Xbox One: ein Gerät im Wohnzimmer – mit Hund und Armbehaarung

Fast acht Jahre nach der Xbox 360 hat Microsoft die nächste Generation vorgestellt: Die Xbox One soll mehr als Game-Konsole sein und die Settop-Box ersetzen.

Gehäuse, Sensor und Kontroller der Xbox One.

Bildlegende: Mehr Saft unter der Haube, neuer Kinect-Sensor, leicht veränderter Kontroller: Xbox One. Microsoft

Wäre man Amerikaner, oder vielmehr das in Europa gern gehegte Amerikaner-Klischee (Laut! Dick! Football!), dann müsste man jetzt aufgeregt sein. Denn Microsoft hat am Dienstag auf ihrem Campus in Redmond und per Live-Stream rund um die Welt eine neue Xbox vorgestellt, die Xbox One – und vieles, was da angepriesen wurde, wird Nicht-Amerikanern noch länger vorenthalten bleiben.

One Xbox to rule them all

Microsoft möchte, dass wir Folgendes mitnehmen: Die Xbox One werde das eine Gerät, das in der Stube steht. Das eine Gerät, mit dem wir spielen, fernsehen und uns unterhalten.

Der neue Name «One» unterstreicht den Anspruch: Man will nicht nur andere Game-Konsolen aus dem Möbelchen unter dem Fernseher wegellbögeln, sondern auch die Settopbox, den Recorder und den Bluray-Player. Das Erlebnis im Wohnzimmer sei zu kompliziert, zu fragmentiert geworden, und Microsoft biete mit der Xbox One nichts weniger als das «ultimate all-in-one home entertainment system».

Wann uns dieses Wunderding erreichen wird und was es kosten soll, wurde nicht gesagt. Zumindest auf ein «noch dieses Jahr» legte man sich fest; ob das auch für Europa gilt, wird man sehen. Dennoch will Microsoft dem Konkurrenten Sony, der die Playstation 4 ebenfalls für das Weihnachtsgeschäft bereithaben will, keinen Vorsprung gönnen.

Bei der Playstation-4-Enthüllung von Sony Ende Februar stand vor allem die neue, PC-ähnliche Architektur im Zentrum. Sony verspricht sich selbst und den Spiel-Herstellern tiefere Entwicklungskosten. Für die Gamer betonte man Streaming und Sharing: Spiele direkt ohne Download und Installation spielen und alles mögliche mit Freunden teilen. Damit positionierte Sony die Playstation 4 im gleichen Markt wie die Playstation 3.

NFL, Spielberg und Halo

Microsoft dagegen will mehr. Die Xbox One soll nicht nur Spielkonsole, sondern auch Settop-Box sein. Dies unterstrich man mit einer ganzen Reihe von Ankündigungen: Es werde eine von Steven Spielberg produzierte Fernseh-Serie geben, die in der Welt das Blockbusters «Halo» spielt. Man wird Kabelfernseh-Kanäle wie HBO, Syfy oder ESPN schauen können. Es gibt eine Partnerschaft mit der NFL, inklusive Fantasy-Football-Integration. Und damit wird auch klar, wen man im Auge hat: US-Amerikaner.

In der Präsentation sah das natürlich alles ganz toll aus: Mit Sprachkommandos sagen wir der Xbox One, dass wir einen Film, eine aufgezeichnete TV-Sendung oder ein Live-Programm schauen möchten. Gleichzeitig können wir uns per Skype mit Freunden unterhalten oder etwas im Internet nachschauen – mit einer Zwei-Fenster-Aufteilung, wie wir sie aus Windows 8 kennen. Mit Handgesten springen wir in ein Spiel, das im Hintergrund auf  Mitspieler gewartet hat.

Doch die Schweizer Realität wird deutlich weniger anmächelig sein. Keinen der beispielhaft gezeigten Fernsehkanäle gibt es hierzulande. Der Film-Streaming-Dienst Netflix, in den USA weit verbreitet, ist nicht in Sicht. American Football lockt wohl nur wenige Schweizer Sportfreunde hinter dem Ofen hervor.

Und schliesslich ist die Sprach- und Gestensteuerung mit dem Nachfolger des Kinect-Sensors zwar durchaus technisch beeindruckend: Die neue Kamera, die auch gleichzeitig als Kamera für Skype dient, filmt in HD und soll sogar unseren Herzschlag messen können. Doch bei jedem System, das sich hauptsächlich auf Sprachsteuerung abstützt, ist eine gesunde Portion Skepsis angesagt: Schweizerdeutsch wird die Xbox One wohl nie lernen, und ob sie Hochdeutsch mit Akzent versteht, wird man erst abwarten müssen.

