Review: «Super Time Force»

Viele Games erzählen von Zeitreisen. Aber nur «Super Time Force» führt uns so richtig vor Augen, für wie viel Verwirrung das ständige Vor und Zurück in der Zeit tatsächlich sorgen kann.

Drei Comicfiguren stehen vor einem Leichenberg und Twittern.

Bildlegende: Sterben als Spielprinzip: Damit die drei überleben konnten, mussten sie erst dutzendfach sterben. Ja, so paradox sind Zeitreisen eben! YouTube/Capybara Games

Dass Zeitreisen ihre Tücken haben, weiss nicht nur Marty McFly – was wir in der Vergangenheit tun beeinflusst unsere Zukunft und im dümmsten Fall löschen wir uns damit gleich selbst aus. Grossvater-Paradoxon und so. Immerhin ist das noch linear gedacht: Richtig kompliziert wird es, wenn Vergangenheit(en) und Gegenwart gleichzeitig stattfinden, auf demselben Bildschirm, wie bei «Super Time Force». Aber – trotz allem – der Reihe nach.

Unser Abenteuer beginnt mit einem wissenschaftlichen Durchbruch: Doctor Repeatski findet im Philadelphia des Jahres 1987 eine Formel, die Zeitreisen möglich macht. Gleich darauf bricht die Apokalypse aus und eine Armee von Robotern überfällt die Erde. Aber keine Sorge: Ein zweiter Repeatski aus der Zukunft eilt der Welt als Commander Repeatski zu Hilfe.

Mehr als nur ein Action-Side-Scroller

Zukunfts-Repeatski ist Anführer der Super Time Force, bestehend aus Jean Rambois (sic!), der Scharfschützin Aimy McKillin und dem gut gepanzerten Shieldy Blockerson. Später kommen weitere Charakteren dazu, Zackasaurus zum Beispiel, ein Skateboard fahrender Dinosaurer. Ja, so ein Spiel ist «Super Time Force».

Jede dieser Figuren hat unterschiedliche Fähigkeiten: Rambois schiesst wie ein Verrückter, McKillins Schüsse prallen von Wänden ab oder durchdringen Mauern, Blockerson kann ein schützendes Schild über die Kampfgefährten legen. So weit, so charmant und auch so konventionell. Aber «Super Time Force» ist mehr als der actiongeladene Side-Scroller in schnuckliger Retro-Grafik, nach dem es im ersten Augenblick aussieht.

Dieses Game braucht Übung

Dank Repeatskis Entdeckung haben wir die Möglichkeit, die Zeit im Spiel nach Belieben zurück zu drehen. Wird unsere Spielfigur getötet – dazu genügt schon ein einziger Treffer – halten wir einfach die Zeit an, springen zu einem beliebigen Zeitpunkt zurück und versuchen es noch einmal. Der Clou dabei: Unsere «alte» Figur bleibt mit im Spiel und macht bis zu ihrem Tod noch einmal das, was sie schon einmal tat. Und weil kaum ein Level mit nur einer Figur bestanden werden kann, sind wir auf die Unterstützung unserer Zeit-Doppelgänger angewiesen.

Spielszene aus «Super Time Force»

Bildlegende: Stirbt ein Charakter (rotes Quadrat) hält die Zeit von selbst an. Capybara Games

Sterben wir noch einmal, springen wir also wieder zurück und versuchen es – nun zu dritt – erneut. So legen sich unsere Versuche Schicht für Schicht übereinander, bis möglicherweise Dutzende unserer Figuren durch einen Level hüpfen. Das hört sich kompliziert an und spielt sich in den ersten Versuchen auch entsprechend. Es braucht einige Übung, die verschiedenen Zeitlinien im Auge zu behalten und sich am Ende nicht selbst in die Quere zu kommen. Und es braucht einige Übung, den richtigen Zeitpunkt zum Zurückdrehen der Zeit zu finden und jede Figur bestmöglich zu platzieren.

Schicht für Schicht auftragen wie ein Maler

Pro Level können wir 30 Mal in der Zeit springen und uns dabei jedes Mal einen neuen Gefährten zur Seite stellen. Nicht immer ist so viel Personal nötig, manchen Level absolvieren wir lieber alleine oder mit einem kleinen Team. Andere lassen sich ohne dutzendfache Feuerkraft und Abwehrschilde kaum überstehen. Das 60-Sekunden-Limit jedes Levels lässt sich dank Zeitsprüngen zwar um ein Vielfaches strecken, doch ausruhen können wir uns nicht, in den meisten Fällen garantiert nur ein perfekt orchestrierter Angriff den Erfolg.

