Review: «Train Fever»

Mit dem Ausbau des Bahnnetzes hat die Schweiz im 19. Jahrhundert die Weichen für die Zukunft gestellt. Höchste Eisenbahn, das auch in einem Game zu tun! Fährt «Train Fever» mit Volldampf in die Herzen der Eisenbahnverrückten oder landet das Game auf dem Abstellgleis? Wir nehmen Platz im Führerstand.

Eine Dampflokomotive fährt auf einem Geleise.

Bildlegende: Aus Dampf wird später Strom: «Train Fever» lässt uns von 1850 bis ins Jahr 2020 spielen. Urban Games

Games wie «Transport Tycoon» machten das Genre der Wirtschafts- und Verkehrssimulation in den 1990er Jahren populär. Und auch in Simulationsspielen wie «Sim City» gehört die Verkehrsinfrastruktur zum Pflichtenheft.

Die Schaffhauser Game-Entwickler Urban Games kennen die Geschichte des Genres und wissen auch, wodurch sich ihr Game von diesen Vorgängern unterscheidet: durch die schönen 3D-Grafiken zum Beispiel oder dadurch, dass wir hier die Schienen unserer Eisenbahnen frei legen können, ohne einem rechteckigen Gittermuster folgen zu müssen. So sind unseren Bahn-Fantasien kaum mehr Grenzen gesetzt.

Ein grosser Sandkasten für Eisenbahnfreunde

In «Train Fever» schlüpfen wir in die Rolle eines Transportunternehmers, der die Verkehrsinfrastruktur eines Gebietes aufbaut – und damit natürlich auch etwas verdienen will. Das Spielfeld wird vom Computer automatisch erstellt, kleine und grössere Ortschaften kommen darauf zufällig zu liegen. Wir können beim ersten Spielen zwischen einer kleinen, mittleren oder grossen Welt wählen (wobei einem schon die kleine Welt recht gross vorkommt). Und auch ob das Gebiet hügelig ist oder eher flach.

Ein anderes Ziel als ein möglichst effizientes Transportsystem aufzubauen haben wir nicht; es gibt auch keine spezifischen Missionen zu erfüllen. «Train Fever» ist ein grosser Sandkasten, in dem sich Gleisfanatiker nach belieben austoben können.

Nach einigem Spielen können wir beim Neustart auch wählen, in welchem Jahr unsere Simulation beginnen soll: 1850, 1900 oder 1950. Das hat nicht einen Einfluss darauf, welche Fahrzeuge uns zur Verfügung stehen – und welche Konkurrenz wir fürchten müssen. Wenn wir etwa 1950 starten, erwächst uns mit dem Autoverkehr bald ein mächtiger Gegner, der unserem Schienen-Imperium gefährlich wird.

Von der Spanisch-Brötli-Bahn bis zum Mirage-Tram

Im Jahr 1850 beginnen wir dagegen ganz gemütlich mit von Pferden gezogenen Kutschen, die – als Vorläufer des Busverkehrs – Bewohner einer Stadt zum Bahnhof bringen. Dort wartet dann eine SNB D 1/3 auf Passagiere – die legendäre Spanisch-Brötli-Bahn! Man ahnt es: «Train Fever» ist ein Software gewordener Wunschtraum für Eisenbahn- und Transport-Nostalgiker.

Eine vierachsige Diesellokomotive Baureihe 218 der Deutschen Bundesbahn.

Bildlegende: Da schlägt das Herz jedes Ferrophilen höher: Eine vierachsige Diesellokomotive Baureihe 218 der Deutschen Bundesbahn. Urban Games

Urban Games haben ihre Ressourcen klug eingesetzt und viele verschiedene Fahrzeuge ins Game geholt. Dazu gehören auch dampfgetriebene Strassenbahnen, preussische Lokomotiven oder das Mirage-Tram von 1966, das in Zürich noch bis ins Jahr 2010 noch auf der Linie 2 verkehrte. (Erinnert sich jemand an die heimeligen Holz-Sitze?)

Die Fahrzeuge sind nicht nur einigermassen detailgetreu gestaltet, sie sind auch mit ihren spezifischen Fahrgeräuschen zu hören. Das Zischen und Rattern lenkt wohltuend vom sonstigen Dudel-Soundtrack des Games ab, der sich glücklicherweise auch ganz ausschalten lässt.

Verbindungen müssen schnell und bequem sein

So viel Auswahl bei den Fahrzeugen herrscht, so monoton zeigen sich die Gegenden, durch die unsere Züge rattern. Eine reizlose, immer gleiche grüne Landschaft ist das, bloss mit ein paar Feldern, Wäldern und Hügeln bestückt. Dafür finden wir in den Städten mehr Abwechslung: Über die Zeit werden aus den Ortschaften auf dem Spielfeld kleine Städte mit Wohnhäusern, Industrie-, Freizeit- und Geschäftsgebäuden, von denen keines dem anderen gleicht.

Pferde ziehen eine Kutsche.

