Was mit dem Bitcoin alles anders wird

Der Bitcoin kann das Bezahlen übers Internet revolutionieren. Mit der Internet-Währung können aber auch Auftragskiller und Drogen besorgt werden. Doch jenseits von übertriebener Hoffnung und Panikmache zeigt der Bitcoin, wie man verkrustete Strukturen im Zahlungswesen aufbrechen kann.

Zu Anschauungszwecken hergestellte Bitcoin Münzen.

Bildlegende: Geld aus Nullen und Einsen: Den Bitcoin zum in der Hand halten gibt es nicht wirklich. Die Währung existiert nur digital, auf dem Computer. Reuters

Den Bitcoin gibt es eigentlich gar nicht. Will heissen: Trotz dem «Coin» im Namen gibt es keine Bitcoin-Münze, auch keine Bitcoin-Banknote, die man in der Hand halten könnte. Der Bitcoin existiert nur auf dem Computer, als digitale Währung in einem Netzwerk miteinander verbundener Bitcoin-Benutzer.

Das ist aber nicht das besondere am Bitcoin; das meiste Geld existiert heute nur noch digital, als Nullen und Einsen in den Rechenzentren der Banken. Das besondere am Bitcoin ist, dass hinter ihm keine Bank oder sonst eine Institution steht und auf ihn aufpasst. Es gibt auch keinen Staat, der die Geldmenge steuert. Der Bitcoin wird einzig von einem Algorithmus gelenkt – einer Software, die bestimmt, wie schnell neue Bitcoins auf den Markt kommen.

«I've been working on a new electronic cash system that's fully peer-to-peer, with no trusted third party» schrieb der mysteriöse Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto im Oktober 2008. Und fasste damit gleich das Wichtigste zusammen: Der Bitcoin ist eine neue elektronische Währung, die anonym zwischen gleichberechtigten Partnern hin und her geht: Direkt vom Käufer zum Verkäufer – ohne dass eine Bank oder sonst eine Institution die Transaktion kontrolliert.

Bitcoin durchbrach Wikileaks Geld-Blockade

Der Bitcoin ist nicht der erste und nicht der einzige Versuch, eine neue Form von Geld zu finden, die den Möglichkeiten des Internetzeitalters gerecht wird. Aber es ist die erste solche Währung, die über einen kleinen Kreis von Eingeweihten hinaus bekannt ist. Die erste virtuelle Währung, die ebenso für Schlagzeilen in Technologie-Blogs sorgt wie in Tageszeitungen.

Ein animiertes Gif zeigt das Auf-und-Ab des Bitcoin-Kurses seit April 2013.

Bildlegende: Auf und nieder, immer wieder: Der hektische Kursverlauf des Bitcoins gleicht eher dem einer spekulativen Aktie denn einer herkömmlichen Währung. SRF

Erste Popularität erhielt der Bitcoin Ende 2010, als Dienste wie Visa, Mastercard und Paypal Geldzahlungen zur Enthüllungsplattform Wikileaks sperrten. Wikileaks rief dazu auf, Spenden künftig per Bitcoin zu überweisen, da der Geldfluss zwischen Spender und Plattform so nicht von Dritten kann unterbunden werden.

Eine Währung für Verbrecher?

Dass die Geldströme im Bitcoin-Netzwerk keinen staatlichen Regulationen unterliegen und anonym (präziser: pseudonym) ablaufen, hat dem Bitcoin den Ruf einer Verbrecherwährung eingebracht. Tatsächlich soll etwa die Drogenplattform Silk Road vor ihrer Schliessung für fast zehn Prozent aller Bitcoin-Transaktionen verantwortlich gewesen sein. Allerdings: Drogenhandel und andere Schattenwirtschaft gab es schon vor dem Bitcoin. Und gemessen an den Dollar-Flüssen in diesen Netzwerken sind die Zahlungen in Bitcoins vernachlässigbar.

Ein Screenshot der Plattform Silk Road, auf dem MDMA zum Bestellen angeboten wird.

