Review: «Rocket League»

Fussball! Doch es kicken nicht Menschen, sondern Autos! «Rocket League» ist simpel, aber grossartig – ein echter Überraschungshit.

Ich lauere im Zentrum.

An der Aussenlinie balgen sich einer meiner Stürmer und zwei gegnerische Verteidiger um den Ball. Und siehe da – der Ball kommt hoch und quer geflogen. Ich gebe Gas. Springe ab. Drehe die Nase meines Autos in der Luft nach oben. Zünde meine Rakete, um zusätzliche Höhe zu gewinnen. Der Unterboden trifft den Ball satt und exakt, ffffffwoappppp, im rechten oberen Eck!

Toooooooooooooooor!

Es sind diese Momente, die «Rocket League» so grossartig machen: wenn alles genau aufgeht. Die sicher verwertete Flanke. Der Sololauf aus der Verteidigung heraus. Der in höchster Not abgewehrte Torschuss. Das Tor, das uns sechs Sekunden vor Schluss in die Verlängerung rettet.

So gutes Gefühl

Nichts ist so befriedigend, wie ein Tor zu erzielen. Überquert der Ball die Linie, explodieren Ball und Tor, der Bildschirm wackelt, der Kontroller vibriert, die Autos in der Nähe des Tores werden wegkatapultiert, es gibt eine Wiederholung in Slow Motion – «Rocket League» weiss genau, wie man belohnen muss.

Blaues Auto vor dem Tor, rotes Auto springt dazu.

Bildlegende: Jetzt aber müsste es klappen! Psyonix

Wir spielen also Fussball, aber nicht mit menschlichen Figuren, sondern mit Autos. Der Standard-Modus ist Drei gegen Drei. Es gibt auch Partien Eins gegen Eins oder Zwei gegen Zwei, in die ich mich nicht getraut habe. Vier gegen Vier habe ich ausprobiert; das war mir aber etwas zu chaotisch.

Wir spielen online oder lokal auf der Couch, mit und gegen andere Menschen. Oder alleine, mit und gegen computergesteuerte Autos. Weil alle wissen, wie Fussball funktioniert – vorne eines rein machen, hinten keines kriegen – sind wir sofort im Spiel. Wir merken schnell, dass die Autos hüpfen können und eine Rakete zünden, für zusätzliche Geschwindigkeit. Eine Handbremse für enge Manöver.

Saltos, Rollen, Raketen-Boost lernen

Und so springe ich gleich in eine erste Saison, im einfachsten «Rookie»-Modus. Ich gewinne die meisten Spiele, erziele sogar ab und zu ein Tor vom Anstosspunkt. Das ist zu einfach. Also die Schwierigkeitsstufe eines erhöhen, und plötzlich sehe ich alt aus, gewinne in einer ganzen Saison nur ein Spiel.

Roter Truck im Anflug.

Bildlegende: Knubbel-Autos können fliegen. Psyonix

Ich merke, dass ich trainieren muss. Ich spiele also die Trainingsmissionen durch und lerne, dass die Steuerung viel komplexer ist, als ich ursprünglich dachte.

So kann ich mit meinem Auto einen Vorwärtssalto machen, um zusätzliche Geschwindigkeit zu gewinnen oder den Ball flach zu spielen, statt anzuheben. Ich kann eine Seitwärtsrolle machen, um einen Ball zu erwischen, der sonst knapp an mir vorbeigeflogen wäre. Und ich kann den Raketen-Boost nicht nur nutzen, um schneller vorwärts zu kommen, sondern auch, um Höhe zu gewinnen.

Die Rakete richtig einzusetzen, ist alles. Denn der riesige Ball, um den sich alle balgen, bleibt selten am Boden. Gute Spieler kontrollieren das Auto in der Luft, fliegen über das halbe Spielfeld, wirbeln das Auto um die eigene Achse und treffen den Ball mit dem Heck, gewissermassen ein Fallrückzieher.

Bulliges rotes Auto mit Wikinger-Helm und Ghana-Flagge.