Bildlegende: Von Pferden gezogene Kutschen sind die Vorläufer des Bus-Verkehrs. Urban Games

Wir können nach Wunsch in die Strassen dieser Städte hineinzoomen und sehen dort kleine Figuren ihres Weges gehen. Ein Info-Fenster zeigt uns an, wo eine Person gerade hin will. Jede Figur hat einen Wohnort und einen Arbeitsort und Orte, wo sie zum Vergnügen hingeht. Weil die Städte ohne unser Zutun wachsen, können wir nicht bestimmen, wo sich diese Orte befinden.

Aber wir können unser Transportnetzwerk so bauen, dass jede Person möglichst leicht von einem dieser Orte zum anderen kommt. Denn wenn die Reise zu lange dauert, werden unsere Buse und Bahnen nicht benutzt und der Profit geht flöten. Und damit auch die Möglichkeiten, unser Schienennetz dank neuen Investitionen weiter auszubauen.

Bauen ist einfach, Rückbauen ist schwer

Die Verkehrswege lassen sich mit einfachem Drag and Drop legen, seien es Bahnlinien oder Busverbindungen. Zum Glück, denn in Sachen Anleitung hält sich das Spiel vornehm zurück – ausser zwei sehr kurz gehaltenen Tutorials gibt es keine weiteren Erklärungen.

Ein Gleich führt unter einer Strasse hindurch.

Bildlegende: Mit dem zunehmenden Autoverkehr stellen sich uns neue Hindernisse in den Weg, um die wir sorgfältig herumplanen müssen. Urban Games

Es liegt also an uns, durch Ausprobieren zu entdecken, wie das Game funktioniert. Dieses freie Erkunden vom ersten Spielmoment an, dem kein stundenlanges Wälzen einer Anleitung vorausgeht, hat durchaus seinen Reiz. Die anleitungslose Freiheit kann aber auch zu frustrierenden Momenten führen. Denn etwas rückgängig zu machen, ist in «Train Fever» bei weitem nicht so einfach, wie etwas zu bauen.

Wenn wir also nach einiger Spielzeit merken, dass unsere Züge auf steilen Abschnitten langsamer fahren, wir auf einer solchen Strecke deshalb weniger Zugverbindungen einsetzen können und damit auch weniger Geld verdienen, dann bleibt uns nichts anderes, als einen teuer gebauten Streckenabschnitt wieder abzureissen. Oder auf einen früheren Spielstand zuzugreifen – eine «Undo»-Funktion, die unsere Aktionen wieder rückgängig macht, gibt es nicht.

In Sachen Benutzerführung noch Luft nach oben

Der fehlenden Anleitung halber müssen wir auf unsere Beobachtungsgabe setzen und Muster erkennen, die bestimmte Gesetze erahnen lassen. Das macht uns das Spiel aber nicht immer einfach. So funktionieren etwa die Informationstafeln weit weniger intuitiv, als man es von einem Game wie etwa «Sim City» gewöhnt ist.

Eine Brücke über einen Fluss.

Bildlegende: Auch Brücken können einfach per Drag and Drop gesetzt werden. Abver Vorsicht: Die Steigung beachten! Urban Games

Während die Fahrzeugmodelle und auch die eigentliche Simulations-Maschine, die dem Game zu Grunde liegt, sehr ausgereift wirken, wird bei der Benutzerführung schnell klar, dass «Train Fever» der Debut-Titel eines jungen Unternehmens ist und Urban Games in dem Bereich noch zulegen kann.

So ist mit einer steigenden Zahl von Fahrzeugen auch immer mehr Zeit und viel Mikromanagement nötig, um einzelne Züge und Bahnen zu modernisieren oder unrentable Strecken zu erkennen und zu eliminieren. Das mag Buchhalter-Seelen freuen, andere Spieler werden diese kleinteiligen Arbeiten nach einer Weile wohl auf die Nerven gehen.

Doch wer einmal ein einigermassen funktionierendes Streckennetz aufgebaut hat, der wird mit einem Gefühl der Zufriedenheit belohnt, das wohl auch Modelleisenbahner ergreift, die nach einer Nacht im Hobbykeller zufrieden auf ihr Werk schauen. Und dann beginnen wir unserem Netz noch eine neue Linie hinzuzufügen, und noch einen Bahnhof zu bauen und noch eine neue Maschine zu kaufen – und bevor wir uns versehen, sind schon wieder vier Stunden vergangen…

«Train Fever» gibt es für Windows-PCs, Mac und Linux und es kann über die Steam-Plattform direkt im Internet heruntergeladen werden.

Geld dank Crowdfunding

Geld dank Crowdfunding

Um die Entwicklungskosten von «Train Fever» zu decken, haben die Schaffhauser Brüder Urban und Basil Weber von Urban Games Geld auf der Crowdfunding-Seite Gambitious gesucht. So kamen 250'000 Euro zusammen. Mit den in den ersten zwei Wochen nach Veröffentlichung verkauften 30'000 Exemplaren sind die Entwicklungskosten bereits wieder eingespielt.

Schaffhauser Simulationen

Schaffhauser Simulationen

«Train Fever» ist nicht die einzige Computer-Simulation aus Schaffhausern: In einem heimeligen Eigenheim steht dort auch ein Sessel, der sich auf sechs Stelzen bewegt. Es ist der Spiele-Simulator eines Studententeams, der kostspieligen Profi-Simulatoren in Nichts nachstehen soll – und sie beim Preis hinter sich lassen könnte.