Spielszene aus «Super Time Force»

Bildlegende: Pro Level können wir die Zeit 30 Mal zurückspulen. Hier (im Mittelalter) bleiben noch 28 Versuche übrig. Capybara Games

So gleicht «Super Time Force» bald weniger einem Action-Game als einem Puzzle, etwa wenn wir bei besonders starken Endgegnern erst deren Schwachpunkte ausmachen und danach einen genauen Plan für den Einsatz unserer Figuren finden müssen. Blind drauflos stürmen und wild schiessen hilft da wenig. Viel mehr müssen wir wie ein Maler Schicht um Schicht auf unser Bild auftragen, nach jedem Zeitsprung zurück erst einmal zurücktreten, uns das Bild genau anschauen und gut überlegen, wo – und wann! – wir zum nächsten Pinselstricht ansetzen.

Der Tod gehört zum Geschäft

Dabei nehmen wir den Tod unserer Figuren nicht nur in Kauf, wir setzen ihn sogar als strategisches Mittel ein. Wir lassen zum Beispiel Jean Rambois fast bis ans Ende eines Levels kommen und sterben, springen zurück und stellen ihm Shieldy Blockerson als Schutz zur Seite und lassen ihn ebenfalls sterben, springen noch einmal zurück und bringen Aimy McKillin ins Spiel, die mit gezielten Schüssen ein paar Fieslinge aus dem Weg räumt, springen ein letztes Mal zurück um mit Zackasaurus schliesslich ans Ziel zu kommen.

Spielszene aus «Super Time Force»

Bildlegende: Wir spulen die Zeit vor und zurück wie eine Tonbandkassette. Capybara Games

Nun ist «Super Time Force» nicht das einzige Game, das mit der Zeit spielt und auch längst nicht das einzige, in dem wir missglückte Passagen einfach durch Zurückspulen vergessen machen – Freunde von Rennspielen etwa können das nach jedem Crash in der Haarnadelkurve. Dort geschieht das aber meist mit schlechtem Gewissen, bei «Super Time Force» ist es zentrales Element des Spielprinzips.

So paradox wie «reale» Zeitreisen

Im Verlauf des Spiels bewältigen wir Missionen in der Zukunft – wenn wir ins 31. Jahrhundert reisen, wo sich Commander Repeatski jedes Browser-Plugin besorgt, das es je gab, um nie mehr seinen Internetbrowser updaten zu müssen – oder in der Vergangenheit – wo wir die Dinosaurier vor dem Aussterben retten, weil Repeatski lieber in einer Welt mit Dinosauriern leben möchte (so wie jeder vernünftige Mensch).

Eine Spielszene aus «Super Time Force»

Bildlegende: Die meisten Gegner lassen sich nur im Team besiegen. Capybara Games

Mit unseren Zeitreisen verändern wir die Gegenwart, genau so wie wir in einzelnen Levels mit dem ständigen Zurückspringen und Hinzufügen zusätzlicher Charaktere die Situation im Kampf verändern. Zeitreisen sind bei «Super Time Force» also nicht nur ein Gimmick der schön absurden Story (auf die das Game manchmal ein wenig zu stolz scheint), das ganze Vor-und-Zurück prägt das Spielerlebnis an sich, etwa wenn wir im Kampf gegen einen Endgegner vor lauter parallel laufender Zeitlinien komplett die Übersicht verlieren. So legt sich ein Zeit-Paradoxon übers nächste, wie es bei «realen» Zeitreisen wohl auch schnell der Fall wäre.

Viel Gewusel und Hektik

Obschon der Tod in «Super Time Force» immer rückgängig gemacht werden kann, ist es kein leichtes Spiel. Es braucht wie gesagt einige Übung, seine Figuren richtig ins Spiel zu bringen. Und selbst wer die die grundlegenden Prinzipien einmal begriffen hat, kann vom Gewusel und der Hektik auf dem Bildschirm leicht überwältigt werden.

Spielszene aus «Super Time Force»

Bildlegende: Die parallel laufenden Zeitlinien sorgen für viel Hektik auf dem Bildschirm. Capybara Games

Immerhin bekommen wir nach erfolgreichem Abschluss eines Levels quasi eine Zusammenfassung unserer Spielzüge präsentiert: Wenn sich alle Zeitlinien in eine vereinen und als 60-Sekunden-Video des Levels zu sehen sind – da können wir für einmal einfach nur zuschauen, ganz ohne Zeitdruck.

«Super Time Force» gibt es für Xbox One und Xbox 360. Das Game ist für alle Altersklassen freigegeben.

«Super Time Force»-Trailer

«Super Time Force»-Trailer

Viel mehr als nur Werbung: Den «Super Time Force»-Trailer bei YouTube kann man sich ruhig zweimal anschauen. Oder auch öfter.