Lenovo: Der unbekannte Gigant

Der Computer-Gigant Lenovo hat jüngst HP als weltgrössten Computerhersteller abgelöst. Im Heimatland China kennt jedes Kind Lenovo, in Europa weiss noch kaum jemand, was sich hinter dem Namen verbirgt. Wie konnte Lenovo fast unbemerkt zum ersten Technologie-Weltmarktführer aus China werden?

Ein chinesischer junger Mann öffnet eine Glastüre hinter der das Lenovo-Logo auf orangem Grund zu sehen ist.

Bildlegende: Türen auf: Lenovo will aus dem Heimmarkt China ausbrechen und seine Smartphones auch in Russland, Indien und Indonesien verkaufen. Reuters

Im zweiten Quartal 2013 hat Lenovo erstmals mehr PCs verkauft als der langjährige Marktführer Hewlett Packard. Die Firma aus Peking steigerte dabei nicht nur den Umsatz, sondern auch der Gewinn wuchs um fast ein Viertel auf 173,9 Millionen Dollar. Damit ist Lenovo mit seinen gut 30'000 Mitarbeitern zum ersten chinesischen Weltmarktführer im Technologiebereich geworden.

Allerdings geschieht dieser Aufstieg in schwierigen Zeiten: Lenovo setzt sich zu dem Moment auf den PC-Thron, da dieser schon am auseinanderfallen ist. Im zweiten Quartal 2013 wurden weltweit nur noch rund 76 Millionen PCs verkauft – elf Prozent weniger als im Vorjahr. Und es gibt kaum Anzeichen, dass sich die bereits fünf Jahre dauernde Talfahrt6 der PC-Branche stoppen lässt.

Billige Smartphones für Indien

Statt Computern werden heute lieber mobile Geräte wie Tablets und Smartphones gekauft. Deshalb setzt auch Lenovo stark auf dieses Geschäftsfeld – im vergangenen Quartal verkauften die Chinesen erstmals mehr mobile Geräte als Desktop-Computer. Mit einem Marktanteil von 4,7 Prozent ist Lenovo heute der weltweit viertgrösste Hersteller von Smartphones – allerdings weit hinter Marktführer Samsung mit seinem Anteil von 31,7 Prozent.

Ausserdem: Lenovo-Smartphones werden heute fast ausschliesslich in China verkauft. Doch diese Abhängigkeit vom Heimmarkt soll bald kleiner werden. Lenovo hat Märkte wie Russland, Indien und Indonesien im Auge, wo die Nachfrage nach – billigen – Smartphones in den kommenden Jahren stark wachen soll. Bis 2014 sollen auch in Europa Smartphones von Lenovo auf den Markt kommen.

Meilenstein IBM-Übernahme

Im Ausland ist Lenovo bisher vor allem durch Zukäufe gewachsen. Seit 2011 gehört der Firma etwa der deutsche Aldi-Lieferant Medion. Im selben Jahr stiegen die Chinesen auch beim japanischen Technologieunternehmen NEC ein; ein Jahr später folgte der Kauf des brasilianischen Elektronikunternehmens CCE. Und es wird spekuliert, dass Lenovo auch den angeschlagenen Smartphone-Pionier Blackberry übernehmen könnte.

Wichtigster Meilenstein bleibt aber der Kauf der PC-Sparte von IBM für 1,75 Milliarden Dollar. Mit der Übernahme der Unternehmenseinheit – gut doppelt so gross wie Lenovo selbst –wurde Lenovo 2005 zum drittgrössten Computerhersteller der Welt. Allerdings: Erst nach einigen Jahren und zwei abgesetzten Chefs aus dem Westen gelang es, aus dem Zukauf auch ein rentables Geschäft zu machen.

Obligatorische Turnübungen

Die Probleme, die sich Lenovo mit dem Kauf einhandelte, waren auch kultureller Natur: So sollen sich die amerikanischen Mitarbeiter an vorgeschriebenen Pausen für Turnübungen gestört haben oder daran, dass Zuspätkommen an Sitzungen nun öffentlichen Tadel nach sich zog. Chinesische Angestellte dagegen kamen schwer damit zurecht, dass die Amerikaner auch dann noch redeten, wenn sie eigentlich gar nichts mehr zu sagen hätten.

Doch Lenovo überkam diese Hindernisse – nicht zuletzt dadurch, dass das Unternehmen heute kaum mehr wie eine chinesische Firma geführt wird. Neben dem Sitz in Peking hat Lenovo seit der IBM-Übernahme einen zweiten im amerikanischen Bundesstaat North Carolina. Offizielle Firmensprache ist Englisch und viele Kaderleute sind Ausländer. Lenovo zeigt sich auch in Sachen Führungsprinzipien wenig chinesisch: Weit mehr als das im asiatischen Raum noch weit verbreitete Senioritätsprinzip zählt die Leistung des einzelnen Mitarbeiters. Der chinesische Staat hält zwar noch gut 10 Prozent der Aktien, mischt sich aber kaum oder gar nicht in die Geschäftsbelange des Unternehmens ein.

Sitzungen in der Baracke

Dabei war der Staat Lenovos erster Geldgeber: Als der Computerexperte Liu Chuanzhi 1984 Lenovo unter dem chinesischen Namen Lianxiang gründete, kamen die 25'000 Dollar Gründungskapital von der staatlichen Akademie der Wissenschaften, an der Chuanzhi damals noch arbeitete.

Nicht nur das Kapital war bescheiden: Erste Sitzungen sollen in einer Baracke für Wachleute abgehalten worden sein. Der Durchbruch gelang Liu Chuanzhi 1985 mit der Entwicklung einer Platine, die erstmals den Einsatz chinesischer Schriftzeichen erlaubte. Im Ausland war das Unternehmen damals noch unter dem Namen «Legend» bekannt. Erst 2003 folgte die Umbenennung in Lenovo.