«Tearaway»: Niedliche Abenteuer in der Papierwelt

Das neue Game der «Little Big Planet»-Macher soll sämtliche Möglichkeiten der Playstation Vita nutzen und den Spieler ins Game hineinziehen. Herausgekommen ist ein charmantes Hüpfspiel, welches das Eintauchen in die Spielwelt nicht immer leicht macht.

Spielszene aus «Tearaway»

Bildlegende: Iota: Der kleine Held von «Tearaway» in seiner Papier-Welt. Einige der Papierdinge lassen sich ausdrucken und zusammenbasteln. Media Molecule

Vor fünf Jahren veröffentlichte das englische Entwicklerstudio Media Molecule «Little Big Planet» für die Playstation. Das Game wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem als bestes Konsolengame des Jahres. Und es fand eine treue Fan-Basis, begeistert ob der Möglichkeit, selber Levels oder Gegenstände im Spiel zu kreieren und mit anderen Spielern zu teilen.

Papiermodelle als Statussymbol

«Little Big Planet» blieb bislang der einzige Titel aus dem Haus Media Molecule. Entsprechend gespannt war das Warten auf den Nachfolger, «Tearaway», der nun für die portable Playstation Vita erscheint. Auch hier greifen wir selbst ins Spiel ein und kreieren Gegenstände, aber auf eine ganz andere Art als in «Little Big Planet». Statt im Spiel zu basteln und mit Freunden zu teilen, basteln wir jetzt nach dem Spiel richtige Papiermodelle und machen damit Bürokollegen eifersüchtig.

Spielszene aus «Tearaway»

Bildlegende: Die Vita als Portal: Für die «Tearaway»-Macher ist die tragbare Konsole Schnittstelle zwischen der Welt des Games und der des Spielers. Media Molecule

Denn die Spielwelt von «Tearaway» ist wie aus Papier gemacht: Wir laufen auf Papierbahnen, stehen unter gefalteten Papierblumen, sammeln Papierschnipsel und kämpfen gegen kleine Papiermonster. Und wir können Fotos machen von den Papierdingen, die wir da sehen, uns später einen Bastelbogen dazu ausdrucken und alles in der richtigen Welt nachbauen. Schliesslich taugt so ein Papiermodell auf dem Bürotisch mehr zum Statussymbol als jedes In-Game-Achievement. Am meisten natürlich, wenn wir die Vorlage dazu im Spiel nur dank sehr viel Geschick zu sehen bekamen.

Gesicht im Game

«Tearaway» beginnt mit einem diplomatischen Vorhaben: Unsere Spielfigur, deren Äusseres wir mitgestalten können und die je nach Geschlecht Iota oder Atoi heisst, soll Kontakt zur Welt der Menschen aufnehmen. Allerdings: Etwas geht schief und Iota/Atoi wird in die Papierwelt zurückgeschleudert. Noch schlimmer: Ein Riss ist entstanden, durch den kleine Papiermonster auf die Welt regnen. Und plötzlich ist da auch ein Loch in der Sonne, durch das wir unser Gesicht sehen. Also tatsächlich unser Gesicht, durch die nach vorne gerichtete Kamera der Vita ins Spiel gebracht.

Spielszene aus «Tearaway»

Bildlegende: Staring at the Sun: Die nach vorne gerichtete Kamera der Playstation Vita bringt den Spieler persönlich ins Spiel. Media Molecule

Das ist nur die erste von vielen Möglichkeiten, mit der wir uns selbst ins Spiel bringen: Ganz am Anfang von «Tearaway» sei der Wunsch gestanden, sämtliche Funktionen der Vita zu nutzen, sagen die Entwickler. Das ist gelungen – so umfassend, dass sich nicht vorstellen lässt, «Tearaway» überhaupt auf einem anderen Gerät zu spielen.

Wir sehen dank Vita-Kamera nicht nur unser Gesicht im Game, wir stecken dank der berührungsempfindlichen Rückseite des Geräts auch unsere Finger hinein. Wir wischen Gegner und Gegenstände dank Touchscreen vom Bildschirm oder Steuern Iota/Atoi mittels Neigungssensor. Der «Tearaway»-Trailer (Kasten rechts unten) gibt einen schönen Überblick der Möglichkeiten, ins Spiel einzugreifen.

Stimmig umgesetzter 3D-Plattformer

Unsere Aufgabe: Iota/Atoi zur Sonne steuern, um uns eine persönliche Nachricht zu übergeben. Uns selbst eine Nachricht bringen – das mag schizophren klingen, bringt den Geist des Games aber schön auf den Punkt: Iota/Atoi und wir, der Spieler/die Spielerin, müssen zusammenarbeiten; die Spielfigur muss ihren Weg zur Sonne finden und wir ihr Hindernisse aus dem Weg räumen oder sie dank Fingerklopfen auf die Vita-Rückseite in die Höhe springen lassen.

