Mit einer App zum Pianisten? Ja klar!

Das Klavier: 88 Tasten, 52 weisse, 36 schwarze. Sie im Griff zu haben, ist schwierig und will gelernt sein. Lehrer gibt's wie Sand am Meer, aber eine Klavierstunde ist nicht gratis. Anders die App «Simply Piano». Klavier spielen lernen mit dem Smartphone: Kann das gut gehen? Ja!

Mein musikalischer Höhepunkt war die Blockflöte. «Alt» immerhin. Und ich durfte sogar in der Gruppe der besseren Schüler mitmachen. Das klingt beim Lesen vielleicht gut – tat es beim Hören aber nicht immer. Nach der Primarschule war deshalb Schluss mit Flöte.

Vielleicht wäre ja Klavier ein passenderes Instrument für mich gewesen, dachte ich mir damals. Klavier spielen kann ich aber bis heute nicht. Höchstens mit ernster Mine ein paar zufällige Tasten drücken und nach Verklingen der Kakophonie behaupten, ich interessiere mich halt vornehmlich für Zwölftonmusik.

Die App erkennt, wann wir uns verspielen

Auftritt «Simply Piano»: Die App (derzeit nur für iOs-Geräte) verspricht, sogar aus einem musikalischen Blindgänger wie mir einen passablen Pianisten zu machen. Sie will den Klavierlehrer ersetzen – oder ihn zumindest beim Unterricht unterstützen.

Ein animiertes GIF zeigt zwei Hände beim Klavierspielen und links davon eine sich bewegende Notenfolge.

Bildlegende: Die App erkennt, welche Taste wir gedrückt haben und lässt uns sofort wissen, wenn wir einen Fehler gemacht haben. Simply Piano/Joytunes

Und das geht so: Zu Beginn macht uns die App durch ein kurzes Video mit den Grundlagen des Klavierspielens bekannt. Es ist der erste solcher Schulungsfilme, die uns regelmässig gezeigt werden. So lernen wir als erstes, wo sich das mittlere C befindet oder wie wir unsere Finger auf die Tasten legen sollen. Danach geht es los mit einer kleinen Übung.

Wir spielen unsere ersten Noten.

Der Clou: Die App – vor uns auf dem Klavier platziert – erkennt die Tonhöhen der gespielten Noten und zeigt, ob wir die richtigen Tasten erwischt haben. Nach zu vielen Fehlern bricht sie die Übung ab. Dann müssen wir weiter vorne noch einmal beginnen, bis wir die schwierige Passage und schliesslich das ganze Stück geschafft haben. Erst danach ist die nächste Übung freigeschaltet.

Gamifizierter Musikunterricht

Das wirkt anspornend. Schliesslich wollen wir es in den nächsten Level schaffen. Und immer wieder warten kleine Meilensteine auf uns: bekannte Stücke, die wir von einer Melodie untermalt durchspielen können. Erst sind das einfache Kinderlieder wie etwa «Mary had a little Lamb». Bei denen müssen wir kaum mehr tun, als im richtigen Moment die richtige Taste drücken. Am Ende aber winkt John Lennons «Imagine», das wir mit beiden Händen spielen.

Ein Mann sitzt an einem Steinway-Konzertflügel und schaut dumm in die Kamera.

Bildlegende: Ein Porträt des Künstlers als junger Mann: SRF-Digital-Redaktor Jürg Tschirren am Steinway-Konzertflügel. SRF

Wer bei einem solchen Prinzip an Levelbosse und Endgegner aus Computergames denkt... liegt richtig. «Simply Piano» ist gamifizierter Musikunterricht. Doch die App kann weit mehr als ein Game wie etwa «Rock Band», bei dem es vor allem auf genaues Timing ankommt und Notenlesen und die korrekte Position der Finger keine Rolle spielen.

