Gefangen in der Google-Welt

Wer bei Google etwas sucht, der findet. Aber nicht jeder findet das Gleiche. Dafür sorgt ein Algorithmus, der jedem Nutzer massgeschneiderte Suchergebnisse liefert. Kritiker sehen darin eine Gefahr – zum Beispiel für die politische Meinungsbildung.

Video «Interview Miriam Meckel» abspielen

Interview Miriam Meckel

16 min, vom 23.5.2012

Wenn zwei Menschen aus entgegengesetzten politischen Lagern bei Google den Begriff «Masseneinwanderung» eingeben, bekommen sie ganz unterschiedliche Suchergebnisse. Die Suchmaschine analysiert die Suchgeschichte jedes Nutzers und liefert dann ein Suchergebnis, das genau an deren Vorlieben angepasst ist. Je länger Google den Nutzer kennt, desto «perfekter» das Ergebnis.

Das hat «Einstein» in einem Experiment gezeigt. Zwei fiktive Personen haben in die Google-Suchmaske immer wieder eindeutig links- oder rechtspolitische Begriffe eingegeben. Schliesslich haben beide nach «Masseneinwanderung» gesucht. Das Ergebnis: «Ein Artikel der rechtsradikalen NPD zum Beispiel erschien bei der rechtsgesinnten Testperson viel weiter oben in der Ergebnis-Liste als bei der mit linkem Gedankengut», berichtet Thomas Heinis. Der Informatiker hat den Versuch geleitet und herausgefunden: Gerade mal 500 Suchanfragen brauchte es, bevor der Mechanismus griff. Noch schneller findet die Personalisierung statt, wenn man bei Google via Gmail-Konto registriert ist.

Google verhindert politische Umorientierung

Ist doch praktisch, könnte man denken, wenn die Rangfolge der Suchresultate, die eigene politische Gesinnung wiederspiegelt. Aufgepasst sagen hingegen die Kritiker. Dazu zählt auch die HSG-Professorin Miriam Meckel. «Wie soll ich eine politische Umorientierung vornehmen können und feststellen, dass eine andere Partei auch eine Wahl-Option sein könnte, wenn ich die Informationen dazu gar nicht mehr bekomme?» kritisiert Meckel.

Die Kommunikationswissenschaftlerin warnt vor der «Weltkurzsichtigkeit» in der die Internet-Nutzer geraten könnten: «Wir sehen nur noch den Nahraum, der um uns selbst gelagert ist, wirklich klar. Das, was entfernt ist und uns nicht entspricht, gerät mit jeder neuen Suche stärker in den Hintergrund». Aber findet diese Personalisierung nicht auch ohne Google schon statt?

Überraschungen werden abgeschafft

Jeder Mensch bewegt sich in einem Mikrokosmos aus Menschen und politischen Meinungen. Jeder abonniert die Zeitung, die seiner Gesinnung entspricht. Für Meckel kein Argument: «Selbst in der Zeitung, die meine politische Denkweise wiederspiegelt, finde ich auch andere Artikel, Pro und Contra. Ich fange an zu lesen und finde etwas von dem ich gar nicht gewusst habe, dass ich mich dafür interessiere.» Im Internet hingegen beruhe der Mechanismus der Personalisierung auf riesigen Datenmengen, die logisch ausgewertet werden. Überraschungsbegegnungen spielten da keine Rolle mehr.

Google wiegelt erwartungsgemäss ab. «Menschen benutzen Suchmaschinen nicht einfach. Sie hinterfragen die Suchresultate auch», sagt Jack Menzel vom Google-Headquarter in Kalifornien. Durch Personalisierung bekämen die Menschen einfach die bessere Antwort auf ihre Suchanfragen – und das noch schneller als bei der normalen Suche.

Die Personalisierung ausschalten

Dass die Personalisierung durchaus ihre guten Seiten habe, bestreitet Miriam Meckel nicht: «Es ist praktisch, wenn ich immer die Hotels oder die Schuhe, die meinem Geschmack entsprechen, vorgeschlagen bekomme». Das Problem sieht sie darin, dass der Nutzer häufig gar nicht wisse, dass Google eine Personalisierung vornimmt und daher nicht frei entscheiden kann, ob er das wolle oder nicht. Für registrierte Nutzer bietet Google an, ungewünschte Daten wieder löschen zu können. Untersuchungen zeigen jedoch: Die wenigsten Google-Nutzer wissen von der Möglichkeit und machen Gebrauch davon.

Sendung zu diesem Artikel