Genius: Song-Texte verstehen lernen

Wer wissen will, was Beyoncé wirklich singt, wird bei Genius schlauer. Denn der Dienst hilft dabei, Song-Texte zu verstehen – die Benutzer analysieren die Bedeutung eines Songs bis ins Detail. So gut Genius ist, so schrecklich sind allerdings die Macher.

Früher war bekanntlich alles besser: Wer lauthals seine liebsten Creedence-Clearwater-Revival-Songs mitsingen wollte, fand die Texte dazu auf der Innenhülle des entsprechenden Albums. Und selbst als die CD begann, dem Vinyl den Garaus zu machen, lag der CD-Hülle noch ein kleines Lyrics-Blatt bei, das die Poesie von Modern Talking auch in schriftlicher Form festhielt.

Dann aber, als Musik vollständig digital wurde und als einzelne Songs auf dem Smartphone, im iTunes-Shop oder den Servern der Streaming-Services zu existieren begann, verschwanden auch die Lyrics. Seither herrscht Ratlosigkeit: Wie politisch ist eigentlich Beyoncés neuster Song? Was singen Rihanna und Drake da wieder Anzügliches? Und warum in aller Welt ist Future bloss so traurig? All diese Fragen bleiben scheinbar unbeantwortet, denn zur Musik aus digitalen Quellen gibt es keine Lyrics-Blätter mehr. Aber halt...

Die schlimmen Hintermänner

Internet sei dank lässt sich nämlich trotzdem erfahren, über was da gesungen wird. Bloss sind die Seiten, die Song-Lyrics online stellen, gar schreckliche Orte. Hässlich designt und voll mit Popup-Werbung für Klingeltöne. Ganz zu schweigen davon, dass sie ihr Geld mit der lyrischen Arbeit anderer verdienen.

Drei Männer auf einer Couch.

Bildlegende: Furchtbar: Die Genius-Gründer (Mahbod Moghadam, links, ist inzwischen nicht mehr dabei). SRF

Doch es gibt eine Alternative: Genius – die Webseite (und App), die 2009 als Rap Genius gegründet wurde und als eine Art Online-Wissensbank für Musiktexte funktioniert. Deren Macher sehen selbst aus wie ein menschgewordener Klingelton. Und treten derart angeberisch auf, dass sich fast schon die Frage stellt, ob sie sich wohl als Persiflage auf die schlimmsten Douchebag-Klischees verstehen.

Dass Mitbegründer Mahbod Moghadam sich durch taktlose Auslassungen zu einem Massenmord unmöglich machte, lässt allerdings vermuten, dass sie das durchaus ernst meinen.

Songtexte mit Anmerkungen versehen

Und ja: Auch Genius übernimmt einfach die Songtexte von Künstlern, ohne dafür zu bezahlen. Doch Genius ist mehr als bloss eine weitere Abzock-Seite.

Animiertes GIF: Bob Dylan wirft Karten mit Songtexten weg, danach wird die Webseite Genius eingeblendet.

Bildlegende: Grossartig: Die Genius-Webseite hilft beim Verstehen von Songtexten und ihrem Hintergrund. SRF

Denn bei Genius werden Songtexte nicht nur online gestellt, die Benutzer der Seite versehen sie auch zusätzlich mit wirklich erhellenden Anmerkungen. So erfahren wir zum Beispiel, dass sich Beyoncés Frage «What happened at the New Wil’ins?» auf das Schicksal der schwarzen Bevölkerung von New Orleans («New Wil’ins ») nach dem Hurrikan Katrina bezieht.

Und wenn Future rappt «Water drippin' off of me like a faucet» dann spricht er über seine Tränen nach der Trennung von der R'n'B-Sängerin Ciara.

Bis ins Detail analysiert

Die Genius-Community ist auch im deutschsprachigen Raum gut vertreten. Um zu verdeutlichen, wie weit die einzelnen Mitglieder in ihrer ernst gemeinten Textanalyse gehen, sei hier eine von drei verschiedenen Benutzern gemeinsam erstellten Anmerkung zitiert, zu der kurzer Zeile «Chabos wissen, wer der Babo ist» des deutschen Rappers Haftbefehl – in voller Länge, schliesslich bedient sich ja auch Genius am Material anderer:

«Babo ist eine andere Form von 'Baba' und bedeutet Vater. In diesem Fall ist es eine Machtdemonstration. Mir scheint die Aussage eines Rappers auf dem 'Chabos wissen, wer der Babo ist — Allstar Remix' am einleuchtendsten. Hier rappt einer der Protagonisten (ab 5:14): '…wir Berliner sagen zu Chabos Bruder, zu Babo Boss.' Somit würde ich das 'Chabos wissen, wer der Babo ist' nicht mit '…wissen, wer der Vater ist' sondern eher mit 'Brüder wissen, wer der Boss ist' übersetzen. Diese Definition unterstützt auch ein Artikel auf 'welt.de' in dem es heisst: 'Chabo' ist ein Wort aus der mittelalterlichen Gaunersprache Rotwelsch und bedeutet 'Junge'. 'Babo' kommt aus dem Türkischen und heißt 'Chef' oder 'Boss'.»

Mit jeder Songzeile tun sich so neue Welten auf. Seit kurzem arbeitet Genius auch mit Spotify zusammen, um direkt beim Musikhören hinter die Texte blicken zu können.

Und was mit Songtexten funktioniert, geht auch mit anderen Web-Inhalten: Wer der URL einer Seite das Kürzel «genius.it/» voranstellt, kann den Inhalt dieser Seite anschliessend mit eigenen Anmerkungen ergänzen und kommentieren.

Wer will, kann das auch mit diesem Artikel hier tun – aber bitte keine bösen Sachen schreiben!