Smartphone: Hilfe gegen die Apphängigkeit

Ständige Erreichbarkeit über das Smartphone und der grenzenlose Zugriff auf Informationen werden zum Stressfaktor. Swisscom will betroffenen Kunden mit einer App helfen. Sie schärft das Bewusstsein für den eigenen Konsum – und verwaltet Auszeiten für Abhängige.

Ablenkung durch E-Mail und SMS kann die Produktivität beeinträchtigen, wie der Psychiater Glenn Wilson vom King's College London bereits 2005 nachgewiesen hat: Versuchspersonen, die ständig ihre E-Mails überprüften, schnitten in einem Intelligenztest ähnlich schlecht ab wie diejenigen, die nachts zuvor nicht geschlafen hatten. Noch schockierender: Sie standen noch viel schlechter da als jene Probanden, die vor dem Test einen Joint geraucht hatten.

Erster Schritt: Verhalten analysieren

Die Verbreitung des Smartphones hat die Erreichbarkeit in den letzten zehn Jahren massiv gesteigert. Viele Menschen meinen, ohne ihr Handy nicht mehr leben zu können. In Amerika macht das Schlagwort «Digital Detox» (digitaler Entzug) die Runde. Gemeint sind längere Ruhezeiten ohne Zugang zum Handy, wobei die empfohlene Dauer je nach Experte stark variieren kann – zwischen Stunden und Tagen.

Auch Swisscom weiss, dass die permanente Erreichbarkeit zum Problem werden kann. Das Unternehmen will helfen und bietet deshalb die App «My Time» an. Sie beobachtet jede Interaktion mit dem Handy und berechnet daraus eine Kennzahl zwischen 0 und 100. Dabei gilt: je höher der Wert, desto geringer die Abhängigkeit. 100 Punkte erreicht also nur, wer sein Handy gar nicht benutzt.

Neben der Häufigkeit der Nutzung berücksichtigt die App auch die Dauer: Je kürzer die Interaktionen sind, desto negativer werden sie bewertet. 10 Minuten konzentriert E-Mails lesen gilt als weniger schädlich als 40 Mal während 15 Sekunden zu überprüfen, ob nicht doch eine Meldung eingetroffen ist.

Zweiter Schritt: Massnahmen

«My Time» kann aber mehr als nur Zeiten und Aktionen registrieren und auswerten. Man kann mit der App auch Ruhezeiten definieren, während derer man nicht oder nur eingeschränkt erreichbar ist. Zudem lässt sich bestimmen, welche Anrufe und Meldungen trotzdem noch weitergeleitet werden sollen.

Bevor man eine Auszeit startet, kann der Benutzer sogar festlegen, wie hoch die Hürde ist, um sie auszuschalten: Ob also ein blosses Antippen genügt, ob man noch mehrere Minuten warten muss oder ob das Ausschalten sogar überhaupt nicht möglich ist – quasi die Ultima Ratio, die digitale Entsprechung eines harten Entzugs.

Mehr Kontrolle über die Erreichbarkeit ist offenbar ein weit verbreitetes Bedürfnis: In einer Umfrage, die Swisscom in Auftrag gegeben hat, bestätigten 60 Prozent der Handy-Nutzer, dass sie ihr Smartphone bewusst ausschalten, um nicht mehr erreichbar zu sein.

Ein verbreitetes Phänomen

Dass Auszeiten beliebter werden, haben auch Apple und Google gemerkt. In den neusten Versionen der Betriebssysteme iOS und Android ist diese Funktionalität bereits enthalten.

Gegenüber diesen Verfahren hat «My Time» zwar den Vorteil, dass sich das eigene Verhalten analysieren lässt. Doch hat man einmal verstanden, wie man sein Smartphone braucht, kann man auf diese Funktionalität gut verzichten. Ob die Swisscom-App ein Erfolg wird, muss sich also noch weisen.

App «My Time»

Die App wurde vom Berliner Unternehmen offtime.co entwickelt und ist kostenlos erhältlich. Zur Zeit allerdings nur für Android-Geräte und in einer Test-Version. Eine App fürs iPhone ist für Anfang des kommenden Jahres geplant.