und in ferner, ferner Zukunft vielleicht gar die wunderschöne «Asp Explorer», für gerade mal sechseinhalb Millionen Credits.

Ein Fernziel ist Status. In drei Kategorien können wir zur «Elite» gehören: Handel, Kampf und Erkundung. Ich bin «pennyless», «harmless», «aimless». Dank meiner Gold-Route stieg ich immerhin zu «mostly pennyless» auf. Es fühlt sich nicht wie ein Erfolg an. Und all die schönen Pennies schweben jetzt als Staub um die einsamen Zwillingssterne, irgendwo im «Alrai Sector».

Abgesehen von zu häufigen Fehlern (eine Liste in diesem Review) stören mich diese Hürden aber alle nicht. Im Gegenteil. Denn keine der Hürden durchbricht die Fantasie «Space Trucker». So wäre das halt, wäre ich tatsächlich einsamer Handelsreisender in einer riesigen Galaxie: Ich müsste auch erst herausfinden, wo gute Gewinne zu machen sind. Ich müsste aus schweren Fehlern lernen. Ich müsste viel Geduld haben und Monotonie ertragen.

Mit «Oculus Rift» im Cockpit sitzen

Besonders deutlich wird das, wenn man sich eine Virtual-Reality-Brille aufsetzt – «Elite: Dangerous» unterstützt die «Oculus Rift». So liess ich mir es natürlich nicht nehmen, unser «Development Kit 1» (DK1) anzuschliessen. Nach längerem Gefriemel brachte ich es mehr schlecht als recht zum laufen: die Auflösung dieser alten Version der Brille ist zu schlecht, Texte im Spiel sind kaum lesbar. Das neuere DK2 sei besser. Und natürlich sehe ich Maus und Tastatur nicht mehr, muss sie ertasten. Das ist alles noch nicht alltagstauglich.

Load New Commander (Y/N)?

Bildlegende: Elite (1984), BBC Micro. Mobygames

Doch trotz der leisen Enttäuschung ist das Erlebnis überwältigend: Ich sehe an mir herunter und genau dort, wo mein echter Körper ist, ist auch der virtuelle Körper des Raumschiffkapitäns. Ich blicke nach links und rechts und sehe dort mehr Cockpit und mehr Weltraum. Ich muss nicht mehr abstrahieren. Ich bin «Space Trucker».

«Elite: Dangerous» ist nicht für ein Massenpublikum. Es ist unfertig und ein bisschen kaputt. Doch es ist unglaublich kompromisslos. David Braben, der mit dem einflussreichen «Elite» von 1984 eine Legende der Games-Industrie wurde, hat einen würdigen Nachfolger abgeliefert. Das ist ein rarer, ungeschliffener Diamant.

30 Jahre später

Als ich zwölf war, wanderte ich an einem Wochenende mit meinen Eltern auf einen Berg. «Elite» war gerade erschienen, ich hatte es bei Schulfreunden zu Hause gespielt. An den Berg erinnere ich mich nicht mehr. Aber daran, dass ich während der ganzen Wanderung neben meiner Mutter herlief und ihr pausenlos ohne Punkt und Komma von «Elite» erzählte:

Ein Mann signalisiert Erstaunen vor Feuerwerk.

Bildlegende: MIND=BLOWN Adult Swim

Wie und womit man handeln könne. Welche Raumschiff-Typen es gebe. Wie schwierig es sei, anzudocken. Dass man gut 2000 Sternensysteme erkunden könne. Nur ein paar grobe weisse Linien auf Schwarz. Doch es war das Grösste, das ich je gesehen hatte.

Ich stelle mir vor, wie ich für einen kurzen Moment auf dieser Bergspitze im Jahr 1985 erscheinen könnte. Ich würde meinem zwölfjährigen Ich ein paar Screenshots hinhalten und flüstern: «Das wirst du in drei Jahrzehnten spielen».

«Elite: Dangerous» ist für PC, zum Download hier. Das Haikiew ist hier.