Spielszene aus «Tearaway»

Bildlegende: Trommelfell: Bestimmte Flächen funktionieren als Trampolin: Ein Fingerschlag auf die Rückseite der Vita schledert Iota/Atoi hoch. Media Molecule

Kaum mehr als ein gewöhnlicher 3D-Plattformer zwar, aber die Umsetzung ist stimmig genug, um das eigentlich simple Spielprinzip kaum auffallen zu lassen. Auch die Steuerung funktioniert gut: Weil Iota/Atoi selbst nicht in die Höhe springen kann, müssen wir die Figur mit einer Art Trampolin in die Höhe spicken – auf Flächen im Spiel, die aussehen wie gespannte Trommelfelle. Dabei fällt erstaunlich leicht zu koordinieren, wo der Finger hinten auf die Vita tippen muss, um die entsprechende Fläche auf dem Bildschirm zu treffen.

(Exkurs: Dass Iota/Atoi von sich aus keine Möglichkeit zum springen hat, kann zu unangenehmen Situationen führen. Ich liess mich einmal von einem der Trommelfelle in die Mitte einer schönen Papierblume spicken. Leider führte von dort kein Weg hinunter, Iota/Atoi blieb auf der Blume gefangen, ich musste das Spiel noch einmal von vorne beginnen. Bleibt zu hoffen, dass das endgültige Game diesen Fehler der Preview-Version beseitigt.)

Des Bibers neue Krone

Auf seinem/ihrem Weg sammelt Iota/Atoi Konfetti, die im Spiel neue Gestaltungsmöglichkeiten auftun. Wir können etwa Filter für die Kamera kaufen, mit der wir Fotos von den Papierdingen der Game-Welt machen (die in der richtigen Welt zu echten Papiermodellen werden). Oder wir können grosse gelbe Augen kaufen oder ein Gebiss wie von einem Vampir, mit denen wir dann das Aussehen von Iota/Atoi noch mehr nach unserem Gusto verändern.

Wir können auch andere Figuren gestalten: Einen Elch etwa, der ein neues Fell sucht und dem wir per Vita-Kamera eine Textur verleihen. Oder einen kleinen Biber gleich zu Beginn des Spiels, dem wir eine Krone zurechtschneidern und mit Edelsteinen verzieren.

Ein Portal mit kleinem Durchmesser

Dabei zeigen sich aber die Grenzen der Vita: Der Touchscreen regiert zu ungenau, als dass sich darauf raffinierte Formen zeichnen liessen. Statt filigranen Edelsteinen trug mein Biber schliesslich unförmige Klumpen auf dem Haupt (was trotzdem ganz gut aussah). Auch anderswo bricht die Illusion, dass wir selbst ins Spiel eingreifen. Die Finger etwa, die sich durch die Rückseite der Vita ins Spielgeschehen bohren, sind zwar realistisch animiert – doch das Gerät kann nicht erkennen, ob eine Fingerkuppe nun zur linken oder rechten Hand gehört und zeigt deshalb nur rechte Finger. Eine Kleinigkeit zwar, aber sie reicht, einen aus dem Spielgeschehen zu reissen.

Bild einer Playstation Vita auf der im Spiel «Tearaway» die Fingerspitzen des Spielers durch die Rückwand des Geräts ins Spiel hineinzuragen scheinen

Bildlegende: Finger im Spiel: Die Fingerspitzen des Spielers, die sich scheinbar durch die Rückwand der Vita bohren, sind realistisch animiert. Media Molecule

Für Media Molecule ist die Playstation Vita bei «Tearaway» eine Art Portal: Ein Durchgang von unserer Welt in die Welt von Iota/Atoi und umgekehrt. Allerdings: Mit 12 Zentimeter Bildschirmdiagonale ist es ein sehr kleines Portal. Ob wir uns ganz hineinziehen lassen, liegt auch an unserem guten Willen, den inneren Kleinkrämer zum verstummen zu bringen und oben genannte Unzulänglichkeiten einfach zu vergessen.

«Tearaway» gibt es für Playstation Vita. Das Game ist für alle Altersklassen freigegeben.

«Tearaway»-Trailer

«Tearaway»-Trailer

Das YouTube-Video zeigt die vielen Möglichkeiten, mit denen der Spieler in «Tearaway» eingreifen kann.