Review: «First Strike»

Die Bedrohung durch Nuklearwaffen ist auch ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kalten Krieges real; in einem nuklearen Weltkrieg gäbe es nur Verlierer. Das will «First Strike» vermitteln und löst diesen Anspruch ein.

Eigentlich kämpfe ich ja für Europa. Doch Europa liegt schon lange in Schutt und Asche. Gleich zu Beginn des nuklearen Weltkriegs wurden wir getroffen. Ich habe es wieder aufzubauen versucht, immer und immer wieder, nur um gleich wieder getroffen zu werden.

Also wich ich nach Zentralasien aus, während rund herum eine Rakete nach der anderen einschlug und alles pulverisierte. Afrika. Den Nahen Osten. Südasien. Lateinamerika. Australien. Alle sind tot oder versinken im Strahlenmeer.

Ein Stealthbomber wirft seine Fracht ab.

Bildlegende: Der Stealthbomber, eine der neuen Superwaffen. Blindflug Studios

Nur noch Nordkorea südöstlich von mir hat überlebt. Und die USA, die aber längst Nordamerika aufgeben mussten und sich im Amazonasbecken eingenistet haben.

Ich bin verzweifelt und schicke meine Stealthbomber-Flotte los. Systematisch bombe ich Nordkorea und die Rest-USA in Grund und Boden. Es ist sinnlos, denn alles ist zerstört. Ich tue es trotzdem.

Ich gewinne. Vier Milliarden Menschen sind tot. Die Weltkugel glüht wie rote Lava – wir haben sie in das Hadaikum zurückgebombt.

You win?

Nach meinem allerersten «Sieg» in «First Strike» hatte ich mich noch gefreut. Ich spielte mit den vergleichsweise einfachen USA; und es war mir gelungen, zumindest den Heimkontinent aus dem Gröbsten herauszuhalten. Doch je mehr Partien ich spielte, mit mehr Gegnern und aus schwierigeren Startpositionen, desto hohler fühlten sich die Siege an. Das Chaos und die Zerstörung sind zu gross und «gewinnen» bedeutet vor allem «vernichten».

Der Preis für die Eroberung sind 2.3 Milliarden Opfer.

Bildlegende: Nein, niemand gewinnt. Blindflug Studios

Das ist Absicht. «First Strike» von den Zürcher Blindflug Studios will nicht einfach ein wertfreies Strategiespiel sein. Es will stattdessen darauf aufmerksam machen, dass wir auch ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kalten Krieges noch das nukleare Potential haben, die Welt zu zerstören.

Um diesen Anspruch zu untermauern, verspricht Blindflug, einen Viertel der Einnahmen an die Organisationen ICAN und Green Cross zu spenden.

Klare Aussage durch begrenzte Möglichkeiten

Mit dem getragenen Sounddesign und ständigen Horrormeldungen von zerstörten Grossstädten und Millionen Opfern versucht das Spiel, eine ernste Stimmung zu erzeugen. Die Kernaussauge ist: Wenn ein nuklearer Krieg beginnt, gibt es nur noch Verlierer. Um das deutlich genug zu machen, verzichtet «First Strike» auch auf strategische Optionen wie Allianzen mit anderen Ländern oder Friedensverhandlungen. Konzepte wie «Mutual Assured Destruction» gibt es hier nicht – unser nukleares Arsenal ist nicht nur abschreckend gedacht, sondern wird früher oder später eingesetzt.

Raketen fliegen von Europa nach Ostasien.

Bildlegende: Skandinavien und Osteuropa geht es nicht mehr gut. Blindflug Studios

Damit setzt sich «First Strike» von Vorbildern ab. Auch Spiele wie «Defcon» oder «Balance of Power» haben sich mit dem nuklearen Weltkrieg befasst. Letzteres auf sehr komplexe Weise, ersteres in einer kühlen, distanzierten Optik. Auch in «First Strike» blicken wir auf den Globus. Doch er wird nicht als vereinfachte, nüchterne strategische Karte für Planspiele präsentiert, sondern als lebende Weltkugel, als unser einziges Zuhause.

