Ich habe eine Woche lang nur von einer beigen Brühe gelebt

Pulver mit Wasser und ein wenig Öl mischen – und fertig ist die Mahlzeit. Soylent ist ein Nahrungsmittel-Ersatz, der herkömmliches Essen überflüssig machen will. Dahinter stecken Ideen der Hacker-Kultur: Auch vermeintlich analoge Lebensbereiche sollen auf Effizienz getrimmt werden.

Rob Rhinehart, der Erfinder von Soylent, lebt nach eigenen Angaben seit über einem Jahr fast ausschliesslich von seiner Flüssignahrung. So weit will ich es nicht treiben, eine Woche scheint mir erst einmal genug für meinen Selbstversuch: zum Zmorge, zum Zmittag, zum Zvieri, zum Znacht, sieben Tage Soylent (und ja, der Name ist eine Anspielung auf den Film «Soylent Green».)

Ein Mann im weissen T-Shirt hält einen durchsichtigen Behälter mit einer beigen Flüssigkeit in die Kamera.

Bildlegende: Literweise Soylent: SRF-Digital-Redaktor Jürg Tschirren hat eine Woche lang nur von der beigen Brühe gelebt. Guido Berger/SRF

Eine Soylent-Mahlzeit ist in wenigen Minuten zubereitet: einfach das Pulver eines Beutels mit Wasser mischen, eines der mitgelieferten Öl-Fläschchen dazuschütten, gut schütteln, fertig. Im Glas sieht das Gemisch aus wie ein Cappuccino. Beigefarben, aber dickflüssiger als Kaffee. Nicht wirklich unappetitlich, aber auch nicht so, dass mir gleich das Wasser im Mund zusammengelaufen wäre.

Der erste Schluck bestätigt den Eindruck: Soylent schmeckt im besten Sinn nach nichts. Leicht nach Vanille, aber nicht zu süsslich, leicht nach Karton, aber nicht unangenehm. Am ehesten lässt sich der Geschmack wohl mit dem flüssigen Teig eines Omeletts vergleichen.

Aus 90 Minuten werden 5

Der Inhalt eines Beutels entspricht 2000 Kalorien, verspricht der Hersteller, und enthalte alle Nährstoffe, die der menschliche Körper braucht. Also Kohlenhydrate, Proteine, Fette und Aminosäuren in genügender Menge und im richtigen Verhältnis, dazu Vitamin, Salze, Spurenelemente und so weiter.

Ein Beutel mit einem bräunlichen Pulver darin.

Bildlegende: Gemischt mit einem speziellen Öl und Wasser wird aus dem Soylent-Pulver ein beigefarbener Shake. Jürg Tschirren/SRF

Hinter dem nährstoffreichen Pulver steht mehr als nur der Wunsch, möglichst schnell und billig – eine Mahlzeit kostet etwa vier Franken – seinen Hunger zu stillen. Aus Erfinder Rob Rhinehart spricht der Ethos des Life Hackings: der Wille, möglichst jeden Bereich des Lebens durch Tricks und Vereinfachungen effizienter und produktiver zu machen. Und bei der Ernährung, so Rhinehart, gebe es noch viel zu verbessern.

Zum Beispiel, was den zeitlichen Aufwand angeht: Laut einer US-Statistik verbringen wir jeden Tag rund 90 Minuten mit unserer Ernährung. Dabei gehört nicht nur das eigentliche Essen selbst, sondern auch das Einkaufen, das Zubereiten der Nahrung und der Abwasch. Wer mit Soylent «kocht» braucht dagegen kaum mehr als fünf Minuten am Tag fürs Essen. In meinem Selbstversuch habe ich eine geschätzte Stunde pro Tag gespart.

Rohmaterial direkt vom Hersteller in China

Der 25-jährige Rhinehart, der Elektrotechnik studiert hat, sieht auch das Essen mit den Augen eines Ingenieurs: Er zerlegt es in seine Einzelteile, will es in optimierter Form wieder zusammenbauen. Milch zum Beispiel sei zwar gut für den Menschen, so der Amerikaner, aber eigentlich wichtig seien daran doch nur die Aminosäuren und Lipide. Oder Früchte und Gemüse: Die besässen zwar wichtige Vitamine und Mineralien, aber das viele Wasser darin sei unnötig.

