Review: «Just Cause 3»

Enterhaken, Fallschirm, Explosionen: Rebell Rico landet auf der wunderschön riesigen Inselgruppe Medici, um den Diktator zu stürzen. «Just Cause 3» ist ein riesiger Spielplatz für kreative Pyromanen. Nur lange Ladezeiten schmälern das fröhliche Stuntchaos.

Ich mag «Open World»-Spiele, weil es aufregend ist, eine riesige Welt zu erkunden.

In «Just Cause 3» ist aber nicht das Erkunden das Ziel, sondern die Explosion. Ja, was wir finden, wird gesprengt – so spektakulär wie möglich.

Wir sind Rico Rodriguez, ein «Dictator Removal Specialist». Der Diktator, den wir entfernen sollen, heisst General Di Ravello und herrscht mit eiserner Hand über die Mittelmeerperle Medici.

Hubschrauber über glitzerndem See.

Bildlegende: Heli geklaut, Ausflug mit Aussicht! Screenshot

Medici ist eine Inselgruppe und atemberaubend riesig. Schöne helle Häuschen leuchten über steilen Klippen und dem blaugrün schimmernden Meer – wir riechen beinahe die Blumen der Riviera. Ich erschrak, als ich das erste Mal aus der Karte ganz heraus zoomte und realisierte, dass die Insel, auf der man das Spiel beginnt, keineswegs die einzige ist.

Enterhaken und Wing Suit

In dieser riesigen Welt können wir uns völlig frei bewegen, per Auto oder Fluggerät. Oder noch besser: indem Rico sich mit einem Enterhaken von Dach zu Kuppe zu Baum hangelt, mit Fallschirm oder einem Flügelanzug durch die Luft fliegt. Wer länger am Boden bleibt, macht etwas falsch – mit Enterhaken und Wing Suit quer durch die Landschaft zu sausen, ist eine wahre Freude.

Für Wanderer ist Medici allerdings etwas zu gleichförmig; mit der Zeit wiederholen sich Häuser, Tankstellen, Dorfplätze. Das macht aber nichts, denn wir sind nicht hier, um zu bewundern. Wir sind hier, um zu zerstören.

Mario: Was auch immer du zerstörst, wir bauen es wieder auf.

Bildlegende: Na, dann ist ja alles gut. Screenshot

Der Held der Revolution macht erst mal alles kaputt? Macht eine solche Prämisse Sinn? Wurscht, findet das Spiel. Gleich zu Beginn der Geschichte versichert uns ein Rebell: «Keine Sorge, Rico, alles, was du zerstörst, bauen wir wieder auf.» Von aller Schuld losgesprochen machen wir uns ans Werk.

Unser Werk kann so aussehen:

Rico klaut sich einen vorbeifahrenden Sportwagen, indem er per Enterhaken auf das Dach springt und den Fahrer mit einem resoluten Griff in die Türe hinauswirft. Er springt hinein, gibt Gas, rast über eine Klippe, hechtet aus dem Wagen, schiesst den Enterhaken an die Unterseite eines Hubschraubers, seilt sich hoch, wirft den Piloten hinaus, feuert auf einen riesigen Kugeltank in einem Hafen, springt vor einer gewaltigen Explosion aus dem Hubschrauber, öffnet seinen Wingsuit, gewinnt Tempo und springt einer Wache mit gestreckten Beinen voraus direkt in die Fresse.

Drei Kühe machen Mühe.

Bildlegende: Immer schön die Kühe anbinden. Haben es nicht anders verdient, die Viecher. Screenshot

Oder so:

Rico feuert das eine Ende seines Enterhaken auf eine Kuh, das andere auf eine zweite. Dann rollt er das Seil ein und kichert, wenn die armen Viecher aufeinanderprallen.

Stunts statt Geschichte

Dass es in diesem Kontext unmöglich ist, eine ernsthafte Geschichte zu erzählen, weiss das schwedische Studio Avalanche genau. Und verzichtet deshalb darauf. Stattdessen versucht man etwas unbeholfen, witzig zu sein. Das Game erinnert uns zwar immer wieder mal, dass General Di Ravello ein Monster ist, konzentriert sich aber vor allem darauf, Figuren mit den miesesten pseudo-italienisch-spanischen Akzenten auf dem Planeten vorzuführen.

