Maschinen lernen Schwiitzerdütsch

Bei Geräten mit Sprachsteuerung schauten wir Schweizer bislang in die Röhre. Smartphones, Smart-TVs und Co verstehen heute bestenfalls Hochdeutsch, mit unserem Dialekt haben wir keine Chance. Das wird sich aber bald ändern.

Ein Mann spricht "Mochsch mer dü Fröuzen embrüf" in einer Fernbedieung.

Bildlegende: Bald kein frommer Wunsch mehr? SRF

Wir Schweizer kennen das: Wir geben uns einen Ruck und sprechen Hochdeutsch in ein Handy oder eine Fernbedienung, in der Hoffnung, die Spracherkennung würde uns verstehen. Trotz Akzent. Was leider allzu oft schief geht.

Seit der Einführung der ersten sprachgesteuerten Systeme sind wir Dialekt-Sprechenden benachteiligt. Wir dürfen mit der Technik nicht so kommunizieren wie uns der Schnabel gewachsen ist.

Das wird sich schon bald ändern, verspricht Professor Hervé Boulard. Er leitet das Forschungs-Institut Idiap in Martigny, das an die ETH Lausanne (EPFL) angegliedert ist. Seit 30 Jahren hat er sich der Spracherkennung verschrieben und mehrere Start-ups in diesem Bereich beraten und unterstützt.

Und: Hervé Boulard ist überzeugt, dass die Forschung seines Instituts und deren Spin-offs auf einem Niveau ist, das den Vergleich mit grossen Namen aus der Technologie-Branche nicht scheuen muss. Das Idiap gehört denn auch weltweit zu den führenden Forschungsabteilungen im Gebiet der multilingualen Spracherkennung.

«  Wir sind mit der Erkennung von Dialekten auf dem Niveau der Spracherkennung von Weltsprachen. »

Prof. Hervé Boulard
Leiter Idiap

David Imseng

Bildlegende: David Imseng. Gründer und CEO recapp

Es ist wohl auch kein Zufall, dass mit der Fima «recapp» in Visp ein Start-up-Unternehmen aus einem zweisprachigen Kanton für die Forschungs-Ergebnisse des Idiap konkrete Anwendungen sucht. David Imseng, Gründer und CEO der Firma sieht in der Sprachsteuerung von Geräten per Mundart eine grosse Marktlücke, die von Google, Apple und Co nicht bedient wird.

Und er hat bereits prominente Auftraggeber: recapp wird – zusammen mit weiteren Firmen und der Swisscom-eigenen Entwicklungsabteilung – der nächsten Generation der Swisscom-TV-Boxen die Schweizer Dialekte beibringen.

«  Viele Leute glauben, dass Spracherkennung noch nicht richtig funktioniere. Das liegt aber meist nur daran, dass grosse Konzerne ihre Systeme nicht für die Schweiz optimieren. »

David Imseng
CEO recapp

Noch in der ersten Jahreshälfte will die Swisscom mit Hilfe von recapp und dem ebenfalls aus dem Wallis stammenden Unternehmen KeyLemon mit dem neuen Produkt auf den Markt kommen: Mit einer TV-Box, die sich per Sprachbefehle in Dialekt bedienen lässt. Dazu spricht man in die Fernbedienung, so wie man das von Set-Top-Boxen internationaler Technologie-Firmen wie Apple oder Amazon bereits kennt.

Die Spracheingabe erkennt sowohl schweizerdeutsche Titel wie «SRF bi de Lüt», als auch hochdeutsche Titel, die wir aber auf Mundart aussprechen. Etwa «Diersändig» statt «Tiersendung».

Ein weiter Weg bis zu Schweizer Siri

Mehr als die Eingabe von Suchbegriffen bietet das System derzeit noch nicht an. Im Gegensatz beispielsweise zur Sprach-Assistentin Siri von Apple, die Sprache nicht nur erkennt, sondern auch als Befehle interpretieren kann. Bis dorthin ist es noch ein weiter Weg, denn dafür sind ressourcen-intensive Systeme mit künstlicher Intelligenz notwendig.

Wie lange es dauern wird, bis wir in der Schweiz mit Züri-, Bärn-, etc-dütsch unserem Handy Befehle erteilen, wagt David Imseng deshalb selbst nicht zu sagen. Seine Schätzung wäre wohl auch zu optimistisch, wie er lachend sagt.

Prof. Hervé Boulard

Prof. Hervé Boulard

leitet das Forschungs-Institut Idiap in Martigny, das auf Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine spezialisiert ist.