Review: «Hotline Miami 2: Wrong Number»

Auch der zweite Teil des Instant-Klassikers lässt uns wie hypnotisiert vor dem Bildschirm sitzen. Doch die Choreographie des Tötens wird diesmal von einer Hintergrund-Story geleitet, die dem Spass am Gemetzel nicht immer zuträglich ist.

Das Comic-Bild eines bärtigen Mannes, dessen rechtes Brillenglas kaputt ist.

Bildlegende: Kaputter Typ mit kaputter Brille: Die Gewalt in «Hotline Miami 2» ist auch in den intensivsten Momenten nur comicartic. Devolver Digital

Das zweite Album ist immer das schwerste, heisst es. Mit dem Begriff «Difficult Second Album Syndrome» hat das Phänomen sogar einen Namen; Wikipedia sagt «Sophomore slump» dazu. Das Game «Hotline Miami 2: Wrong Number» ist so ein schwieriges zweites Album: Der Vorgänger von 2012 gilt heute schon als Indie-Game-Klassiker, von den Kritikern gefeiert und von den Fans heiss geliebt. Für mich war es damals eines der besten Spiele des Jahres.

Was konnten die schwedischen Entwickler von Dennaton Games also noch besser machen? Gar nichts, eigentlich. Darum machen sie im zweiten Teil einfach mehr: mehr Story, mehr Soundtrack, grössere Levels. Am Gameplay selbst hat sich aber nichts geändert: Wir spielen nach wie vor einen mit Tiermaske getarnten Killer, der in jedem Level jeden totschlägt oder totschiesst, der sich ihm in den Weg stellt.

Eine Spielszene des Games «Hotline Miami 2: Wrong Number».

Bildlegende: There will be blood: Wenn wir unsere Gegner reihenweise nacheinander ausschalten, werden wir mit Bonus-Punkten belohnt. Screenshot SRF

Und noch immer ist die Gewalt dabei so übertrieben, dass sie nicht anders als comicartig wirken kann. Ein Eindruck, den die 16-Bit-Grafik des Games noch unterstreicht. Auch die Steuerung ist noch immer simpel gehalten: Wir steuern unseren Charakter per «WASD»-Tasten, geben mit der Maus die Blickrichtung vor und lassen per Mausklick die Fäuste sprechen. Oder das Butterfly-Messer. Oder den Baseballschläger. Oder die Maschinenpistole. Oder die Schrotflinte. Ja, es gibt viele Waffen in diesem Spiel!

Sterben, sterben, sterben

Der schlanken Eleganz des Gameplays steht im zweiten Teil nun eine ausufernde und nichtlinear erzählte Hintergrundstory gegenüber. Eine Story, die in dieser (verwirrenden) Komplexität kaum nötig ist. Denn im Grunde seines Herzens bleibt «Hotline Miami» ein Puzzlespiel und keine Gangstergeschichte. Ein Spiel, dessen Reiz darin besteht, den richtigen Weg durch schwer bewachte Levels zu finden. In dem wir genau planen müssen, in welcher Reihenfolge und mit welchen Waffen wir unsere Gegner eliminieren. Und diesen Plan dann möglichst schnörkellos umsetzen müssen.

Eine Spielszene des Games «Hotline Miami 2: Wrong Number».

Bildlegende: Viel Hintergrundstory: Der zweite Teil erzählt seine Geschichte nichtlinear und ziemlich konfus. Screenshot SRF

Bloss dass das alles nicht so einfach ist. Schon in den ersten, einfacheren Levels kann unsere Figur immer und immer wieder sterben. Das ist nicht frustrierend, denn ein Druck auf die «R»-Taste genügt, und wir stehen wieder am Anfang des Levels, den wir nun mit neuer Taktik noch einmal versuchen. Und wieder scheitern, aber diesmal besser. Bis wir den richtigen Weg – die richtige Choreographie des Tötens – gefunden haben. Oder durch Glück oder Improvisation ans Ziel gelangen, was nicht weniger befriedigend ist.

Improvisieren schwer gemacht

Improvisieren, seinen eigenen Weg zu finden, ist im zweiten Teil allerdings nicht mehr so leicht möglich. Öfter zwingt uns die Story, mit einer bestimmten Figur zu spielen, deren jeweilige Stärken und Schwächen nach einem Vorgehen verlangen. Ausserdem: Die Levels sind grösser geworden und damit schwieriger zu meistern. Die Lust hält sich deshalb in Grenzen, sie in der Hoffnung auf ein besseres Resultat später noch einmal mit durchzuspielen und dabei neue Tricks zu versuchen.

Eine Spielszene des Games «Hotline Miami 2: Wrong Number».

Bildlegende: Knüppel aus dem Sack: Nicht alle Figuren greifen zur Schusswaffe. Einzelne Missionen müssen unblutig absolviert werden. Screenshot SRF

Die grösseren Levels machen das Spiel schwieriger – und stellenweise frustrierender. Etwa wenn ein Gegner uns mit einer Gewehrsalve niedermäht, der wir nicht entkommen können. Weil der Feind aus einem Bereich des Spielfeldes her schiesst, den wir gar nicht einsehen können. Solche Tode, die auch der geschickteste Spieler kaum vermeiden kann, gibt es immer wieder. Und sie sind besonders ärgerlich, wenn sie kurz vor dem Ende eines Spielabschnittes passieren.

Hypnotischer Soundtrack

All dieser Einwände und dem nahezu perfekten Vorgägner zum Trotz ist auch «Hotline Miami 2: Wrong Number » wieder ein unglaublich packendes Game. Ein Game, das Hochkonzentration von uns verlangt und in seinen spannendsten Momenten alles um uns herum vergessen lässt. Ein Game, bei dem wir erst die Finger von der Tastatur nehmen, wenn auf dem Bildschirm das «Level Clear» leuchtet und wir merken, wie angespannt wir bis dahin vor dem Computer sassen.

Eine Spielszene des Games «Hotline Miami 2: Wrong Number».

Bildlegende: Aus der Vogelperspektive: Wir sehen das Spielfeld nach wie vor von oben und in heimeliger 16-Bit-Grafik. Screenshot SRF

Das hat viel mit dem hypnotisch pumpenden Electro-Soundtrack zu tun, der während unseren Missionen läuft. Mit Tracks von Bands wie M.O.O.N. oder Pertubator, die schon beim ersten Mal dabei waren. Und neuer Musik etwa von Life Companions und Magic Sword. Die gibt es auch als Triple-Album zu kaufen – der 80ies-Ästhetik von «Hotline Miami» angemessen natürlich auf drei neonfarbenen Vinyl-Scheiben.

«Hotline Miami 2: Wrong Number» gibt es für Windows, Mac, Linux, Playstation und Playstation Vita. Es ist freigegeben ab 18 Jahren.

Youtube-Trailer

Youtube-Trailer

Der «Dial Tone Trailer» macht noch einmal deutlich, wie sehr «Hotline Miami» von einer 80er-Jahre VHS-Video-Ästhetik geprägt ist.

Der Soundtrack

Der Soundtrack

Einige Tracks des «Hotline Miami 2: Wrong Number»-Soundtracks können auf der Soundcloud-Seite des Game-Publishers Devolver Digital gehört werden.