Kennen Sie diesen Mann?

Steve Jobs, Bill Gates, Mark Zuckerberg: Es gibt Namen aus der Technologie-Welt, die wohl jeder kennt. Christopher Poole ist kein solcher Name – obschon er mit seiner Webseite 4chan die Internet-Kultur massgeblich geprägt hat. Nun will Poole als Administrator von 4chan zurücktreten.

Ein entstelltes Portrait von Christopher Poole

Bildlegende: Schabernack mit Christopher Poole: 4chan wäre nicht 4chan, hätten die Benutzer nicht auch den Abschied des Administrators mit einer Fotomontage gewürdigt. 4chan

Christopher Poole sei «der einflussreichste Internet-Unternehmer, von dem man noch nie etwas gehört hat», schrieb vor Jahren die britische Zeitung «The Guardian». Und auch auf der Strasse wird sich wohl niemand zweimal nach dem Amerikaner umdrehen: Poole ist ein unauffälliger, freundlich blickender junger Mann. Ein sympathischer Nerd, der mehr als elf Jahre lang fast im Alleingang eine Community von (nach eigenen Angaben) 20 Millionen Leuten betreut hat.

Der 26-jährige Poole hat das Licht der Öffentlichkeit nie gesucht. 4chan gründete er 2003 im Alter von 15 Jahren in seinem Kinderzimmer in Long Island. Seither führte er die Plattform nur unter dem – stets klein geschriebenen – Administratoren-Namen «moot». Erst das «Wall Street Journal» machte 2008 bekannt, wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt.

Hauptsache schockieren

Schon zu dem Zeitpunkt war 4chan längst mehr als ein Forum für Anime- und Manga-Fans, als das Poole die Seite eigentlich gedacht hatte. Heute finden sich auf 4chan über 60 verschiedene Kanäle. Dort werden Themen von Sport und Politik über Reisen und Essen bis hin zu Cosplay und Hentai diskutiert.

Ein Portrait von Christopher Poole, das nach rechts zur Seite schaut.

Bildlegende: Ein freundlicher junger Mann: Der langjährige 4chan-Administrator Christopher Poole alias «moot». Wikipedia

Auf 4chan kann jeder Benutzer Fotos und Beiträge veröffentlichen und kommentieren, ohne sich dafür registrieren zu müssen. So ist die Seite zum Musterbeispiel dafür geworden, welche Früchte die ungehinderte und anonyme Zusammenarbeit zwischen Fremden im Internet tragen kann – im Guten wie im Schlechten.

Am meisten besucht wird dabei das sogenannte «/b/-Board». Dessen Inhalte ähneln oft dem Blick ins Hirn eines pubertierenden Halbstarken: explizite Sexbilder und anstössige Texte, einzig mit der Absicht veröffentlicht, den Betrachter zu schockieren.

Geburtsort von Anonymous

Gleichzeitig finden sich auf 4chan immer wieder kreative Meisterleistungen, deren Urheber nur der Spass an der Sache antreibt. Etwa wenn es darum geht, Fotos auf lustige und absurde Weise zu manipulieren und weiterzuverbreiten. Viele Internet-Memes hatten ihren Ursprung bei 4chan: Die lustigen Katzenbilder der «Lolcats» ebenso wie das Phänomen des «Rickrolling». Bei letzterem wird ein ahnungsloser Internetbenutzer mit einem Link auf das Musikvideo «Never Gonna Give You Up» von Rick Astley geführt.

Eine Katze schläft in einem Bett

Bildlegende: 4chan gilt auch als Ursprungsort des Lolcats-Memes. WIKIPEDIA

2009 schafften es Freunde von 4chan auch, eine Abstimmung des amerikanischen Magazins «Time» zu manipulieren. Mit fast 17 Millionen Stimmen wurde Christopher Poole zur einflussreichsten Person des Jahres in gewählt – weit vor Namen wie Barack Obama, Wladimir Putin oder Oprah Winfrey.

4chan ist auch Geburtsort von Anonymous. Die Online-Aktivistengruppe setzt sich für Redefreiheit ein, für die Unabhängigkeit des Internets und gegen ein strenges Urheberrecht. Auch Scientology oder grosse Konzerne wie Sony sind schon ins Visier der führerlosen Gruppe geraten. Der Name der Bewegung leitet sich aus dem Umstand ab, dass namenlos verfasste Beiträge auf 4chan mit dem Titel «Anonymous» gekennzeichnet sind.

Höhen und Tiefen

Christopher Poole macht keine Angaben, warum er ausgerechnet jetzt als 4chan-Administrator zurücktritt. In seinem Abschiedsschreiben spricht er bloss vage von Höhen und Tiefen, Überraschungen und Enttäuschungen, die seine Arbeit bei der Seite geprägt hätten.

Es ist anzunehmen, dass Pooles Entscheid auch mit den aggressiven und gehässigen Diskussionen zu tun hat, die es bei 4chan immer wieder gibt. So wurde die Seite während der so genannten «Gamergate»-Affäre dazu benutzt, Online-Angriffe gegen jene zu planen, die sich gegen Sexismus in der Game-Industrie aussprachen. Poole setzte diesem Treiben schliesslich ein Ende, indem er sämtliche Diskussionen rund um Gamergate von 4chan verbannte.

In einer auf dem YouTube-Kanal von 4chan live übertragenen Frage-und-Antwort-Runde will Poole heute seinen Rücktritt noch einmal mit den 4chan-Benutzern diskutieren. Eventuell wird er dabei auch auf die genauen Gründe seines Entscheids zu sprechen kommen.

4chan bleibt 4chan

Grosse Zukunftspläne hat der 26-jährige keine. Er werde die freie Zeit zum Entspannen und Nachdenken nutzen, schreibt er. Er wird sich auch nicht mehr seiner Webseite Canvas widmen können, die er 2010 ins Leben gerufen hatte. Der auf das Teilen und Bearbeiten von Bildern ausgelegte Dienst hatte sieben Angestellte und wurde von Risikokapital-Firmen wie Andreessen Horowitz mit über 3,5 Millionen Dollar unterstützt. Vor einigen Tagen musste Poole die Schliessung des Unternehmens bekannt geben.

Trotz 20 Millionen Nutzern dürfte Poole auch mit 4chan nicht reich geworden sein. Die Mitgliedschaft dort war immer gratis, die Unterhaltskosten werden mit Werbebannern mehr schlecht als recht gedeckt. Der oft anstössigen Inhalte wegen wollen viele Unternehmen nicht mit 4chan in Verbindung gebracht werden. 2009 soll Poole deshalb mit 20'000 Dollar in den Schulden gestanden haben.

Für die Zukunft von 4chan sei aber vorgesorgt, so der scheidende Adminstrator in seinem Abschiedsschreiben – sowohl was finanzielle wie auch was personelle und technische Belange angehe. Für die Benutzer soll sich nichts ändern. Ausser dass im Hintergrund dann neue Administratoren dafür sorgen, dass auf der Seite weiterhin anonym Katzenbilder und Sexfotos gepostet werden können.