«Überwachung darf nicht die Grundlage der Medienerziehung sein»

Professor Thomas Merz von der Pädagogischen Hochschule Thurgau findet es falsch, zu viel erzieherische Energie bei der Mediennutzung aufzuwenden. Im Interview mit Lucius Müller empfiehlt er, sich in erster Linie daran zu orientieren, was ein Kind benötigt, um glücklich zu sein.

Früher war es einfacher: Wollten Eltern den Medienkonsum ihrer Kinder kontrollieren, konnten sie sich in erster Linie auf den Fernseher beschränken. Der hatte seinen Platz im Wohnzimmer, die Anzahl der Sender war überschaubar und die Zeiten, in denen gesendet wurde, beschränkt. «Jetzt darfst du fernsehen - jetzt nicht!»: einfache Mediensituation, einfache Regeln.

Heute ist die Medienwelt beschleunigt und dank Apps auf Tablets und Smartphones inhaltlich individualisiert – mit Spielen, Fotos, Videos, Chat, Facebook und mehr. Diese Inhalte sind überall und ständig verfügbar. Viele Kinder haben ein eigenes Gerät oder können jene ihrer Eltern benutzen – und fordern dies auch ein.

«  Sobald ein Kind im eigenen Zimmer mit einem Tablet und einem Internetanschluss ist, habe ich als Vater oder Mutter keine Ahnung mehr, was genau mein Kind jetzt gerade erlebt. »

Doch so ausweglos und von Vornherein zum Scheitern verurteilt, wie die Situation auf manche Eltern wirken mag, ist sie nicht. Medienpädagoge Thomas Merz warnt davor zu meinen, mit Medien aufzuwachsen, sei immer problematisch. Es gehe darum zu schauen, was ein Kind benötige, um gesund aufzuwachsen – und das fände heute eben auch immer in einer Welt statt, die durch Medien geprägt sei.

Gibt es eine sinnvolle Altersgrenze?

Ja. Zwar fehlen der Forschung heute noch Langzeiterfahrungen, doch Thomas Merz ist überzeugt, dass bei Kindern unter zwei Jahren ein Umgang mit Tablets und Smartphones keinen Sinn macht. Und auch mit drei oder vier Jahren ist es für Kinder noch nicht nötig, sich mit Apps zu beschäftigen. Das bedeute aber nicht zwingend, dass sie es nicht sollten. Es komme darauf an, was ein Kind mit einer App mache, sagt Merz. Wenn ein Kind im Leben gut unterwegs sei, könne es auch mit ganz unterschiedlichen Apps kreativ umgehen.

Eltern sollten sich deshalb auf die Frage konzentrieren, welche wichtigen Erfahrungen Kinder im Leben benötigten, damit es ihnen gut gehe. Dazu könnten gewisse Apps auf iPad & Co gehören, aber auch spielen im Sandhaufen, mit Materialen basteln oder ganz einfach mit anderen Kindern herumtollen. «Wenn ein Kind in einer solchen Umgebung aufwächst, kann Mediennutzung die Erfahrung bereichern. Aber die grundlegenden zentralen Erfahrungen müssen vorhanden sein», sagt Merz.

Ein Mädchen schaut in einen iPod Touch.

Bildlegende: Grenzen für die Mediennutzung zu definieren ist eine individuelle Aufgabe. Lucius Müller/SRF

Macht es Sinn, sein Kind zu überwachen?

Überwachungs-und Kontrollsoftware zur zeitlichen und inhaltlichen Begrenzung ist für (überforderte) Eltern zwar verführerisch: Dutzende von Produkten versprechen eine einfache Lösung für das heikle Problem. Doch Medienpädagoge Thomas Merz warnt vor Kontrollwahn: «Jede Medienerziehung, die auf Überwachung aufbaut, scheitert auf Dauer».

Überwachungssoftware könne nützlich in einer Übergangsphase sein, etwa, um dem Kind schneller grössere Freiräume geben zu können. Oder wenn sie dazu diene, durch die Analyse der Tätigkeiten des Kindes fruchtbare Gespräche mit ihm führen zu können. Doch langfristig löse Kontrollieren allein keine Probleme.

«  Als grundsätzliche Zielrichtung in dieser schnellen Medienwelt taugt einzig, das Kind zu einer selbständigen Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit hinzuführen. »

Zeitliche Einschränkungen für den Gebrauch von Tablets und Smartphones empfiehlt Experte Merz dennoch: «Ich halte eine Grössenordnung von etwa einer halben Stunde pro Tag für sinnvoll. Da haben daneben auch noch andere Erfahrungen Platz». Dies gilt für Kinder ab etwa drei Jahren. In der Primarschule können Eltern die Zeit auf etwa eine Stunde erhöhen, in der Mittelstufe auf 1.5 Stunden.

Aber: «Es kommt immer darauf an, was das Kind effektiv macht». Wenn ein Kind sehr kreativ sei und beispielsweise auf dem Tablet Musik mache, könne es für Eltern durchaus Sinn machen, dieser Kreativität mehr freien Lauf zu lassen und dem Kind für diese Tätigkeit mehr Zeit am Tablet zu erlauben.

Taugt eigenes Nicht-Wissen als Ausrede?

Nein! Der Satz «Wie soll ich meinem Kind denn etwas beibringen in einem Bereich, in dem es mehr weiss als ich selber?» ist ein Klassiker im Bereich der Medien-Erziehung, aber für Thomas Merz eine Täuschung. Denn das Wissen der Kinder beschränke sich oft auf technisches Know How und nur jene Apps, die für sie wichtig seien.

Doch laut dem Fachmann gehe es um andere Kompetenzen. «Wie integriere ich ein bestimmtes Medium in mein Leben?» Bei der Beantwortung dieser Frage seien die Eltern ihren Kindern überlegen, da sie hier auf ihre eigene Lebenserfahrung zählen könnten.

«  Man muss Abschied nehmen von der Vorstellung, ich als Vater oder Mutter weiss über alles Bescheid, was ich meinem Kind beibringen will. »

Merz plädiert dafür, dass Eltern zusammen mit ihren Kindern «diese Medienwelt» entdecken, dass Eltern zu ergründen versuchen, wieso Chat oder Facebook so wichtig sind im Leben eines heutigen Kindes. Erst dann könnten Eltern den Nachwuchs auf dem Weg begleiten, diese Medien sinnvoll in ihr Leben zu integrieren. Merz: «Kinder sollen lernen, Medien als Teil des Lebens zu begreifen.»

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