Mit Emojis und Videos: Das digitale Tagebuch

Tagebuchschreiben ist vielen aus Jugendjahren wohl als lästig in Erinnerung. Dabei wussten schon die Bildungsbürger der Neuzeit, dass ein Tagebuch als Ideen-Lieferant kaum zu schlagen ist. Wir geben Tipps, wie man sich das auch im 21. Jahrhundert zu Nutze machen kann.

Mit Tagebüchern ist es so eine Sache: Findet man ein fremdes, liest man nur zu gerne darin. Hat man ein eigenes, schreibt man kaum je hinein. Allein schon, weil das Tagebuch selten zur Hand ist, wenn einem unterwegs ein kluger Gedanke kommt. Und man wieder zu Hause nur zu gerne vergisst, das Gedachte und Erlebte tatsächlich zu Papier zu bringen. Kurz: Oft ist das Schwierigste am Tagebuch führen, überhaupt ein Tagebuch zu führen.

Doch digitale Hilfsmittel machen das Tagebuchschreiben viel leichter. Nicht nur, weil das Tagebuch dank entsprechenden Apps auf dem Smartphone oder Tablet nur einen Griff weit entfernt bleibt. Ein elektronisches Tagebuch hat auch sonst alle Vorteile des digitalen Schreibens: Auf der Maschine getippte Texte sind leichter lesbar und lassen sich einfacher editieren und sichern – wenn nötig sogar mit einem Passwort, damit niemals ein fremder Blick auf die privatesten Geständnisse fällt.

Das Tagebuch als Ideen-Tresor

Wer jetzt verärgert zu einem «Muss es denn immer dieser neumodische Computer-Kram sein?»-Sermon ansetzt, sollte seine Technik-Feindlichkeit ein wenig zügeln. Schliesslich hat der Fortschritt das Tagebuchschreiben erst für die Massen überhaupt möglich gemacht. Denn erst Papier, das im späten Mittelalter allmählich Pergament ablöste, war als Schreibmaterial günstig genug für solche Zwecke.

Eine Seite aus dem Notizbuch von Charles Darwin.

Bildlegende: In seinem Notizbuch hielt Charles Darwin Gedanken zur Evolution fest – die er später wieder hervorkramen konnte. Wikipedia

Im ausgehenden 17. Jahrhundert wurde das Tagebuchschreiben besonders in bürgerlichen Schichten beliebt. Wer ein guter Bildungsbürger sein wollte, für den war es nahezu Pflicht, ein Tagebuch zu führen.

Und das hatte durchaus seinen Nutzen: Steve Johnson beschreibt in seinem Buch «Where Good Ideas Come From: The Natural History of Innovation», dass etwa Charles Darwin viel Zeit brauchte, seine verstreuten Ideen zur Evolution zur festen These reifen zu lassen. Das Tagebuch half ihm, sich an diese Ideen zu erinnern und sie miteinander in Verbindung zu setzen.

Schliesslich entdeckte auch die Wissenschaft die Vorzüge des Tagebuchschreibens. Studien bescheinigen ihm einen heilenden Effekt, etwa bei der Verarbeitung negativer Gefühle. Schreiben wird so zur Therapieform.

Einträge mit Daten und Bildern anreichern

Da will man nicht hinten anstehen und auch selbst zum Stift greifen – oder besser: zum Keyboard. Denn neue Apps und Programme machen das Führen eines Tagebuches einfacher denn je. Zum Beispiel Day One, das es für die Geräte von Apple gibt.

Hier zeigen sich die Vorteile des digitalen Tagebuchschreibens besonders deutlich. Datum und Ort eines Eintrags werden automatisch erfasst und können mit anderen Daten ergänzt werden, zum Beispiel Informationen zum Wetter oder Fotos und Bilder. Und wer ein öffentliches Tagebuch schreibt, kann seine Einträge mit einem Klick auch auf Social-Media-Plattformen wie Facebook oder Twitter veröffentlichen.

Für Android-Geräte gibt es mit Journey, Day Journal oder Diario Alternativen zu Day One. Mit ihnen kann man ebenfalls Tagebucheinträge auf beliebigen Plattformen wie Smartphone, Tablet oder Desktop-Computer erfassen und bearbeiten. Dasselbe tut als weitere Alternative auch ein Dienst wie Evernote (iOS und Android), mit dem sich weit mehr als nur Tagebucheinträge organisieren lassen.

Ein Lexikon der Emotionen

Bleibt das Problem: Wie findet man die richtigen Worte, die eigenen Seelenzustände und Gefühle zu beschreiben, um die es beim Tagebuchschreiben immer geht? Wer sich damit schwer tut, dem kann ebenfalls eine App helfen: Emojiary (vorerst nur für iOS) ist ein Tagebuch, das ohne Buchstaben auskommt. Stattdessen verfasst man seine Einträge in Emojis, den stilisierten Kleinstbildern, die man aus SMS und Chats kennt.

Ein lachendes Scheissehäufchen.

Bildlegende: Dank Emojis lässt sich jede Gefühlslage einfach in Symbole fassen – in guten wie in schlechten Zeiten. iemoji.com

Emojis halten ein ganzes Lexikon der Emotionen bereit: Vom breit grinsenden Smiley (Freude) über das Gesicht mit gesenkten Augenbrauen und Schweisstropfen auf der Stirne (enttäuscht und erleichtert zugleich) bis hin zum kleinen Scheisshaufen (ähm…).

Gepaart mit anderen Emojis (Flugzeug, Spital, Aubergine) lässt sich so ohne grossen Reflexionsaufwand ein ganzer Tag in Zeichen fassen. Schade nur, dass sich diese Art des Tagebuchschreibens ein wenig wie Malen-nach-Zahlen anfühlt.

Jeden Tag eine Sekunde

Wem Worte zu kompliziert und Emojis zu simpel sind, der kann sein Tagebuch auch einfach mit Videoeinträgen füllen. Die App 1 Second Every Day (iOS und Android) etwa fordert einen alle 24 Stunden auf, einen 1-Sekunden-Ausschnitt aus einem an diesem Tag gefilmten Video auszuwählen.

Ein animiertes GIF zeigt einsekündige Videoausschnitte aus dem Leben eines Users.

Bildlegende: Jeden Tag eine Sekunde: Die App 1 Second Everyday macht aus Szenen des eigenen Lebens einen Tagebuch-Kurzfilm. James Bernal/SRF

Aneinandergereiht ergeben diese Einträge einen höchst persönlichen Tagebuch-Film. Wer will, kann ihn am Ende des Jahres an seine Freunde verschicken – und sei es nur um zu zeigen, dass das eigene Leben viel interessanter ist als das der anderen.

Tagebuchschreiben geht im 21. Jahrhundert dank digitalen Mitteln also einfacher denn je. Aber egal für welche Methode man sich entscheidet, am Ende gilt wohl immer noch der weise Spruch: Die beste Art, Tagebuch zu schreiben ist die, die für einen am besten funktioniert.