Review: «Feist»

Nach sieben Jahren Wartezeit ist «Feist» endlich publiziert worden: Wir rennen als kleine Haarkugel durch einen Wald und müssen uns gegen fiese Engerlinge, Raupen und Fliegen wehren. Doch der Begeisterungsfunken löst noch keinen Waldbrand aus.

Wo die wilden Kerle wohnen, da herrschen auch wilde Gesetze – die Gesetze der Natur. Und die bekomme ich zu spüren. Ich, das ist eine kleine, namen- und geschlechtslose Haarkugel, die ich kurzerhand Fluffy taufe. Fluffy konnte sich gerade so knapp aus einer Kiste befreien und steht nun allein im grossen, dichten Tannenwald. Es regnet, sie ist allein, und nur ihre Augen leuchten weiss aus dem dichten, schwarzen Haarbüschel.

Immer schön auf die Kleinsten

Von Anfang an ist klar: Fluffy steht in der Hackordnung des Waldes ganz unten. Pieksige Raupen kriechen auf sie zu, fliegende Stachelkugeln versuchen, sie aus der Luft gezielt zu erstechen und kugelige Giftspinnen springen am liebsten auf sie drauf.

Ab und an tauchen auch die wilden Kerle auf, die Fluffy zu Beginn von «Feist» in die Kiste gesteckt hatten: Grosse, haarige Wesen, die Fluffy entnervt durch die Gegend werfen. So stelle ich mir einen Waldschrat vor. Schnell ist klar: In dieser Welt hacken die Grossen immer auf den Kleinen rum. Kein Wunder, hackt Fluffy auch gerne auf die weissen Minimücken ein, die noch kleiner als sie sind.

Ha, nimm das!

Bildlegende: Kendo für Fortgeschrittene: Fluffy weiss, sich mit Stöckchen zu wehren. Screenshot SRF

Immerhin: Meine Haarkugel kann sich auch wehren, denn der Wald stellt netterweise auch Waffen bereit. Fluffy kann mit dürren Stöckchen auf die riesigen Waldschrate eindreschen, die Raupen mit Tannzapfen oder Steinen bewerfen. Oder Fliegen jagen – eines der Highlights von «Feist»: Riesige Fliegen schiessen Stacheln auf Fluffy. Mit einem gezielten Schlag kann sie die Fliegen betäuben, diese aufheben und fortan selber damit schiessen: eine Waffe aus 100 Prozent kontrolliert biologischem Anbau.

Ein Wald voller Scharfschützen

Waldschrat schleudert, Fluffy fliegt.

Bildlegende: Waldschrate sind gross und stark und üben mit Fluffy gerne Weitwurf. Screenshot SRF

Mit all diesen Stacheln, die durch den Wald fliegen, gleicht die Welt von «Feist» einer Ansammlung von hochintelligenten Scharfschützen. Zum einen weichen schiesslustige Fliegen und anderes Getier den Stockhieben von Fluffy lässig aus. Zum anderen zielen sie auf Fluffy, als hätten sie alle eine erstklassige Schiessausbildung für Stacheln, Steine und Tannzapfen. Resultat: Taktik ist gefragt, sonst folgt zuerst Haarverlust und dann tausend Tode. Da kann es sich lohnen, bei allzu aggressiven Waldbewohnern die haarigen Beinchen in die Hand zu nehmen.

Aber Fluffy ist auch Teil dieser gefährlichen Ökologie und gerade diese Interaktion mit der Waldlandschaft macht den Reiz von «Feist» aus. Das ganze Game fühlt sich organisch, atmend und lebend an – ein echtes Ökosystem. Und Fluffy, als Teil davon, kann die Natur zu ihren Gunsten nutzen.

Zwei Engerlinge schiessen Stacheln auf eine Kiste, dahinter kauert ungesehen eine Haarkugel. In der Luft sind die Überreste einer zerstäubten Spinne.

Bildlegende: Während zwei Engerlinge die Spinnen zerstäuben, kauert Fluffy (unsichtbar) hinter einer Kiste voller Stacheln. Screenshot SRF

Denn sie kann die Gegner auch gegeneinander ausspielen. Beispielsweise versteckt sich die Haarkugel hinter einer Kiste, während Engerlinge den attackierenden Giftspinnen den Garaus machen. Oder sie lockt einen Waldschrat in eine Falle, so dass er von einem herabstürzenden Holzblock erschlagen wird.

Trotz Wald springt kein Funke

Wogende Tannen, tanzende Schneeflocken und meine kleine Haarkugel, die sich tapfer gegen Waldschrate wehrt: Wunderschön. Doch irgendwie springt der Funke nicht über. Wie Ori in «Ori and the Blind Forest» stirbt Fluffy am Laufmeter; auch in diesem Game will ich den Controller vor Frust über ihre vielen Tode regelmässig aus dem Fenster werfen.

Gleichzeitig muss ich mich viel mehr motivieren, um mit Fluffy immer und immer wieder durch dieselbe Waldstelle zu hüpfen. Der Drang «Ich will es JETZT ENDLICH schaffen!» liess mich in «Ori» hunderte Male ein und dieselbe Stelle spielen, das Game liess mich lustvoll scheitern, trotzdem wollte ich noch mehr davon. Jeder Tod machte mir klar: Deine Sprünge und Bewegungen sind noch nicht perfekt, dein Unvermögen ist Schuld für Oris Tode.

In «Feist» ist das anders: Die Waldbewohner bewegen sich naturgemäss nicht nach fixen, vorgegebenen Mustern, Fluffys Tode scheinen viel zufälliger. Und die Viecher zielen einfach verdammt gut auf die Haarkugel. Die Natur ist nicht immer fair – auch nicht in «Feist». Zwar fasziniert mich gerade das Game mit seiner bezaubernden Waldlandschaft, in der ich Teil dieses Ökosystems bin. Doch nach rund vier Stunden ist «Feist» auch schon vorbei und es ist ganz in Ordnung, diesen frustreichen, aber schönen Wald wieder verlassen zu können.

«Feist» läuft auf Mac und Windows.

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