Review: «Spintires»

Fahre mit deinem Lastwagen in den Schlamm. Bleib stecken. Befreie dich aus dem Schlamm. Fahre in den nächsten Schlamm. Es ist der ewige Kreislauf des Lebens.

Schlamm. Dreck. Morast. Matsch. Das sind schöne Wörter.

Wir lieben den Schlamm. Wir springen gerne herein, weil es spritzt. Weil es ein so schönes Spfltsch-Geräusch macht. Weil der Schlamm wohlig zwischen den Zehen hindurch quillt, weil er angenehm müffelt.

Und weil der Schlamm an unsere Herkunft erinnert, an unsere Zukunft mahnt. Wir kommen aus dem Schlamm und da gehen wir am Ende wieder hin.

Schlamm ist ein Symbol für die immerwährend zunehmende Entropie. Ordnung wird zu Chaos. Wir schlittern unaufhaltsam dem lauwarmen, graugrünbraunen Untergang entgegen.

Ein Laster zieht einen anderen, schwer mit Holzstämmen beladenen aus dem Schlamm.

Bildlegende: Könnt ihr den Schlamm riechen? Schlamm! Screenshot

Ausserdem entsteht genau da Schlamm, wo wir Menschen auf die Natur prallen.

Der Schlamm der Waldstrasse ist der Eiter auf den Narben aus dieser Schlacht. Im Schlamm kämpfen wir für die Ordnung, gegen die Natur, um unser Überleben schlechthin.

Was tut der moderne Mensch, wenn er vor der erbarmungslosen Macht Natur steht, vor der Unausweichlichkeit des Todes? Er startet den Motor seiner Maschine. Die Maschine ist das Werkzeug gegen die Ohnmacht, gegen die kaltfeuchte Dunkelheit. Alle Macht dem Diesel.

Meine Maschine ist ein KrAZ-255: 6x6 Allrad-Antrieb, 12 Tonnen Leergewicht, ein gewaltiges Drehmoment von 883 Nm bei nur 1600 Umdrehungen pro Minute. Nimm das, Natur! Nimm diese Legende des sowjetischen Lastwagens, aus der ukrainischen Stadt Krementschuk, in deren Namen schon das Röcheln und Spucken des mächtigen Dieselmotors anklingt.

Mit diesem Monster fahre ich in «Spintires» los, um im feuchten, graugrünbraunen Nadelwald Holz abzuholen und zu einer Sägerei zu bringen. Aber vor allem, um gegen den Schlamm zu kämpfen. Um Ordnung zu schaffen.

Der Webcomic «Penny Arcade» fasst «Spintires» so zusammen:

«  You get your truck stuck in the mud, and then you try to get out of the mud, but you're too stuck. Then you get out, but you get stuck in another, different mud. »

Ein Steam-Forum-Mitglied namens «Garett» erklärt unter dem Titel «To those who don't understand»:

«  The key character in the game is the mud, it's always there and you're always fighting it. It doesn't want you to get where you want to go. After a few hours of play you will learn to love the mud and want to be around it more than your own wife and family, that's normal. »

Und so ergeht es auch mir. Ich fahre los, durch einen Fluss und dann gleich in den knietiefen Schlamm. Ich muss Allrad-Antrieb und Sperrdifferential zuschalten. Mein Lastwagen pflügt sich im Schneckentempo durch den Morast. Nichts Subtiles ist daran; es ist die rohe Gewalt des Diesels.

Der Lastwagen ist zur Seite gekippt und liegt im Schlamm.

Bildlegende: Da liegt er im Graben. Vorteil Schlamm. Screenshot

Die Simulation bildet Schlamm nach, wie er verdrängt wird, wie er an den Reifen klebt. Wie die Federung des Lastwagens auf den Boden reagiert, für jedes Rad einzeln. Ob der Lastwagen kippt oder rutscht oder gerade so noch steht. Ob er Bäume umfährt oder nur biegt.

In der «Casual»-Variante schaltet das Getriebe automatisch. Wer es sich extra schwierig machen will, schaltet manuell. Wir können auch online zu zweit spielen und uns gegenseitig aus dem Schlamm ziehen. Schlamm-Buddies.

Die Gegend ist weitläufig, aber gleichförmig. Wald mit etwas mehr oder weniger Sumpf, ganz selten einmal eine halb verfallene Holzhütte. Wir sind sehr langsam unterwegs, der Diesel röhrt einschläfernd. Es ist meditativ. Man kann gut nebenbei Podcasts oder Musik hören.

Von einem Problem zum nächsten.

Bildlegende: Zwar den Laster rechts aus dem Graben gezogen. Doch jetzt hängt der links zwischen den Bäumen fest. Tammisiech. Screenshot

Und genau dann, wenn wir etwas zu entspannt durch den Wald dröhnen, wenn wir glauben, den grossen Antagonisten Schlamm im Griff zu haben, rutschen wir in einen Graben. Kippen seitlich über eine Kuppe. Haken uns beim Manövrieren zwischen Baumstämmen fest. Ertränken den Motor im zu tiefen Wasser.

Wir können dann in einen anderen Lastwagen hüpfen. Um den ersten aus dem Dreck zu ziehen, wieder aufzurichten, zu reparieren oder frisch zu betanken. Doch oft reiten wir uns nur noch mehr in den Dreck. Auch der zu Hilfe eilende Laster bleibt stecken oder ohne Diesel liegen. Kriegen wir alle wieder heil in die Garage zurück? Das sind die Geschichten, die hier entstehen, ganz unverhofft, aber umso dramatischer.

Und so kämpfen wir bald eine ganze Stunde an einer einzigen Stelle mit Schlamm, Baumstämmen, Seilwinden und selbst eingebrockten Folgeproblemen. Doch sind die Laster alle wieder fahrtüchtig, ist das Gefühl triumphal: Der Mensch hat die Natur besiegt. Mit Hilfe der glorreichen Maschine.

Ein Laster mit Holzstämmen beladen auf dem Weg zur Sägerei.

Bildlegende: Der lichte Birkenwald ist der schönste Wald. Screenshot

«Spintires» ist der nur der Rumpf eines Spiels. Die Kameraführung ist ungelenk, Zwischenstände lassen sich nur eingeschränkt speichern. Das User Interface ist hässlich wie Schlamm. Die Steuerung wird kaum erklärt. Ziele setzt uns das Spiel nur wenige – bringe Holz von A nach B oder schalte Achievements frei. Und eine Belohnung dafür dürfen wir nicht erwarten.

Alles nicht wichtig. «Spintires» ist unverfroren roh. Es konzentriert sich ganz auf das epische Duell Diesel gegen Schlamm.

Ich hasse dich, Schlamm. Ich liebe dich, Schlamm. Spüre die Kraft meiner Kolben.

«Spintires» ist für PC. Das Haikiew ist hier.

Schlamm oder Diesel?

  • Das ist hier die Frage!

  • Schlamm!

    52.72%
  • Diesel!

    47.28%
  • 184 Stimmen wurden abgegeben