Selbstfahrende Busse in Sitten: Neues Ungemach für Taxifahrer?

Unsere Taxifahrer haben den neuen Konkurrenten Uber noch nicht richtig verdaut, da kommt bereits weiteres Ungemach: Die Post testet in Sitten zwei selbstfahrende Mini-Busse – Sammeltaxis, die Platz für 15 Personen bieten. Sie zeigen, wie die Mobilität in unseren Städten bald aussehen könnte.

Die zwei Mini-Busse, die nächstes Jahr in der Innenstadt von Sitten selbständig Passagiere transportieren sollen, sind weder Fisch noch Vogel, weder Bus noch Taxi, dafür ein spannendes Zwischending. Sie zeigen, wie sich die Mobilität in unseren Städten entwickeln könnte.

So könnte es in ein paar Jahren sein: Wenn ich von A nach B möchte, bestelle ich über eine App einfach einen Mini-Bus. Ich gebe ein Ziel ein und meine gewünschte Ankunftszeit. Die App teilt mir anschliessend mit, wo und wann genau ich «aufgelesen» werde.

Damit die Busse rechtzeitig vor Ort sind und es keine Leerfahrten gibt, arbeitet im Hintergrund ein intelligenter Algorithmus, der jederzeit weiss, wo sie sind. So kann er berechnen, welches Fahrzeug auf welcher Route sich am besten eignet, um mich und andere Fahrgäste mitzunehmen und am gewünschten Ziel abzuladen.

Vorteile von Auto und ÖV vereint

Solche vernetzten Busse mit intelligenter Steuerung wären Taxis zu ÖV-Preisen: Eine Mischung aus öffentlichem Bus ohne starre Wegstrecken und feste Fahrpläne – und privatem Auto ohne Fixkosten.

Das Szenario ist realistisch und beginnt im Frühling 2016: Die beiden Busse von Sitten sollen dann im Auftrag der Post die Fussgängerzone der Altstadt befahren, das touristische Zentrum und die Strassen, die zu den Schlössern Tourbillon und Valère führen.

Noch sind die möglichen Routen beschränkt und im Bus fix einprogrammiert. Die Fahrgäste können ihr Ziel an einem Touchscreen im Bus eingeben. Immerhin sind die Fahrzeuge aber so flexibel, dass sie von einer Kommandozentrale aus auf alternative Route geschickt werden können, wenn zum Beispiel der normale Weg durch eine Baustrecke blockiert sein sollte. Die Busse können alles, man müsse es ihnen nur beibringen – es seien ja eigentlich nichts anderes als Computer auf Rädern, meint Viktoria Fontanel, Business Developer Europe bei Navya, dem Hersteller der Busse (siehe Interview links).

Neue Geschäftsfelder und Sparpotential für die Post

Neben der Paketzustellung mit Drohnen, geht die Post also nun auch die digitale Transformation im Nahverkehr an. Für das Projekt in Sitten arbeitet sie mit Partnern zusammen. Die Stadt Sitten und der Kanton Wallis sind mit ihm Boot, das Start-up Bestmile und die ETH Lausanne steuern die Algorithmen bei und übernehmen das Flottenmanagement.

Der Versuch soll zwei Jahren dauern und zeigen, ob und wie solche intelligenten Fahrzeuge neue Formen der Mobilität in Gebieten ermöglichen, die «derzeit vom öffentlichen Verkehr nicht bedient werden», sagt die Post. Das könnten aber auch Gebiete sein, die heute mit einer klassischen Postautoverbindung versorgt sind – und sich nicht rentieren, weil die grossen Postautos oft leer sind. Autonome Mini-Busse könnte diese Verbindungen günstiger machen, weil sie wirklich nur dann fahren, wenn auch jemand mitfahren möchte – und das ohne Lohnfixkosten für einen Chauffeur.

Teilweise überflüssig machen könnten selbstfahrende Busse auch die Taxifahrer. Für Taxiunternehmen ist es deshalb wohl keine schlechte Idee, sich besser schon heute als morgen auf solche autonomen Ruf-Sammeltaxis einzustellen, die dereinst unseren Nahverkehr abwickeln könnten.

Video «Wenn das Postauto selbst fährt» abspielen

Wenn das Postauto selbst fährt

3:50 min, aus 10vor10 vom 14.12.2015

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Kurz, leise und langsam

Für den Versuch in Sitten hat die Post zwei knapp 5 Meter kurze Mini-Busse des französischen Herstellers Navya gekauft. Der «Arma» hat 15 Plätze, während des Pilotprojekts dürfen aber nur 9 Personen an Bord sein. Das Shuttle fährt mit einem Elektromotor selbständig mit rund 20 Kilometer pro Stunde, mehrere Stunden lang. Ein Steuerrad gibt es nicht.