Das ist richtig so, denn die Stars dieser dritten Version von «Just Cause» sind der neue Wing Suit und die oben beschriebene Möglichkeit, alles und jeden per Enterhaken aneinander zu binden. Denn das geht nicht nur mit Kühen. Wir können so Statuen oder Benzintanks umreissen, zwei Autos in einer Verfolgungsjagd aufeinander prallen lassen oder einen Helikopter mitten im Flug am Boden festzurren. Es ist grossartig! Und das eigentliche Spielziel: möglichst kreativ Chaos zu säen.

Video: Guido spielt «Just Cause 3» (Livestream Let’s Play)

Natürlich gibt es Challenges, die wir bestehen müssen, um unsere Fähigkeiten zu verbessern. Ausserdem befreien wir Dörfer und Militärbasen, um die Armee des Diktators aus einer Region zu vertreiben (wie man es von «Far Cry» kennt), und werden dafür mit mehr Fahrzeugen oder Waffen belohnt.

Doch all das ist Beschäftigungsprogramm für Leute, die Struktur brauchen. Denn die Werkzeuge, um Chaos zu veranstalten, erhalten wir gleich zu Beginn oder nehmen sie uns einfach unterwegs. Das Freischalten ist also schön, aber nicht zwingend.

Tollkühne Unvorsichtige werden belohnt

Rico vor einer gewaltigen Benzinexplosion.

Bildlegende: BOOOM! Screenshot

Rico ist ausserdem kaum totzukriegen. Er kann auf eine riesige Funkantenne klettern, sich eine Handgranate direkt vor die Füsse werfen, mitsamt explodierender Antenne in die Tiefe fallen und das alles abschütteln, als hätte er nur mit der Schulter den Türrahmen gestreift.

Auch das ist lächerlich, aber sehr, sehr wichtig. Denn wir merken schnell, dass wir nicht vorsichtig sein müssen. So trauen wir uns immer extremere Stunts zu. Und wenn es uns dann trotzdem einmal gelingt, tatsächlich zu sterben, setzt uns das Spiel immer nur ein bisschen zurück – ich hatte nie das Gefühl, etwas wiederholen zu müssen.

Laaange Ladezeiten und Ruckeln

Was wir dann allerdings erdauern müssen, sind aussergewöhnlich lange Ladezeiten. Aufstehen-gemütlich-etwas-zu-trinken-holen-und-mal-Facebook-checken-lang. Das ist besonders bei Challenges schlimm, die man oft wiederholt, um besser zu werden.

Und es ist nur ein Indiz dafür, dass Entwickler Avalanche hier an und über die Grenzen der Hardware geht. Man liest von regelmässigen Abstürzen, offenbar vor allem auf PC und der Xbox.

Auf allen Plattformen kämpft «Just Cause 3», eine stabile Framerate zu halten. Wenn uns viel um die Ohren fliegt, verlangsamt das Spiel immer wieder mal von den normalen 30 auf 20 oder weniger Frames pro Sekunde, es wird also sichtbar langsamer oder ruckelt. Ich habe auf der Playstation 4 gespielt und hatte nur einen einzigen Absturz gestern Abend. Die Framerate-Probleme fielen mir zwar auch auf, haben mich aber nicht sonderlich gestört. Offenbar habe ich noch nicht genug explodieren lassen.

Rico balanciert auf der Tragefläche eines Kleinflugzeugs und schiesst mit Raketenwerfer.

Bildlegende: Ganz normaler Montag. Screenshot

Mehr Mühe hatte ich zu Beginn mit der Steuerung von Autos und Fluggerät, die mir zu empfindlich war. Daran habe ich mich mittlerweile allerdings gewöhnt. Ein klassisches Open-World-Spiel-Problem plagt uns auch hier: der Knopf, um in Fahrzeuge einzusteigen oder Schalter zu betätigen, funktioniert nur, wenn man sehr genau davor steht, was ab und zu den Spielfluss hemmt. Doch der Enterhaken funktioniert zuverlässig, und das ist im Kampf und im Chaos viel wichtiger.

Spielplatz für kreative Pyromanen

Entscheidend ist allerdings, dass wir kreativ bleiben. Die Welt von «Just Cause 3» ist riesig. Wenn wir jedes Dorf auf die gleiche Art und Weise zu erobern versuchen, wird sich das Spiel mit der Zeit wie Arbeit anfühlen und seinen Reiz verlieren. Wir müssen uns fordern und aktiv immer neue Wege und Stunts suchen, um Chaos zu verbreiten.

Dann ist «Just Cause 3» für Pyromanen der beste Spielplatz des Jahres.

«Just Cause 3» ist für Playstation 4, Xbox One und PC. Es ist ab 18. Das Haikiew ist hier.