Ein Mann im Schwarzen T-Shirt und einem Glas in der Hand blickt ernst in die Kamera.

Bildlegende: Soylent-Erfinder Rob Rhinehart ernährt sich nach eigenen Angaben zu rund 90 Prozent nur mit Soylent. Soylent

Statt diese überflüssigen Teile auch noch zu sich zu nehmen, ist es nach Rhinehart effizienter, sich auf die wirklich nötigen Komponenten zu konzentrieren. Der Soylent-Macher hat deshalb eine Liste von 35 Nährstoffen zusammengestellt, die er für ein gesundes Leben unverzichtbar hält und in seinem Pulver zusammenmischt.

Die einzelnen Komponenten kauft er dabei direkt im Grosshandel ein oder bestellt sie übers Internet bei Herstellern in den USA oder in China.

Selbstzurichtung im Dienst des Neoliberalismus?

Soylent wird in seiner aktuellen Zusammensetzung als Version 1.2 verkauft – ich musste im Selbstversuch noch mit der Version 1.1 auskommen. Damit wollen die Macher zeigen, dass sich die Formel laufend verändert und neuen Erkenntnissen angepasst wird. Wie bei der Softwareentwicklung werden die Updates dabei in einem Änderungsprotokoll festgehalten. Damit nicht genug der Software-Analogie: Die Formel von Soylent ist Open Source, also allen zugänglich. Im Internet hat sich schon eine Do-It-Yourself-Szene gebildet, die an eigenen Mischungen arbeitet und Soylent für die persönlichen Ansprüche zu optimieren versucht.

Solche Selbstoptimierung stösst mancherorts auch auf Kritik. Das Magazin «CounterPunch» etwa bezeichnet Life Hacking wie es die Soylent-Fans betreiben als eine Art Selbstzurichtung im Dienst des Neoliberalismus. Ziel sei die Steigerung der eigenen Leistungsfähigkeit im Dienst von Job und Wirtschaft. Für Tätigkeiten ohne unmittelbaren Nutzen wie das gemeinsame Essen am Familientisch bleibe da keine Zeit mehr. Nach einer Woche Test war bei mir allerdings noch keine Auflösung der Familienstruktur zu beobachten.

Nicht alle haben Freude am Kochen

Doch so weit, sein ganzes Essen tägliche Soylent-Rationen zu ersetzen, geht nicht einmal Rob Rhinehart, der laut Eigenangabe immerhin 90 Prozent seiner Nahrung in Form von Soylent zu sich nimmt. Zu bestimmten Anlässen, etwa bei Essen mit Freunden, gönnt auch er sich etwas Besonderes. Dass Essen für den Menschen auch eine wichtige soziale Komponente hat, die weit über die blosse Nahrungsmittelaufnahme hinausgeht, kann also auch er nicht leugnen.

Ein Mann schaut in die Kamera, während er einen Behälter mit Flüssigkeit schüttelt.

Bildlegende: «Kochen» heisst hier «Schütteln»: Eine Tagesration Soylent ist in wenigen Minuten zubereitet. Jürg Tschirren/SRF

Rhinehart sieht Soylent vielmehr als eine Alternative zum Junk Food, den wir nur essen, um schnell satt zu werden. Und das sind selten gesunde Menus, sondern meistens die üblichen Verdächtigen wie Pizza, Döner und Schokolade. Für dieses Essen, das man oft nur mit schlechtem Gewissen zu sich nimmt, ist Soylent wohl kein schlechter Ersatz.

Zumal es viele Leute gibt, die keine Freude am selber Kochen haben und froh sind, sich schnell und unkompliziert ein Menue zubereiten zu können, das ihre wichtigsten Bedürfnisse abdeckt.

Ein Apfel ist mehr als die Summe seiner Einzelteile

Fragt sich nur: Tut Soylent das wirklich? Denn es gibt ernstzunehmende Kritik von ernährungswissenschaftlicher Seite: Zwar sind im Soylent-Pulver und -Öl alle als notwendig bekannten Nährstoffe enthalten. Das bedeutet aber nicht, dass der Körper damit auch tatsächlich alles bekommt, was er braucht. Das bestätigt auf Anfrage der Ernährungsforscher Michael Ristow vom Labor für Energiestoffwechsel der ETH Zürich: «Es gibt eine ganze Reihe von Beispielen, dass sich solche Annahmen als unvollständig erwiesen haben.»

