Kommentar: Warum Google Glass noch nicht am Ende ist

Die anfängliche Begeisterung für die Google-Brille ist verflogen, Google zieht das aktuelle Modell zurück. Doch ein Blick in die jüngere Geschichte zeigt: Die Computer-Brille ist noch nicht tot. Sie befindet sich für die nächsten Jahre im Schönheitsschlaf.

Sergey Brin springt aus einem Flugzeug.

Bildlegende: Die Google-Brille im freien Fall: Google Mitbegründer Sergey Brin mit Brille beim Fallschirmspringen. Sergey Brin / Google+

Mit einer spektakulären Inszenierung demonstrierte Google im Mai 2012 die Möglichkeiten der neuen Brille: Mithilfe der Kamera, die in das Gerät integriert ist, übermittelten Fallschirmspringer Live-Bilder aus der Luft auf eine Grossleinwand. Das neue Gadget löste einen Hype aus, die Idee dahinter faszinierte und machte neugierig. Alle weiteren Demonstrationen und Ankündigungen schafften es spielend in die Schlagzeilen der globalen Medien. Die Erwartungen waren gross.

Als dann die ersten Google-Brillenträger in den USA auftauchten – ein kleiner, erlauchter Kreis von Testpersonen – da verkehrte sich die Begeisterung in Skepsis und Abneigung, bis hin zu blankem Hass. Es war vor allem die Kamera, mit der die Brillenträger jederzeit unbemerkt Aufnahmen machen können, die die Gemüter erregte. Die Google-Brillenträger wurden nun mit der kreativen Wortschöpfung «Glassholes» beschimpft und in den Medien machte die Geschichte vom Kinobesitzer die Runde, der einen Brillenträger hinauswarf.

Im vergangenen November berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, dass namhafte Software-Firmen die Entwicklung von Apps für die Brille eingestellt hätten, weil sie nicht genügend Kunden finden oder das Gerät als mangelhaft betrachten. Auch diese Geschichte tauchte in allen Blogs auf.

In kurzer Zeit hatte sich die urpsrüngliche Euphorie in Ablehnung und Häme verkehrt. Dass Google nun die Produktion der Brille stoppt, liegt aber nicht am negativen Image, das die Brille mittlerweile hat. Der Entscheid ist auf technische Probleme zurückzuführen:

  • Die Batterielaufzeit ist zu kurz.
  • Das Gerät erwärmt sich schnell.
  • Die Qualität der Anzeige enttäuscht: Kleine Auflösung, auf kurze Texte ausgerichtet, gewöhnungsbedürftiger Blickwinkel.
  • Die Spracheingabe funktioniert nicht immer zuverlässig.

Es ist jedoch verfrüht, die Google Brille jetzt schon abzuschreiben. Viel mehr scheint sich ein Mechanismus zu wiederholen, den man schon zuvor bei innovativen Konzepten beobachten konnte: Eine neue Idee löst zuerst einen Hype aus, kommt zu früh auf den Markt und scheitert, weil die dazu notwendigen Technologien noch fehlen. Die ursprüngliche Begeisterung endet nun in Enttäuschung. Jahre später, in denen die Technologie weiterentwickelt wurde, kommt es dann zum Durchbruch.

Vor Google-Glass haben schon andere Innovationen das gleiche Schicksal erlitten:

  • 1993 brachte Apple den Mini-Computer «Newton» auf den Markt: Ein berührungsempfindlicher Flachbildschirm mit Handschrifterkennung. Die Technologie war jedoch noch nicht reif, das Gerät war zu schwerfällig, zu langsam. Mehr als 20 Jahre später sind Smartphones mit Touchscreen nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken.
  • In den 90er Jahren löste das Konzept Virtual-Reality einen Hype aus. Die mangelhafte Umsetzung führte dann zu einer Enttäuschung. Doch die Idee hat überlebt und kann heute dank schneller Prozessoren und neuer Displays umgesetzt werden, wie das Beispiel des Startup-Unternehmens Oculus-Rift zeigt.

So wird die Zeit auch für die Idee der Computer-Brille arbeiten: Die Prozessoren werden schneller (Spracheingabe) und effizienter (Batterielaufzeit); neue Akku- und Display-Technologien (Anzeige) sind in Entwicklung.

In ein paar Jahren dürfte die Brille deshalb eine Renaissance erleben, denn die Idee dahinter ist gut.