Kinder und Touchscreens – eine komplexe Erziehungsaufgabe

Kinderhände und Touchscreens funktionieren wie Sekundenkleber: Bringt man sie zusammen, bringt man sie nicht mehr auseinander. Tablets und Smartphones üben auf Kinder eine magische Anziehungskraft aus. Die erzieherische Herausforderung für die Eltern ist komplex. Warum das so ist.

Ein entscheidender Unterschied zu früheren Generationen (deren Eltern nur den Fernsehkonsum regeln mussten) liegt darin, dass die «neuen» Medien immer und überall mit dabei sein können – und von sich aus die Kinder dazu «anregen», sich mit ihnen zu beschäftigen. «Kümmere dich mal wieder um mich!» rufen die Geräte den Kindern zu, mit Benachrichtigungen aus jeder App.

Zwei Kinder spielen mit Iphones.

Bildlegende: Alles mit den Fingern: Touch-Screens sind wie geschaffen für Kinderhände. Lucius Müller / SRF

Tablets und Smartphones sind zudem nicht abhängig von Sendezeiten: Auf Youtube ist immer Primetime, Chat-Nachrichten rieseln ständig auf den Bildschirm. Neue Spiele erscheinen am Laufmeter und sind oft kostenlos oder sehr günstig. Welches Kind könnte da widerstehen? Und welche Eltern haben es in dieser Situation wirklich noch im Griff, jederzeit zu wissen, was ihre Kinder tun mit ihren Geräten?

Das können schon Babys

Kinder, die heute aufwachsen, kennen nichts anderes als Bildschirme, die sie mit den Fingern bedienen können. Inuitiv, ohne Lernaufwand, schon bald nach der Geburt. «Berühren» ist ein grundlegendes Bewegungsmuster und natürliches Bedürfnis. Dementsprechend leicht fällt es Kindern, sich mit Smartphones und Tablets anzufreunden. Anfassen, und es passiert etwas: Eine direktere Interaktion mit einem Gerät ist kaum möglich, der Umweg über Eingabegeräte wie eine Maus ist Vergangenheit. Berühren kann jedes Baby.

Experten wie der Medienpädagoge Thomas Merz raten aber davon ab, schon die Kleinsten an die Geräte heranzulassen. Frühestens ab drei oder vier Jahren sei der Moment gekommen, die Kleinen mit ersten Apps vertraut zu machen. Zwingend sei es jedoch auch dann nicht.

Apple hat als tiefste Alterskategorie im iTunes-App-Store «4+» eingeführt, Googles Playstore kennt nur die Kategorie «alle Stufen» (0-99).

Ein Kind benutzt eine App auf dem Handy.

Bildlegende: Apps für Kinder gibt's in Hülle und Fülle, insbesondere für iOS-Geräte wie das iPhone oder den iPod. Lucius Müller / SRF

App-Schlaraffenland für die Kleinen

Apps für Kinder gibt es zu Tausenden. Ob Wunderwimmelbücher, Tier-Spiele, Einschlaf-Apps oder Programme mit  erzieherischem Ansatz zur Zahnputz-Motivation oder zum Erlernen der Farben – Spielen bedeutet heute für Kinder: Apps installieren. Das ist für Eltern durchaus eine Verführung, denn schnell sind die Kleinen ruhig gestellt, wenn sie nur vor einem Tablet sitzen können.

Dass die Apps auf ein riesiges Bedürfnis stossen, zeigen die Erfolge von Blockbuster-Apps wie «Clash of Clans» oder «Toca Boca», einer App-Serie, die nach Aussage der Entwickler die Vorstellungskraft der Kinder stimulieren soll.

Ein Screenshot verschiedenster Screenshots aus Toca Boca Hair Salon.

Bildlegende: Hair Studio: Eine der erfolgreichen Apps aus der Toca Boca-Serie. Screenshot

Das Apps dies tun, ist keine Frage. Doch Medienpädagogen geben zu bedenken, dass Kinder bei zu starkem Gebrauch von Apps sich eine falsche Realität angewöhnen können. Wenn ein Kind in einem Spiel ein Tier nicht gut pflegt und es verhungern lässt, regelt ein Neustart das Problem. Das richtige Leben ist komplexer und hält auch nicht immer sofort Belohnungen bereit, wie dies in vielen Kinderspielen der Fall ist.

Kinder, die zu oft und zu lange mit Apps spielen, können als Folge von zu schneller Belohnung später Probleme bekommen: wenn sie in ihrer Kindheit zu wenig Frustrationstoleranz und Geduld einüben konnten.

In der Smartphone-Zwickmühle

Falls Eltern ihr Kind einige Jahre beim Umgang mit dem Tablet oder dem Smartphone im Griff hatten, kann sich dies beim Eintritt in die Schule ändern. Lehrer beobachten, dass bereits in der Mittelstufe immer mehr Schüler ein eigenes Smartphone besitzen. Für Kinder, die kein eigenes Gerät haben, nimmt der soziale Druck entsprechend zu – und damit der Druck auf die Eltern. «Alle anderen haben eins, nur ich nicht. Wieso?»

Ein Mädchen spielt mit seinem Handy.

Bildlegende: Wenn die beste Freundin eins hat, will die Tochter nicht hintenan stehen. Lucius Müller / SRF

Hier beide Parteien zufrieden zu stellen, dürfte vielen Eltern schwer fallen. Verweigern Eltern dem Kind ein Gerät, verhindern sie dadurch unter Umständen, dass es sich wichtige Fähigkeiten antrainiert. Hat sich ein Kind erst einmal ein eigenes Gerät «erkämpft», wird es für die Eltern umso schwieriger, noch Einfluss zu nehmen auf das dortige «Geschehen». Eine Zwickmühle.

Um sie aufzulösen, kann es hilfreich sein, mit anderen Eltern zu sprechen; zum Beispiel an einem Elternabend. Dann stellt sich nämlich vielleicht heraus, dass es doch noch ein paar andere Kinder gibt, die auch kein eigenes Smartphone besitzen und dass der Sohn oder die Tochter etwas übertrieben hat, um mehr Druck auf die Eltern auszuüben.

So oder so werden heutige Eltern aber nicht mehr um die Frage herumkommen, wann sie ihrem Kind ein Smartphone kaufen. Denn eine Verweigerungshaltung im Sinne von «Kauf dir das dann irgendwann selber» lässt das Kind allein und ist angesichts der Smartphone-Durchdringung sicher nicht die beste Lösung.

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im ausführlichen Interview mit Professor Thomas Merz von der Pädagogischen Hochschule Thurgau