Bildlegende: MDMA gegen Bitcoins: Die Drogenplattform Silk Road setzt als Bezahlsystem ganz auf den (so gut wie) anonym handelbaren Bitcoin. Screenshot

Dass ausgerechnet Akteure am Rande der Gesellschaft den Bitcoin früh für sich entdeckt haben, ist auch nicht aussergewöhnlich: Bereits bei der Entwicklung des Internets war es die Pornoindustrie, die mit Video-Streaming oder Online-Shopping Möglichkeiten des neuen Mediums nutzten, die ihr in herkömmlichen Vertriebskanälen nicht offen standen.

Das elektronische Portemonnaie

Doch bislang gibt es nur wenige Gelegenheiten, seine Bitcoins überhaupt auszugeben. Internetdienste akzeptieren sie, etwa die Blogging Software WordPress oder die Dating-Site OKCupid. In Hotels und Restaurants rund um die Welt lässt sich ebenfalls mit Bitcoin bezahlen. Und mit Overstock ist Anfang Jahr auch ein grosser amerikanischer Online-Händler dazugekommen.

Zahlen und bezahlt werden ist einfach: Bitcoins lagern in einer Art elektronischem Portemonnaie, das Wallet genannt wird. Jedes Wallet hat eine eigene Adresse – ein langer Code aus Zahlen und Buchstaben. Wer Geld überweist, gibt einfach die Adresse des Empfänger-Portemonnaies ein (oder liest sie via QR-Code ein) und auf Knopfdruck wandern die Bitcoins sofort von einem Wallet ins andere. Im Unterschied etwa zu Kreditkarten fallen dabei nur kleinste Gebühren an.

«Miner» schürfen nach neuen Bitcoins

Die meisten Bitcoins bleiben heute aber noch im virtuellen Geldbeutel ihrer Besitzer stecken. Denn der Bitcoin ist deflationär angelegt: Einer ständig abnehmenden Zahl neu geprägter Bitcoins steht eine ungebrochene oder sogar zunehmende Nachfrage gegenüber, die den Kurs erwartungsgemäss in die Höhe treibt. Wenn ein Bitcoin also morgen schon mehr Wert ist, gibt es wenige Gründe, ihn heute auszugeben.

Schuld daran ist die Art, wie neue Bitcoins entstehen. Weil wie beschrieben kein Staat und keine Institution hinter der Währung steht und die Geldmenge reguliert, ist es allein der Algorithmus, der über die «Prägung» neuer Bitcoins entscheidet – und das auf eine ebenso raffinierte wie technisch anspruchsvolle Art: Wer Rechenleistung zur Verfügung stellt, um die Transaktionen im Bitcoin-Netzwerk zu authentifizieren – etwa um sicher zu stellen, dass jemand einen Bitcoin nicht zweimal ausgibt – der wird dafür mit neuen Bitcoins belohnt.

Die Bitcoin-Gemeinde nennt solche Leute «Miner», weil sie neue Bitcoins schürfen wie Bergarbeiter in einer Goldmine. Der Bitcoin-Algorithmus sorgt dafür, dass sich die Belohnung für die Miner fortlaufend halbiert. Zu Beginn waren es noch 50 Bitcoins, die ein Miner für die Überprüfung der in einem Block zusammengefassten Transaktionen bekam. Heute liegt die Zahl bei 25. Bald wird ein Block nur noch zwölfeinhalb Bitcoins ausspucken und so weiter. Im Jahr 2140 nähert sich diese Zahl der Null. Dann erreicht die Menge der Bitcoins die maximale Zahl von 21 Millionen.

Den Bitcoin-Händler persönlich treffen

Selbst im Verbund mit anderen Computern ist Bitcoin-Mining mittlerweile so rechenintensiv, dass Aufwand (Arbeitszeit, Strom, etc.) und Ertrag (Bitcoins) in sehr ungünstigem Verhältnis stehen. Wer mit weniger Aufwand an Bitcoins kommen will, kauft sie darum auf einer der vielen Tauschplattformen im Internet. So wie man auch andere Währungen kauft: Indem man Schweizer Franken überweist und je nach Kurs mehr oder weniger viele Bitcoins dafür erhält.

