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Digital Kapture: Nichts, was wir sagen, wird je wieder vergessen

Kapture nimmt auf Befehl 60 Sekunden Ton auf. Aber jene 60 Sekunden, die gerade vergangen sind. Damit soll keine spontane Äusserung mehr ungespeichert bleiben. Wir haben das Armband getragen, um herauszufinden, was es taugt und was geschieht, wenn alles Gesagte für die Ewigkeit bleibt.

Der Review auf Youtube

«Schade, dass ich das nicht aufgenommen habe!» Das sage ich mir ab und zu. Zum Beispiel im Zug, wenn der Kondukteur einen besonders originellen Grund, Link öffnet in einem neuen Fenster für eine Verspätung über die Lautsprecher verkündet. Zwar habe ich mein Smartphone immer dabei, mit dem ich eine Tonaufnahme starten könnte. Bis die aber läuft, ist die Durchsage vorbei. Das Problem lösen will Kapture, Link öffnet in einem neuen Fenster, ein Mikrophon in einem Armband. Es nimmt permanent die Umgebungsgeräusche auf. Wenn ich dann zweimal auf die Oberfläche klopfe, speichert das Gerät die letzten 60 Sekunden und legt sie als Tonaufnahme im Speicher ab. Auf den passen 20 Clips. Damit der Speicher nicht überläuft, überträgt Kapture jede Aufnahme via Bluetooth aufs Smartphone, sobald dieses in der Nähe ist.

Die Idee ist bestechend

Vor zwei Jahren habe ich Kapture auf Kickstarter , Link öffnet in einem neuen Fenstervorbestellt. Nun ist das Armband eingetroffen. Meine Erwartungen waren nach der langen Wartezeit dementsprechend hoch. Anfangs wurden sie nicht enttäuscht: Nachdem ich die App (für iOS und Android) installiert und Kapture mit dem Handy gekoppelt hatte, war ich bereit für den ersten Test. Ein kurzes Selbstgespräch, dann auf den «Grill» klopfen, so nennt der Hersteller die Oberfläche wegen des Designs.

Screenshot der Kaptur-App.
Legende: Jede Aufnahme von Kapture landet automatisch in der App. Screenshot

Zweimal klopfen ist das Zeichen für Kapture, die letzten 60 Sekunden Audio zu speichern und aufs Handy zu übertragen. In der App kann ich dann den Sound-Schnipsel abspielen und anhören.

Die Qualität ist nicht berauschend, aber auch nicht so verrauscht, dass man nichts verstehen würde. Stimmen bis etwa fünf Meter Entfernung konnte ich bei den Testaufnahmen in der Regel sauber identifizieren. Für Personen, die professionell mit Ton arbeiten, ist das Mikrofon aber kein Ersatz – dafür ist die Qualität zu schlecht.

Peinlich aber nicht heimlich

Kapture ist reduziert: Keine Knöpfe, kein Ein-oder Ausschalten, Kapture läuft einfach immer, das ist die Philosophie hinter dem Produkt, einen Tag lang, dann muss es ans Ladekabel. Die einzige Interaktion ist das Klopfen. , die ich mit Kapture habe, ist zweimaliges Klopfen – der Befehl, um die Aufnahme zu speichern. Das ist das Hauptproblem von Kapture, denn das Geklopfe nervt und funktioniert nicht zuverlässig.

Animierte Sequenz: Finger klopft zweimal auf die Oberfläche von Kaptur.
Legende: Gute Idee, leider unzuverlässig: Doppeltes Klopfen sollte den Speichervorgang auslösen. Reto Widmer

Ich habe auch nach einer Woche noch nicht die korrekte Klopf-Stärke und -Geschwindigkeit herausgefunden. Bin ich zu schnell oder zu leise, macht das Gerät gar nichts. Ich merke das, weil Kapture dann nicht vibriert, was die Speicherung bestätigen würde. So bleibt es ein ziemliches Glücksspiel, ob Kapture genau dann die letzten 60 Sekunden speichert, wenn ich dies will. Das Geklopfe ist zudem peinlich weil es so auffällig ist. Letzteres kann man aber durchaus auch positiv sehen, denn es verhindert, dass ich Kapture heimlich einsetzen kann, also Gespräche mitschneiden, ohne dass die betroffenen Personen misstrauisch werden.

Schlechte Laune ist unausweichlich

Kein halber Tag verging, bis ich die ersten Probleme hatte mit Kapture. Nicht nur mit dem Gerät oder dem Geklopfe, sondern mit meiner Frau. «So en verdammte Grüselseich», fluchte sie (der Mitschnitt dieser denkwürdigen Aussage links) und meinte mit «grusig» weniger das Design von Kapture, als mein ewiges Doppel-Geklopfe, um ein besonders bemerkenswertes Stück unserer Konversation im Auto zu speichern und ihr Gefühl, irgendwie dauerbewacht zu werden machte die ganze Sache noch schlimmer.

Apropros Fluchen: Wenn es einen Nutzen gibt von Kapture dann könnte der in einer Art Selbsttherapie liegen. Jedes Mal wenn ich Fluche, speichere ich den Fluch ab. Nach ein paar Wochen habe ich meine gesammelten Flüche in der Kapture-App und kann sie der Reihe nach anhören – und ab sofort werde ich vom Fluchen geheilt sein, soweit der Plan. Dafür bezahle ich gut 100 Franken – so viel kostet Kapture. Das ist viel für ein Gadget, das bald überholt sein wird.

Kapture kommt zu früh – aber auch zu spät

Kapture ist ein Produkt, das überflüssig ist aber etwas vorweg nimmt, das für uns vielleicht bald selbstverständlich sein wird. Die Hardware dazu haben einige von uns bereits am Handgelenk: Smartwatches. Diese haben ein Mikrophon standardmässig eingebaut. Da fehlt nur noch eine spezielle Smartwatch-App, die ihr dieselbe Funktion beibringt, die Kapture als Stand-Alone-Gerät hat. Kapture ist zu früh auf dem Markt und gleichzeitig zu spät. Zu früh, weil wir für die Daueraufnahme-Funktion noch nicht reif sind. Zu spät, weil es dafür eigentlich schon ein Gerät gibt.

Kapture speichert noch nur 60 Sekunden Audio. Dass dies nicht so bleiben muss, zeigt die Science-Fiction Serie «Black Mirror, Link öffnet in einem neuen Fenster». Dort haben die Menschen «Grains» implantiert – Sensoren, die alles was man sieht und hört, mitschneiden. Auf Knopfdruck kann jeder ein «Redo» durchführen, auf seine persönlichen Aufnahmen zugreifen. In so einer Welt gibt es dann gar keine Ausreden und Lügen mehr.

Heimlich aufnehmen: Verboten!

Im Prinzip müsste man vor jeder Aufnahme mit Kapture bei den betroffenen Personen eine Einwilligung dazu einholen, denn eine heimliche Aufnahme ist nach Schweizerischem Strafgesetzbuch eine strafbare Handlung gegen den Privatbereich und bis auf wenige Ausnahmen verboten.

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