Eine Verpackung mit Angaben zu den Bestandteilen von Soylent.

Bildlegende: Essen in Pulverform: In Soylent sei alles drin, was der Körper den Tag über braucht, versprechen die Hersteller. Jürg Tschirren/SRF

Die Ernährungswissenschaft sei eine relativ junge Disziplin, so Ristow, in der vieles noch nicht erforscht ist. Er nimmt das Beispiel des Apfels, der eben nicht nur Ballaststoffe, Zucker und Vitamine enthalte, sondern auch Dutzende anderer chemischen Substanzen, von denen nur sehr wenig bekannt sei und von denen wir auch nicht wüssten, welche Synergien sie untereinander hätten. Weil ein Apfel also mehr ist als die Summe seiner Einzelteile, könne er nicht einfach auf seine Inhaltsstoffe reduziert werden, so wie Rhinehart das mit den Nährstoffen in Soylent tut.

Wenn nur die Blähungen nicht wären

Vor einer langfristigen Ernährung nur mit Soylent rät Ristow deshalb ab. Nicht zuletzt, weil in Soylent sehr viel Sojaprotein steckt, das östrogen-ähnliche Substanzen enthält. Bei Männern könne das die Wirkung des körpereigenen Testosterons mindern und zu einer Verweiblichung führen. Bei Frauen drohe sogar ein erhöhtes Risiko für Brust- oder Gebärmutterkrebs.

Ein Mann trinkt aus einem Glas, ein anderer Mann filmt ihn dabei mit einer Kamera.

Bildlegende: Der Selbstversuch beginnt: Zum Zmorge, zum Znüni, zum Zvieri, zum Znacht, sieben Tage Soylent. Jürg Tschirren/SRF

Bei mir dürfte sich das Risiko einer Verweiblichung nach nur einer Woche Dauerkonsum in Grenzen halten. Mangelerscheinungen der ausschliesslichen Ernährung mit Soylent wegen spüre ich auch keine. Im Gegenteil: Ich fühle mit gesund und fit genug, täglich Sport zu treiben. Bloss auf die von den Sulfaten in den ersten Tagen hervorgerufenen Blähungen hätte ich – und wohl auch mein Umfeld – gut verzichten können.

Immerhin hat die Zusammensetzung des Produkts in dieser Hinsicht schon Fortschritte gemacht: Rob Rhinehart erinnert sich in einem langen Portrait im «The New Yorker» daran, dass er während der ersten Versuchsphase mit seinen Fürzen einmal ein ganzes Jazz-Theater geleert habe.

Das Getränk zur innerweltlichen Askese

Was mich während des Selbstversuchs erstaunt hat: Mir waren meine Soylent-Mahlzeiten nie zuwider. Ich musste mich nie dazu zwingen, die beige Flüssigkeit zu trinken. Es war eine kluge Entscheidung der Macher, den Drink bewusst fade zu halten: Ein zu dominanter Geschmack wäre mir schon nach kurzer Zeit bestimmt verleidet.

Andererseits habe ich mich auch nie auf mein Soylent gefreut. Mehr als einmal dagegen sank meine Stimmung, als mir bewusst wurde, dass statt einem leckeren Schnitzel mit Pommes Frites in der Kantine wieder nur ein Glas beigefarbener Flüssigkeit auf dem Menu stand. Soylent mag eine effiziente Art der Ernährung sein. Aber das Pulver nimmt einem auch alle Lust und Freude am Essen. Wem das Freude macht, der ist mit Soylent gut bedient.

Das Logo von Soylent

Zur Produktion der ersten Soylent-Version sammelten die Macher mit Crowdfunding und Risikokapital 3,5 Millionen Dollar. Als das Produkt im Mai dieses Jahres zum ersten Mal verschickt wurde, gab es bereits mehr als 20'000 Vorbestellungen im Wert von über 2 Millionen Dollar. In der Schweiz ist Soylent nicht erhältlich.