Innovative Klänge aus alten Tonbandmaschinen

Fünf junge Japaner funktionieren ausgediente Bandmachinen zu experimentellen Musikinstrumenten um und zelebrieren analoge Sample-Kunst. Das «Open Reel Ensemble» ist in Europa unterwegs. Wir waren an den Proben im Zürcher Kunstraum «Walcheturm» dabei.

Betrachtet man die Bühne des Open Reel Ensembles, so wird sofort klar, wer hier die Hauptrolle spielt: Auf je einem Podest stehen vier alte Bandmaschinen, mit Neon-Röhren attraktiv ins rechte Licht gerückt. Vor jedem dieser Geräte aus den 70er-Jahren steht ein Musiker mit dem Rücken zum Publikum.

Die Bandmaschinen laufen und die Musiker legen los: Eine rhythmische Collage aus Geräuschen und Klängen füllt den Raum. Die Musiker manipulieren das Ton-Material aus den Bandmaschinen auf verschiedenste Arten. Die Auffälligste: Scratching. Das Band wird dabei von Hand hin und her bewegt und erinnert an das Scratchen mit einer Vinyl-Schallplatte.

Scratching mit Bandmaschinen und mehr

«Der grösste Unterschied zwischen Tonband und Schallplatte», sagt Ei Wada, der 27-jährige Gründer des Ensembles, «ist der: Ein Musiker kann während eines Konzertes ständig neue Ton-Quellen aufnehmen, verändern und einbauen.»

Die fünf jungen Japaner setzen dieses Mittel ausgiebig ein: Vom Staubsauger übers Bügeleisen, vom singenden Musiker bis zum summenden Publikum – alles wird während der Performance aufgezeichnet, manipuliert und wiedergegeben. So entstehen immer neue Rhythmen und Klänge.

Zwei Bandspuhlen in Nachaufnahme

Bildlegende: Haben eine eigene optische wie auch akustische Ästhetik: Bandmaschinen Lucius Müller/SRF

Neben dem Scratching gibt es weitere Techniken, um den Klang zu manipulieren. Die Musiker erzeugen ein Tremolo – ein Vibrieren des Tons –, indem sie den Daumen auf den Tonkopf halten und den Druck variieren.

Ein weiterer spezieller Effekt: Das Band in einer Acht-Spur-Maschine wird nach oben und unten gedrückt. Dadurch werden in kurzer Abfolge immer wieder andere Spuren hörbar – eine einzigartiger Effekt entsteht (siehe Video oben).

Junge Musiker mit alten Maschinen

«Ich bin mit dem iPod aufgewachsen in einer Zeit der Miniaturisierung»
sagt Haruka Yoshida, ein Mitglied des Ensembles. Er war deshalb vor allem von der Grösse und dem Gewicht der alten Bandmaschinen beeindruckt. Für den 27-Jährigen sind diese Geräte eine Art Dinosaurier, Relikte aus einer anderen Welt.

Und obwohl die Maschinen alt sind, empfindet Yoshida sie als etwas Neues und Exotisches, als ganz anders ist als die digitalen Geräte, mit denen er vertraut ist: etwas Physisches, Sinnliches. «Synthesizer und Computer sind immer Simulationen» meint auch Ensemble-Gründer Wada. Es bleibe immer ein kleiner Unterschied zu den Geräten, die auf physikalischen Gesetzen beruhen – wie eben die alten Bandmaschinen.

Techniker und Musiker

Eine Hand bedient eine alte Bandmaschine

Bildlegende: Jedes Instrument will erlernt sein... Lucius Müller/SRF

Wada hat ein Flair für Technik; er kennt seine Maschinen in- und auswendig. Er hat die alten Geräte auseinander genommen und versteht, wie sie funktionieren. Der ehemalige Abgänger einer Kunsthochschule hat eine Steuerung für die Maschinen entwickelt. Damit lässt sich das Scratching sogar automatisieren: Ein Mikro-Kontroller übernimmt die Steuerung.

Trotz dieser Leidenschaft für Technik ist Wada vor allem eins: Musiker. Er beherrscht verschiedene Instrumente, so wie auch die anderen Mitglieder des Ensembles. Sie spielen in verschiedenen Formationen; einige beschäftigen sich mit Instrumenten aus anderen Kulturen. «Für mich ist die Bandmaschine nichts anderes als ein Musikinstrument aus einer anderen Welt», meint Yoshida.

Dass die Mitglieder des Open Reel Ensembles alle Vollblutmusiker sind, hört man nicht nur – man sieht es auch. Beobachtet man Wada während einer Performance, wie er mit seinen Händen einen neuen Klang formt oder einen Rhythmus generiert, hat man für einen Augenblick das Gefühl, einem Konzertpianisten bei der Arbeit zuzusehen.