Review: «This War of Mine»

Krieg in Games geht normalerweise so: Unser hochgerüsteter Soldat kämpft sich durch die gegnerischen Linien, schiesst Feinde links und rechts gleich dutzendweise ab und wird am Ende als Held gefeiert. «This War of Mine» ist anders, ganz anders.

Spielszene aus «This War of Mine»

Bildlegende: Kein Game, das Spass machen will: Wer ein bedingungsloses Happy-End sucht, wird enttäuscht. 11 Bit Studios

Was uns «This War of Mine» sagen will, ist eigentlich banal. Jeder weiss, dass Krieg etwas Schlimmes ist. Jede weiss, dass Menschen in Extremsituationen zu Grausamkeit fähig sind. Und trotzdem kann man diese Plattitüden nicht oft genug wiederholen. Vor allem nicht als Game – in einem Medium, das Krieg nur zu gerne als Anlass für Heldengeschichten nimmt.

Spielszene aus «This War of Mine»

Bildlegende: Unser Unterschlupf ist in einem desolaten Zustand. 11 Bit Studios

In «This War of Mine» sind wir für das Schicksal einer Gruppe von Überlebenden in einer zerbombten Stadt verantwortlich. Anfänglich sind es drei Leute, die in einer Ruine hausen, mehr schlecht als recht vor Wind und Wetter und dem herannahenden Winter geschützt. Von jedem unserer Protagonisten kennen wir skizzenhaft eine Vorgeschichte. Pavle etwa war Fussballer, Bruno ein TV-Koch, Katia arbeitete als Reporterin.

Die Stadt selbst trägt keinen Namen, erinnert aber an Osteuropa. Die Macher – 11 Bit Studios aus Polen – machen auch kein Geheimnis daraus, dass ihr Game von der Belagerung Sarajewos beeinflusst ist, die mit 1425 Tagen die längste des 20. Jahrhunderts war.

Tauschen und Plündern

Tagsüber halten sich die Überlebenden im Innern auf. Nach draussen gehen wäre zu gefährlich – wir hören den Krieg als stetiges dumpfes Grollen im Hintergrund und wissen, dass an jeder Ecke Scharfschützen lauern. In ihrem Unterschlupf helfen wir unseren Spielfiguren, mehr schlecht als recht zu überleben. Wir weisen etwa Katia an, die Ruine nach nützlichen Gegenständen zu durchsuchen. Wir lassen Bruno etwas kochen und Pavle ein Bett zimmern.

Spielszene aus «This War of Mine»

Bildlegende: Pavle auf einer nächtlichen Plünder-Aktion. 11 Bit Studios

In der Nacht entscheiden wir, welche Spielfigur den Unterschlupf verlassen soll, um draussen nach Nahrung, Medizin oder anderen Hilfsmitteln zu suchen. Verschiedene Gebiete der Stadt bieten unterschiedliche Möglichkeiten und Gefahren: Wo es viel zu holen gibt, droht Ungemach von Banditen und anderen Plündernden. Und wagen wir uns hinter die Frontlinien, lauern dort die Scharfschützen.

Welche Figur wir für eine solche Mission nach draussen schicken, hängt auch von den jeweiligen Begabungen unserer Protagonisten ab. Ex-Fussballer Pavle etwa ist ein ausgezeichneter Sprinter, Reporterin Katia dagegen ist gut im Verhandeln – eine nützliche Eigenschaft, etwa wenn wir in der Nacht auf andere Überlebende treffen, mit denen wir Waren tauschen können. Denn die Infrastruktur der Stadt ist komplett zusammengebrochen. Zum Überleben bleiben nur Tauschhandel und Plündern.

Anderen helfen oder bloss das eigene Überleben sichern?

Wer nicht nach draussen geht, bewacht entweder die desolate Unterkunft, die jederzeit von Banditen geplündert werden könnte. Oder er schläft und erholt sich von vorangegangenen Missionen. Erholung haben im Spiel stets alle Figuren nötig, sei es körperlich oder mental. Wenn wir darauf nicht achten, ist das Spiel bald zu Ende. Sei es, weil die Protagonisten an einer Krankheit sterben. Sei es, weil sie so deprimiert sind, dass sie sich das Leben nehmen.