Nicht immer nur unterhalten

Im Gespräch erzählt Entwickler Jeremy Spillmann (komplettes Interview links nachhören), dass diese Spielaussage während der Entwicklung nicht ständig im Vordergrund stand. Man wolle nicht mit dem erhobenen Zeigefinger erziehen. Sondern in erster Linie ein Spiel abliefern, das für sich funktioniert. Das aber einen anderen inhaltlichen Anspruch hat. Während die meisten Spiele lediglich unterhalten wollen, erhofft sich Spillmann, dass wir die Aussage von «First Strike» beim Spielen erkennen, selbst erfahren.

Endphase zu lang, zu viel Mikromanagement

Das gelingt, auch wenn «First Strike» rein als Strategiespiel gesehen Schwächen hat. So dauern die Partien für meinen Geschmack zu lang: «First Strike» behauptet, dass sie nach 10 bis 15 Minuten zu Ende sind; meine Partien dauerten aber fast immer eher 30 bis 45 Minuten. Oft ist dabei schon lange alles entschieden, aber der eine Gegner, der eigentlich schon lange keine reale Chance mehr hat, gibt einfach nicht auf. Das ist ein klassisches Problem von vielen Strategiespielen seit Monopoly, und auch «First Strike» leidet unter einer zu langen Endphase des «Aufwischens».

Das Radial-Menu mit den Optionen, anzugreifen, zu forschen oder neue Raketen zu bauen.

Bildlegende: Was führt Zentralasien im Schild? Das Radial-Menu. Blindflug Studios

Auch mit der Handhabung im Detail war ich nicht restlos zufrieden. In Dutzenden Ländern von Hand dafür zu sorgen, dass alle Raketensilos immer schön voll sind, ist etwas zu viel unnötiges Mikromanagement. Wenn wir uns verteidigen, indem wir auf uns gerichtete Raketen abschiessen, ist die automatische Verteidigung etwas zu dumm: feindliche Raketen werden nicht abgewehrt oder unnötigerweise mehrfach abgeschossen.

Die gut versteckte gute Idee

Dennoch funktioniert das Spiel und erfüllt den eigenen Anspruch. Die originellste Idee des Spiels ist allerdings so gut versteckt, dass ich sie mir erst von den Entwicklern zeigen lassen musste. Und diese Idee ist so gut, das ich in einem Dilemma stecke: Ich will euch sagen, dass es sie gibt. Doch ich darf sie euch nicht verraten, weil sie wesentlich von der Überraschung lebt.

Eine gewaltige Rakete fliegt über Europa.

Bildlegende: Nein, die Tsar-Rakete, benannt nach der grössten je gebauten Bombe, meine ich nicht. Blindflug Studios

Also muss ich mich auf Andeutungen beschränken. Den wichtigsten Hinweis gibt die verschlüsselte Nachricht im Spiel, die ihr mit Siegen langsam entschlüsseln könnt. Wer dazu die Geduld nicht hat, sei darauf hingewiesen, dass die Entwickler explizit den auch von mir sehr geschätzten Film «WarGames» als Inspirationsquelle nennen. Wer den Film kennt, müsste sich nun denken können, welchen Satz sie daraus zitieren.

Und dieser Satz könnte uns dann verleiten, zu hinterfragen, wie wir Strategiespiele spielen. Welche Regeln wir einfach annehmen und welche es tatsächlich gibt. Ob Sachzwänge real existieren oder nur unseren eigenen eingeschränkten Denkhorizont widerspiegeln. Ob man wirklich nur verlieren kann.

Und wenn es dann bei euch Klick gemacht hat, dann werdet ihr mir beipflichten: Sehr, sehr clever, dieses «First Strike».

«First Strike» ist für iOS und Android. Die Tablet-Versionen gibt es seit Ende April. Soeben erscheint Version 1.1, die neu auch auf Smartphones läuft. Das Haikiew ist hier.