Wer will, kann sich sogar persönlich mit einem Händler treffen. Die Webseite LocalBitcoins listet lokale Bitcoin-Händlern auf. In grossen Städten wie New York oder London gibt es Dutzende solcher Angebote. Auch in der Schweiz tauschen mehrere Händler bei persönlichen Treffen ihre Bitcoins gegen Bargeld. Und noch mehr bieten diesen Dienst online an.

Konkurrenz für Kreditkarten und Western Union

Nicht wenige Bitcoin-Enthusiasten träumen davon, dass der Bitcoin einst Landeswährungen wie den Dollar oder Franken ersetzt und zu einer Art Universalwährung wird. Dazu dürfte es kaum kommen – zum Schluss bleiben den Staaten noch immer Möglichkeiten wie die Steuerzahlungen nur in der jeweiligen Landeswährung zu akzeptieren.

Eine fiktive Bitcoinmünze dreht sich

Bildlegende: Alles dreht sich um den Bitcoin: Andere Kryptowährungen wie der Ripple oder der Litecoin stossen dagegen erst in Fachkreisen auf Interesse. SRF

Möglich aber, dass sich der Bitcoin als bevorzugtes Zahlungsmittel im Internet etabliert (oder eine der anderen Kryptowährungen, die derzeit vom Bitcoin inspiriert entstehen). Nicht zuletzt dass bei Zahlungen per Bitcoin kaum Transaktionsgebühren anfallen macht ihn zu einem starken Konkurrenten von Kreditkarten wie Visa oder Mastercard, die Händlern Gebühren von bis zu drei Prozent der Verkaufssumme abverlangen.

Dasselbe gilt für Anbieter von internationalen Bargeldtransfers. Der Marktführer Western Union etwa verdient jedes Jahr geschätzte 37 Milliarden Dollar allein durch Transaktionsgebühren, die bei einem System wie dem Bitcoin weit weniger hoch ausfallen.

Entrümpelung im Geldwesen

Die Verrechnungssysteme von Kreditkartenfirmen basieren zum Teil auf 40-jähriger Software. Auch die Software, die Zahlungsvorgänge bei Banken regelt, hat oftmals schon einige Jahre auf dem Buckel. Bitcoin zeigt, wie sich solche Transaktionssysteme mit modernen Mitteln wie Peer-to-Peer-Protokollen verbessern lassen. Das macht das Bezahlen etwa im Internet nicht nur für Händler und Käufer unkomplizierter und günstiger. Digitalisierung und Vernetzung brechen alte Strukturen auf und schaffen Möglichkeit für Innovation.

Ein wenig lässt sich die Geschichte des Bitcoin also mit dem Aufkommen digital verbreiteter Musik vergleichen, dank der wir heute Songs und Alben einfach per iTunes oder direkt von der Webseite eines Musikers herunterladen können. Wichtige Teile des alten Systems wie Presswerke, Lagerhallen, Transportlastwagen oder Plattengeschäfte konnten so problemlos wegfallen. Mit dem Bitcoin könnte so eine Entrümpelung nun auch im Geldwesen passieren.

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Kritik am Bitcoin

Kritik am Bitcoin

Der Bitcoin ist nicht ohne Fehler. Dass die Währung deflationär angelegt ist und die Hoffnung auf höhere Kurse sie mehr zur Aktie denn einem echten Zahlungsmittel mache, gehört zu den häufigsten Vorwürfen.

Weitere Kritikpunkte hat der Autor Charles Stross in seinem Blog zusammengefasst, wie etwa den ungünstigen Gini-Koeffizienten des Bitcoins.

Der Bitcoin-Erfinder stellt sein Projekt vor