Spielszene aus «This War of Mine»

Bildlegende: Wie setzen wir unsere knappen Ressourcen am besten ein? 11 Bit Studios

«This War of Mine» ist also ein Strategie-Spiel, bei dem es ums Überleben geht. Eine Art «The Sims», aus dem alles Heitere und Farbige verbannt wurde. Die Grafik ist dementsprechend minimal gehalten, düster und bedrohlich. Das Spiel soll keinen Spass machen, sagen selbst die Macher.

Ähnlich wie «Papers, Please», in dem wir in die Rolle eines Grenzbeamten schlüpfen, stellt uns «This War of Mine» immer wieder vor unangenehme Entscheidungen. Sollen wir aus gefunden Gegenständen lieber eine Werkbank bauen oder ein Bett? Wasser zum Schnapsbrennen verwenden oder zum Trinken? Anderen Überlebenden helfen und sich dabei selbst in Gefahr bringen? Flüchtlinge wahllos aufnehmen oder nur denen Schutz zu bieten, deren besondere Fähigkeiten uns im Überlebenskampf nutzen?

Jede Entscheidung hat Konsequenzen

Es sind keine Entscheidungen, bei denen es ein «Richtig» oder «Falsch» gibt. Eines Tages klopfen Soldaten an der Tür. Sie suchen nach Plünderern, die Militärproviant gestohlen haben und sie versprechen Zigaretten, Büchsenfleisch und frisches Wasser als Belohnung. Sollen wir unsere Nachbarn verraten? Oder stumm bleiben und auf die dringend benötigten Güter verzichten und weiter hungern?

Spielszene aus «This War of Mine»

Bildlegende: Hinter den Frontlinien lauern auch in der Nacht die Scharfschützen. 11 Bit Studios

Und stets müssen wir unsere Ressourcen einteilen. Nie haben wir genug Zeit oder Material, alles zu tun und zu bauen, was wir gerne hätten. Und auf welche Strategie wir auch setzen, wie wir uns auch entscheiden: Stets hat unser Handeln Konsequenzen für die Spielfiguren. Etwa wenn Pavle in einer Vorortsgegend ein immer noch bewohntes Haus plündert. Zwar drohen ihm dort kaum Gefahren durch Scharfschützen oder andere Plünderer. Doch das Flehen der Bewohner, ihnen nicht alles zu nehmen, setzt Pavles Psyche zu. Er wird depressiv und ist in diesem Zustand zu nichts mehr zu gebrauchen.

Traurig – und spannend

Im Gegensatz zu Kriegsspielen wie «Call of Duty» oder «Battlefield» handeln wir in «This War of Mine» nie aus einer Position der Stärke. Alle unsere Entscheidungen sind allein vom Willen geprägt, unserer Gruppe das Überleben zu sichern. Wir haben keine hochgerüstete Armee, die uns den Rücken freihält. Wir haben nicht die neusten Superwaffen, uns gegen Feinde zu verteidigen.

Am Ende des Games gibt es keine Gewinner. Und wohl nie werden wir es schaffen, im Spielverlauf keine unserer Figuren zu verlieren. Das ist traurig und frustrierend. Aber das heisst nicht, dass «This War of Mine» kein eindrückliches Spielerlebnis wäre. Denn die Macher geben sich nicht einfach damit zufrieden, Erwartungen an ein Kriegsspiel zu unterlaufen und für einmal die andere Seite des Krieges zu zeigen. Sie haben auch die Mechanik des Games interessant genug gestaltet, dass etwa bei den Plünderungsmissionen in der Nacht viel Spannung aufkommt.

Krieg aus der Opferperspektive

«This War of Mine» zeigt uns, dass auch die hehrsten Grundsätze Ansprüche im Angesicht des Todes rasch über den Haufen geworfen werden. Aber dass der Mensch in Extremsituationen zu Grausamkeit fähig ist, hätten wir auch so geahnt. Auch dass Krieg etwas Schlimmes ist, wussten wir schon vor dem Game.

Und wie es sich tatsächlich anfühlt, in einer belagerten Stadt zu (über)leben, kann uns ein Spiel, das wir im sicheren Zuhause am Computer spielen, nicht wirklich zeigen.

Etwas wirklich Neues lehren kann uns «This War of Mine» vielleicht nicht. Aber wahrscheinlich genügt es schon, Krieg in einem Game einmal nicht als Schlachtplatz für hochgerüstete Helden zu zeigen. Sondern als bitteren Überlebenskampf, bei dem es nur Verlierer gibt.

Gameplay-Trailer

Gameplay-Trailer

Wie spielt man ein Game, das keinen Spass machen will? Der Youtube-Trailer von «This War of Mine» zeigt es.