Microsoft: Das einstige Wunderkind wird 40

Microsoft gehörte lange zu den erfolgreichsten Firmen der Welt. Das wurde der Software-Schmiede zum Verhängnis: In den letzten zehn Jahren verschlief Microsoft wichtige Trends. Unter neuer Führung geht es nun darum, Verpasstes nachzuholen und sich für die Zukunft zu wappnen.

Die Gäste blasen die Kerze einer Geburtstagstorte aus.

Bildlegende: Bill Gates auf dem Höhepunkt: 2000 war er Gast bei «Wetten, dass...?» zusammen mit Franz Beckenbauer und Naomi Campbell. Reuters

Im Januar 2000 trat Steve Ballmer offiziell die Nachfolge von Bill Gates als CEO bei Microsoft an. Zur gleichen Zeit hatte die Microsoft-Aktie an der Börse einen historischen Höchstwert erreicht – nie zuvor oder danach gab es eine wertvollere Firma auf dem Planeten. Den Erfolg verdankte das junge Unternehmen der Weitsicht der Gründer Bill Gates und Paul Allen, die bereits als Teenager erkannten, dass das Zeitalter des PCs angebrochen war und vor allem: Dass Software und nicht Hardware die entscheidende Rolle darin spielen würde.

«  Our formula was working. We were software-guys. »

Steve Ballmer
im Oktober 2014 bei Charlie Rose

Der 44-jährige Ballmer übernahm also die Verantwortung für die wertvollste Firma. Konkurrenten waren keine in Sicht: Google war gerade gegründet worden, Apple arbeitete sich unter der Führung von Steve Jobs aus einer Krise heraus und private Nutzer bekamen erstmals Zugang zum Internet über die Telefonleitung. Der Konzern aus Redmond war dabei omnipräsent: Er dominierte mit dem Betriebssystem Windows sowohl die PCs in den Büros als auch die zu Hause.

Wer rastet ...

Bei Ballmers Rücktritt 2013 war die Welt eine andere. Die Zahl der Internetnutzer war in der Zwischenzeit um mehr als das Sechsfache auf 2,7 Milliarden gestiegen. Und statt am Schreibtisch surften die Menschen nun unterwegs vom Smartphone aus oder bequem zu Hause mit dem Tablet-Computer über einen Breitbandanschluss. Alle mobilen Geräte waren mit Software von Apple oder Google ausgerüstet, Microsoft hatte kein vergleichbares Tablet oder Smartphone im Angebot. Steve Ballmer hatte die Bedeutung der mobilen Geräte schlicht falsch eingeschätzt.

Nach der Lancierung des iPhones im Herbst 2007 hatte er sich vor laufenden Kameras über das erste Handy mit Touchscreen mokiert. Er könne sich nicht vorstellen, dass irgendjemand auf einem Gerät ohne Tastatur Emails schreiben würde und erst noch bereit wäre, 500 Dollar dafür zu bezahlen. Statt in ein Betriebssystem für mobile Geräte hatte Microsoft mehr als fünf Jahre in die Entwicklung des Betriebsystem Vista für den PC investiert – eine Version von Windows, die dann bei den Konsumenten durchfiel.

Das Rezept für Misserfolg

Im Nachhinein sieht Ballmer den Fehler darin, dass sich Microsoft zu lange dagegen gesträubt hat, ins Geschäft mit der Hardware einzusteigen und ein Smartphone oder ein Tablet zu entwickeln. Das wäre wichtig gewesen, meinte er in einer TV-Talk-Show mit Charlie Rose nach seinem Rücktritt im Oktober 2014. Verkauft man eigene Hardware, sei man näher beim Konsumenten und seinen Bedürfnissen.

Als Grund für den Widerwillen nennt Ballmer das Rezept, dem Microsoft jahrzehntelang den Erfolg zu verdanken hatte: Software. Von Anfang an hämmerte Bill Gates seinen Mitarbeiter ein, dass Microsoft eine Software-Firma ist. «Microsoft – wir tragen es in unserem Namen!», so Ballmer im TV-Interview. Er vergleicht den Schritt zum Hardware-Produzenten, den Microsoft mit dem ersten Surface-Tablet wagte, mit einer religiösen Wandlung. Und er bedauert, dass er diesen Schritt nicht schon früher gemacht hat.

Dinge, Daten – viel davon

Seit etwas mehr als einem Jahr ist es nun am neuen CEO Satya Nadella, das Versäumte nachzuholen und den Konzern fit zu machen für die Zukunft: Für das Internet der Dinge (siehe Box). Im letzten Herbst brachte Microsoft die erste brauchbare Version des Surface-Tablets auf den Markt – drei Jahre nach der Konkurrenz. Die hat natürlich in der Zwischenzeit auch nicht geschlafen: Apple beginnt jetzt mit dem Verkauf einer Smartwatch und Google versucht sich an einer Datenbrille. Beides sind wichtige Geräte, um die Nutzer auf das Internet der Dinge vorzubereiten. Google profitiert zudem von der Erfahrung im Umgang mit grossen Datenmengen, denn all diese Sensoren generieren werden. Und wo bleibt Microsoft?

Zwei Entscheidungen des CEO Nadella könnten einen Hinweis geben, wohin die Reise geht: Einerseits die Übernahme der Firma Revolution, einer Spezialistin für die Analyse grosser Datenmengen. Andererseits die schrittweise Öffnung der Infrastruktur für Programmierer. Beides deutet darauf hin, dass Microsoft sich auf das Geschäft mit den Daten vorbereitet, die durch das Internet der Dinge anfallen werden.

Das Wunderkind reift

An einer Medienkonferenz Anfang Jahr gab sich der Software-Konzern zudem betont innovativ. Er überraschte mit einer neuartigen 3D-Brille. Windows, der Kassenschlager aus den Jugendjahren des Konzerns, wurde den Gegebenheiten der Zeit angepasst und kommt nun auf allen mögliche Geräten zum Einsatz: von Tablets und Smartphones über die Game-Konsole Xbox bis hin zum klassischen PC und Server.

Das erfolgsverwöhnte Wunderkind hat sich gewandelt: Von der erfolgreichsten Firma aller Zeiten zu einer erfolgreichen Firma unter anderen, die aufpassen muss, dass sie keinen Trend verschläft – wie ihre Konkurrenten auch. Alles Gute zum Geburtstag, Microsoft.

Das Internet der Dinge

Das Internet der Dinge

Die Dinge um uns herum werden immer schlauer: Von der Heizung übers Auto bis zu medizinischen Geräten – alles soll mit Sensoren versehen und ans Internet angeschlossen werden. Diese Sensoren generieren gigantische Datenmengen. Noch ist nicht klar, wie Internet-Firmen damit Geld verdienen werden.