«Simply Piano» dagegen ist didaktisch aufgebaut. Nach den Grundlagen folgen immer schwerere Übungen, bis wir am Ende eben beidhändig, im richtigen Tempo und mit der richtigen Dynamik ein Lied spielen sollen.

Wozu noch ein Klavierlehrer?

Bleibt die Frage: Kann so eine App den Klavierlehrer ersetzen? Felix Bamert, der an der Hochschule der Künste in Bern den Studiengang Master of Arts in Music Pedagogy leitet und im Vorstand des Verbandes Musikschulen Schweiz VMS mitwirkt, verneint deutlich: «Ein Instrument zu spielen, stellt grosse Herausforderungund an die Konzentration und Koordination und trainiert diese gleichzeitig», sagt er, «insbesondere was das Körpergefühl betrifft». vor allem was die Feinmotorik angeht.»

Ein animiertes GIF zeigt eine Notenfolge.

Bildlegende: Schritt für Schritt zu «Jingle Bells»: Wie in einem Game spielen wir uns Level für Level weiter nach vorne. Simply Piano/Joytunes

Ein Instrument zu lernen sei ein «ganzheitliches, sinnliches und emotionales Tun und Erleben», so Bamert. Um optimal zu lernen sei nebst der tragfähigen und vertrauensvollen Beziehung zum Musiklehrer auch unmittelbares Feedback nötig. Und ein Musiklehrer könne seinen Schüler viel differenzierter beobachten und unterstützen als eine App, insbesondere durch Vor- und Mitspielen.

Bamert zieht den Vergleich zum Sport: «Bloss weil jemand oft ein Fussballspiel auf dem Computer spielt, heisst das noch lange nicht, dass er auch im richtigen Leben Fussball spielen kann.» Und auch beim Spielen eines Musikinstrumentes sei viel Körpergefühl und Koordination nötig, das ein Computerprogramm nicht vermitteln könne.

Allerdings wirft der Musikpädagoge ein, dass Software und Apps im Unterricht durchaus ihren Platz haben können.

Schritt für Schritt zu schwierigeren Übungen

Im Selbstversuch, der allerdings nicht über ein paar einfache Tonfolgen hinausging, konnte die App überzeugen: Die Rückmeldungen, ob ich einen Ton traf oder nicht, waren präzise und einfach zu lesen.

Wenn ich von vorne beginnen musste, war mir stets klar, wo mein Fehler gelegen hatte und was ich beim nächsten Mal besser machen musste. «Simply Piano» führte mich im richtigen Tempo an neue Herausforderungen heran und liess mich schwierige Stellen so lange wiederholen, bis sie sassen.

Das Klavier hat dabei den Vorteil, dass Körperhaltung und Bewegung für Anfänger recht einfach zu erlernen sind, auch ohne einen physisch anwesenden Lehrer. Bei einem Instrument wie der Geige wäre es wohl um einiges schwieriger, nur mit einer App schon erste Erfolgserlebnisse zu haben.

Und natürlich wäre es vermessen zu behaupten, ich könne nun Klavierspielen. Doch die «Simply Piano» konnte tatsächlich meine Freude am Instrument wecken.

Und ich habe gemerkt, dass ich mit viel Üben und der Hilfe eines richtigen Klavierlehrer tatsächlich zum Pianisten werden könnte. Bitte notieren Sie sich deshalb unbedingt meinen Namen und kaufen Sie meine eventuell in Zukunft erscheinenden Konzert-Alben. Vielen Dank, im Namen der Musik.

Eine App als Klavierlehrer?

  • Würden sie beim Lernen eines neuen Instrumentes nur auf eine App vertrauen?

  • Ja! Und ich werde viel besser sein als dieser doofe SRF-Digital-Redaktor!

    39%
  • Nein, der Mensch ist immer noch der beste Musiklehrer!

    55%
  • Musizieren ist bourgeoiser Quatsch, so etwas interessiert mich nicht.

    6%
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