Bildlegende: Sieht gut aus, nicht? Screenshot

Die Kameraführung ist etwas gewöhnungsbedürftig. Es gibt zwei wählbare Modi: Entweder schauen wir gerade nach vorn, sehen also möglicherweise den Ball nicht. Oder die Kamera richtet sich automatisch immer auf den Ball aus, worauf sich die Perspektive laufend verändert. Gerade bei Querpässen schätzte ich die Flugbahn des Balles deshalb oft falsch ein. Geschickt zwischen den Modi umzuschalten, verbessert die Präzision.

Und plötzlich geht es: Ich gewinne eine hochspannende Saison, mit sehr vielen sehr knappen Partien, mein Herz pocht, meine Handflächen sind feucht.

Das ist grossartiges Design: Das Spiel hebt den Schwierigkeitsgrad an, bringt mir aber alles bei, was ich brauche, um die neue Herausforderung zu meistern.

Auch sonst macht «Rocket League» einfach alles richtig. Die Autos sind alle gleich schnell und stark, wir können sie aber optisch personalisieren. Beispielsweise können wir ihnen doofe Hüte aufsetzen (mein aktueller Liebling: ein Fez!). Oder den Ausstoss der Rakete in einen Geldregen oder Regenbogen verwandeln.

Immer noch ein Spiel

Chaos vor dem Tor. Die Gegner heissen Buntstiftspitzer und Gulaschtherapeut.

Bildlegende: Meine grösste Tat online: Sechs Sekunden vor Schluss schiesse ich den Ausgleich und rette mein Team in die Verlängerung. Screenshot

Auch online ist das Spiel toll: Es sind immer genug Mitspieler online, das Matchmaking ist fair. Ich hatte nie das Gefühl, völlig übermächtigen Teams gegenüber zu stehen. Trotzdem müssen wir gut zusammenspielen, Räume absichern, auf den richtigen Moment warten, nicht einfach wie ein junger Hund dem Ball nachhetzen.

Und schliesslich ist eine Partie nach fünf Minuten entschieden. Es ist also ein Leichtes, immer noch eine mehr zu spielen.

Mach's noch einmal, «Supersonic Acrobatic Rocket-Powered Battle-Cars»!

«Rocket League» ist grossartig – und es ist ein Hit: Fünf Millionen mal wurde das Spiel heruntergeladen. Das ist eine Überraschung, denn Entwickler Psyonix aus San Diego kannte vorher kaum jemand.

Ausserdem erschien das Spiel eigentlich schon einmal: Bereits 2008 veröffentlichte Psyonix «Supersonic Acrobatic Rocket-Powered Battle-Cars», mit dem gleichen Prinzip wie «Rocket League». Es konnte zwar mit der Zeit eine ansehnliche Zahl Downloads verzeichnen (immerhin zwei Millionen), erhielt aber nur mittelmässige Reviews und wurde ausserhalb einer kleinen Gruppe von harten Fans kaum beachtet.

Das ist jetzt völlig anders: Auf Twitch und in «Let’s Play»-Videos auf Youtube wird «Rocket League» heiss geliebt. Für «Playstation Plus»-Abonnenten war es im Juli gratis. Psyonix war dieses Mal zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Richtige Zeit, richtiger Ort – und zugänglicher

Ein goldener Pokal für den Sieger.

Bildlegende: Den Pokal gibt es netterweise ohne widerliches Schunkeln mit Queen. Screenshot

Doch auch das Spiel ist besser. Es ist deutlich langsamer als «Supersonic Acrobatic Rocket-Powered Battle-Cars». Die Tore sind grösser. Die Spielfelder sind simple Rechtecke, nicht beispielsweise Piratenschiffe mit Plattformen. «Rocket League» ist auf gutes Zusammenspiel ausgerichtet, weniger auf Einzelleistungen. Und online ist das Matchmaking viel besser – als Anfänger wird man nicht gleich in den Boden gestampft.

Das alles macht «Rocket League» zugänglicher. Es macht einfach mehr Leuten Spass. Das sieht auch Psyonix-Chef Dave Hagewood so. In einem Interview mit Gamasutra meint er: «If you have a game concept that doesn’t do well, it’s not necessarily true that the concept is a failure. […] Maybe it just needs to be done in a better way, or at a better time».

Das hat Psyonix getan. Und darum ist «Rocket League» eine der grössten Überraschungen des Jahres. Simpel, grossartig.

«Rocket League» ist für Playstation 4 und PC. Das Haikiew ist hier.