Games: «Mehr» ist das neue «Neu»

Um die Gamer nicht zu vergraulen, zeigte Microsoft neben den TV-Funktionen der Xbox One tatsächlich auch ein paar Spiele, nach der bewährten Formel «Sport, Auto, Bumms». Electronic Arts kündigte die üblichen grossen Sport-Spiele an, darunter FIFA 14 und noch mehr NFL. Die hauseigenen Microsoft Studios präsentierten das Autorennspiel Forza 5. Und natürlich gab es zum Schluss eine Prise «Call of Duty». Die neue Folge «Ghosts» ist zwar kein Xbox-exklusiver Titel – aber von der Milliarde Umsatz, die jede Folge dieses Blockbusters scheinbar auf sicher hat, wird auch die Xbox One profitieren.

Was die Entwickler von Infinity Ward dann allerdings als Innovation anpriesen, wurde in Kommentaren und auf Twitter mit Sarkasmus übergossen: Einen Schäferhund soll es geben, und die Spielfiguren hätten schönere Haare auf ihren Armen. Vor lauter Freude über dieses Doppelfell fallen sich bestimmt weltweit «Call of Duty»-Fans und Hündeler in die Arme.

Was sonst zu sehen war, sah nett aus, doch Grafik-Demos kann man zu diesem Zeitpunkt der Entwicklung ohnehin nicht trauen. So wurden die Gamer – wie schon bei der Präsentation von Sony – eher unbeeindruckt zurückgelassen.

Träumen in Redmond

Umso spannender ist dagegen Microsofts Plan für unsere Wohnzimmer. Die Präsentation zeichnete recht deutlich, wie man sich das in Redmond erträumt: Man lizenziert alle möglichen Inhalte, die dann schön gebündelt über die Xbox One zu uns kommen. Damit erhält der «Home Screen» der Konsole die entscheidende Vermittler-Rolle – denn da stossen wir auf all die tollen Inhalte. Den beschränkten Platz dort kann Microsoft dann teuer verkaufen. Das Sahnehäubchen obenauf: Microsoft produziert eigene Inhalte, wie etwa Halo, und presst sie auf jedem Kanal aus – als Spiel, als Fernsehserie, als Film.

Nun war der Kampf um den alleinigen Platz im Wohnzimmer schon spätestens beim Start der letzten Konsolen-Generation vor fast acht Jahren das zentrale Thema. Viele möchten ihr Gerät unter unserem Fernseher stehen sehen und alle glauben, ihres sei das einzige. Und stellen dann fest, dass die weltweite Lizenzierungs-Orgie auch die kühnsten Träume dämpft, und dass es gerade im TV-Markt einige Grosse gibt, die Partnerschaften weder eingehen wollen noch müssen. Und auch die amerikanische Fernseh-Landschaft ist stark fragmentiert, wie Google mit dem sehr ähnlichen Konzept Google TV erfahren musste.

Trotzdem hat Microsoft einige gute Karten in der Hand. Nicht viele Mitbewerber sind in der Lage, Hardware, Software, Server-Infrastruktur und Inhalte aus einem Haus zu liefern. Microsoft hat dazu bereits Erfahrung mit TV. (Swisscom TV etwa läuft auf der Basis von «Microsoft Mediaroom»). Und natürlich werden die Gamer die neue Xbox One nicht links liegen lassen. Dank ihnen wird Microsoft bald ein paar Millionen Geräte in die Stuben gestellt haben. Schon die Xbox 360 hat sich über 70 Millionen mal verkauft.

Doch dort ist nicht mehr nur Sony die Konkurrenz: Auch Samsung, Google und Apple balgen sich um den ersten Platz unter unserem Fernseher. Ich würde nicht die Luft anhalten wollen, bis da nur noch einer steht. Stattdessen in der Zwischenzeit ein bisschen spielen, mit total lebensechten Haaren auf dem Arm.

Die nächste Konsolen-Generation

  • Steht im Winter eine neue Konsole auf eurem Wunschzettel?

  • Mein Portemonnaie ist schon gezückt: Her mit der Xbox One!

    27.68%
  • Ich finde die Playstation 4 attraktiver.

    30.23%
  • Mich lassen beide etwas kalt.

    19.77%
  • Hey, nächste Generation schon jetzt: Ich habe eine Wii U!

    2.82%
  • Konsolen sind doof 1: Ich spiele mit Smartphone und Tablet.

    2.26%
  • Konsolen sind doof 2: PC 4eva!

    13.28%
  • Und überhaupt, Games sind doof.

    3.95%
  • 354 Stimmen wurden abgegeben