Warnschuss mit der Pistole aus dem 3-D-Drucker

Nach dem ersten erfolgreichen Schuss mit einer Kunststoff-Pistole aus einem 3-D-Drucker versuchen die Behörden nun, die Verbreitung der Druckdatei zu verhindern.

Die Kunststoffteile der Pistole.

Bildlegende: Die Bestandteile und die zusammengesetzte «Liberator»-Pistole. Defense Distributed

Es war ein Schuss, der rund um die Welt für Aufregung gesorgt hat: Der 25-jährige Cody Wilson zielt, feuert und blickt dann durch die Sonnenbrille in die Kamera. Die Waffe in dem Video ist klobig, als wäre es ein Block Seife, aus dem man eine Pistole geschnitzt hat. Der Griff ist schwarz, der Rest der Pistole weiss, der Lauf kurz. Die Waffe ist selbstgebaut – mit einem 3-D-Drucker ausgedruckt.

Die Pistole besteht aus lediglich 16 Teilen. Lediglich der Schlagbolzen ist ein gewöhnlicher Nagel und damit aus Metall – der Rest der Waffe ist aus Kunststoff. Die Waffe hat kein Magazin. Stattdessen wird eine einzelne Patrone mit Kaliber 9mm kurz direkt in den Lauf geschoben und abgefeuert.

Vorbild aus dem Zweiten Weltkrieg

Die Gruppe um Cody Wilson, Defense Distributed, nennt die Waffe «The Liberator». Damit bezieht man sich einerseits auf eine Waffe aus dem Zweiten Weltkrieg, deren Design als Vorbild diente. Auch die «FP-45 Liberator» war eine einfache Waffe, die nur einen einzelnen Schuss abfeuern konnte. Sie wurde billig aus wenigen Einzelteilen hergestellt und komplett mit einer Comic-Anleitung in einer Kartonschachtel verpackt. Sie hätte in Konzentrationslagern oder besetzten Länder abgeworfen werden sollen, um die Moral der deutschen Truppen zu schwächen. Tatsächlich eingesetzt wurde sie allerdings kaum.

Ähnlich wie beim Vorbild aus dem Zweiten Weltkrieg geht es auch Defense Distributed nicht in erster Linie darum, eine effektive Waffe herzustellen. Stattdessen steht die Symbolik im Vordergrund. Die Gruppe ist den «2nd Amendement»-Fundamentalisten zuzurechnen: Sie werten das Recht auf Waffenbesitz aus der US-amerikanischen Verfassung sehr hoch, sehen die Waffe in der Hand des Bürgers als letzte Verteidigungslinie gegen einen potentiell tyrannischen Staat. Ziel ist es deshalb, die Herstellung von Waffen der Kontrolle des Staates zu entziehen. Wilson bezeichnet sich selber als «crypto-anarchist», die den uneingeschränkten Fluss von jeglicher Information als Grundrecht sehen.

«  This project might change the way we think about gun control and consumption. How do governments behave if they must one day operate on the assumption that any and every citizen has near instant access to a firearm through the Internet? Let's find out. »

Defense Distributed, Our Plan

Folgerichtig stellte Defense Distributed die Druckdatei für den «Liberator» auf ihrer Website zum freien Download zur Verfügung. Seit der Veröffentlichung war die Seite oft schwer erreichbar, die Nachfrage offenbar hoch. Es gibt Schätzungen, dass die Datei 100'000 mal heruntergeladen wurde.

Für das aktuelle Design ist noch ein professioneller, verhältnismässig teurer 3-D-Drucker notwendig; billige Modelle erreichen noch nicht die notwendige Präzision. Die Pistole, die Wilson im Video abfeuert, wurde mit einem Gerät von Stratasys ausgedruckt, das für um die 10'000 Dollar zu kaufen ist. Defense Distributed hat es sich allerdings zum Ziel gesetzt, das Design soweit zu verfeinern, dass auch günstigere Drucker eine funktionstüchtige Waffe ausdrucken können.

Sind 3-D-Waffen ausreichend verboten?

Die offene Provokation ruft die Politik auf den Plan. Bereits fordern Senatoren eine Verschärfung des Waffengesetzes, insbesondere, da es sich um eine Pistole aus Kunststoff handelt, die von Metalldetektoren nicht erkannt wird (Defense Distributed hat zwar ein Stück Metall im Griff eingebaut, um dieser Kritik vorzubeugen – was allerdings niemanden daran hindert, die Pistole auch ganz ohne Metallteile auszudrucken).

Das Ausdrucken der Waffe ist beispielsweise in der Schweiz verboten, sowohl gewerbsmässig als auch privat, da der Druckvorgang als «Herstellen» zu werten ist. In den USA benötigt man eine Lizenz, um Waffen herzustellen und zu verbreiten; eine Lizenz, die Cody Wilson besitzt. Unter gewissen Voraussetzungen ist allerdings die private Herstellung auch ohne Lizenz erlaubt.

Datei vom Netz genommen

Am Donnerstag hat das amerikanische Aussenministerium die Gruppe aufgefordert, die Druckdatei vom Netz zu nehmen. Das State Department argumentiert, dass das Verbreiten der Datei ein Verstoss gegen internationale Regulierung von Waffenexporten darstelle. Auch für das Exportieren von Waffen-Bauplänen ist eine Bewilligung oder Lizenz erforderlich.

Defense Distributed ist der Aufforderung zwar nachgekommen. Doch die Verbreitung der Datei wird damit nicht verhindert. Auf einschlägigen Bittorrent-Seiten ist die Datei weiterhin zu finden.

Die schnelle Reaktion von Politik und Behörden zeigt, dass die hochtrabende Rhetorik vom Ende der staatlichen Waffenkontrolle übertrieben ist. Dennoch bleibt die Herausforderung bestehen: Individuen, die bereit sind, gegen Gesetze zu verstossen, werden in Zukunft einfacher an krude Waffen kommen.