Live-TV aus dem Smartphone

Demokratisierung der Medien: Heute genügt schon ein Smartphone, um eine Live-Schaltung auf die Beine zu stellen. Und dank besseren Smartphone-Kameras und -Bildschirmen stehen die Bilder einem richtigen Fernsehbild in vielen Fällen kaum mehr nach. Willkommen in der «Post-TV-Ära».

Ein Comic-Erdmännchen vor gelbem Hintergrund, zwischen einem Sendemast und einer VJ-Kamera.

Bildlegende: Das Erdmännchen (englisch: Meerkat) wird per App zum Live-TV-Star. Fotomontage SRF

Live-Videos waren bislang die letzte Domäne grosser Fernsehanstalten. Jedenfalls dann, wenn es um die Berichterstattung direkt vor Ort geht. Die App Meerkat, die derzeit bei Technik-Interessierten für Begeisterung sorgt, ändert das: Man muss bloss die App herunterladen (bisher leider nur für iOS möglich), mit einem Twitter-Konto verknüpfen, einen Titel für seinen Live-Stream eintippen und den Stream-Knopf drücken – schon kann die Welt sehen, was man in dem Moment gerade erlebt.

Das alles passiert auf dem Smartphone und nicht wie bei anderen Live-Streams im Internet vor der Webcam im Büro. Die direkt am Ort des Geschehens aufgenommenen Live-Bilder besitzen so eine Unmittelbarkeit und Dringlichkeit, die anderen Formaten abgeht. Und dank besseren Smartphone-Kameras und -Bildschirmen stehen sie qualitativ einem richtigen Fernsehbild in vielen Fällen kaum mehr nach.

Auch Twitter sieht in den Live-Videos auf seiner Seite viel Potenzial. Der Kurznachrichtendienst hat jüngst den Meerkat-Konkurrenten Periscope übernommen und soll dafür laut Webseite Business Insider 100 Millionen Dollar bezahlt haben. Die Integration eines solchen Dienstes könnte Twitter zum Instant-Medium nicht nur für 140-Zeichen-Texte und Bilder, sondern auch für Live-Videos machen. Die Demokratisierung der Medien schreitet also weiter voran.

Die Post-TV-Ära

Ob der Rummel um Meerkat bloss ein Hype ist oder ob der Dienst tatsächlich einem Bedürfnis des Publikums entspricht, lässt sich schwer abschätzen. Doch Live-Videos wandeln sich dieser Tage vom Freizeitvergnügen zum Big Business. Das zeigt etwa der Fall von Twitch: Diese Game-Streaming-Seite wurde vor einem halben Jahr für gut 1 Milliarde Dollar von Amazon übernommen.

So ein Kauf geschieht vor dem Hintergrund einer abnehmenden klassischen TV-Nutzung und der Verlagerung vom grossen Bildschirm (Fernseher, PC-Monitor) hin zu mobilen Geräten. Schon geht die Rede von der «Post-TV-Ära», in der das Fernsehen rasant an Bedeutung verliert und Konkurrenz bekommt von Video-Portalen und sozialen Medien im Internet, in denen sich einzelne Clips der Benutzer schnell verbreiten können.

Ein Zeichen dafür ist auch das Interesse am sozialen Nachrichtendienst Snapchat, der von einigen Investoren als Fernsehen der Zukunft gehandelt wird. Diesen Donnerstag wurden die Pläne des chinesischen Online-Händlers Alibaba bekannt, sich mit 200 Millionen Dollar an Snapchat zu beteiligen. In der ganzen Finanzierungsrunde werde Snapchat insgesamt mit 15 Milliarden Dollar bewertet, berichtete der Bloomberg.