Whuuaaaaaaaa haaahuuuooaa whuohaaaaaa!!! (= «Ich habe Hunger!!!»)

Babys sind in ihren verbalen Möglichkeiten eingeschränkt. Das hat findige Forscher auf den Plan gebracht, eine App zu entwickeln, die Babyschreie übersetzt. Wissen Eltern nun dank Algorithmus und Frequenz-Analyse endlich, was Sache ist, wenn der Nachwuchs schreit? Wir haben getestet.

Eine grafische Darstellung von schreiende und weinenden Babys.

Bildlegende: Schreien, Schreien, Schreien... Screenshots «Infant Cries Translator» / Montage SRF

Das Baby auf den Arm zu nehmen, wenn es schreit, war gestern: Heute müssen Eltern den Schreihals kurz um Geduld bitten, ihr Handy zur Hand nehmen und mit einem Fingertipp die App «Infant Cries Translator» aktivieren. Die App nimmt dann zehn Sekunden Schreien auf, lädt die Sounddatei auf einen Server, der das Schrei-Profil des Babys analysiert. Dann wird den Eltern anzeigt, ob das Kind hungrig oder müde ist, Schmerzen hat oder einfach in die Windeln gepinkelt hat und sich deshalb unwohl fühlt.

Piktogramm eines schreienden Babys mit nasser Windel.

Bildlegende: Service, bitte! Screenshot «Infant Cries Translator»

Brauchen wir das? Eine Handvoll Eltern, bei denen ich zum Thema nachgehakt habe, meinte «Nein!». Die elterliche Intuition sei völlig ausreichend.

Forscher der National Taiwan University Hospital Yunlin, meinen «Ja!».

Ich finde: «Wieso nicht?» Die App kostet keine drei Franken, tönt verlockend und wenn sie als technisches Hilfsmittel eine Hilfe sein kann, ist das doch eine gute Sache.

Cloud und Algorithmen versus mütterliche Intuition

Geben wir der App also eine Chance. Schliesslich haben die Macher einigen Aufwand betrieben und werben mit wissenschaftlicher Präzision. Nach eigenen Angaben haben sie für die Entwicklung über einen Zeitraum von zwei Jahren mehr als 200'000 Schreie von rund 100 Babys aufgezeichnet.

Diese Schreie landeten in einem Cloudspeicher, einer Online-Datenbank, wo ein Algorithmus die Frequenzen der einzelnen Schreie analysiert und feine Unterschiede in der Akustik festgestellt habe. Dadurch sei man in der Lage gewesen, unterschiedliche Schreie den Bedürfnissen des Babys zuzuordnen.

Resultate scheinen willkürlich

Weil ich kein eigenes Baby habe und mir keines leihen mag, habe ich eine Kollegin und einen Kollegen um Hilfe gebeten. Sie haben mir Soundproben ihrer Kleinen geschickt – zusammen mit der Information, um welchen Schrei-Typus es sich handelt.

Diese Sounds habe ich dann der Übersetzungs-App vorgespielt. Das Resultat war – nun ja – vernichtend.

Zwei Babys, vier Töne, zwei Treffer

Baby-Schrei
Schrei-Grund
Analyse «Infant Cries Translator»Ergebnis
Viola (1.5 Wochen)HungerHunger
Richtig
Viola (1.5 Wochen)Hunger
Schmerz
Falsch
Malik (4 Wochen)
Hose voll
Schlaf
Falsch
Malik (4 Wochen)Hose voll (Ton ab Sek. 35)
Schmerz
Falsch
Malik (4 Wochen)Bauchkrämpfe
Schlaf
Falsch
Malik (4 Wochen)Bauchkrämpfe (Ton ab Sek. 35)
SchmerzRichtig

Nur zwei Mal lag «Infant Cries Translator» richtig: beim ersten Ton der 1,5 Wochen jungen Viola. Hier erkannte die App richtig, dass das Baby Hunger hat. Und auch beim Ton von Malik mit Bauchkrämpfen, allerdings nur an einer bestimmten Stelle der Aufnahme.

Die Resultate können beim selben Schrei-Typus also variieren. Bei den zwei besonders langen Tönen von Malik habe ich den Test an einer anderen Stelle der Aufnahme wiederholt: Die App hat einmal die ersten zehn Sekunden analysiert und dann ein zweites Mal ab Sekunde 35. Hatte Malik Bauchkrämpfe, meinte der Übersetzer beide Male, das Baby benötige Schlaf. Hatte Malik die «Hose voll», tippte die App bei der Anfangssequenz auf «Schlaf», bei der Sequenz ab Sekunde 35 auf «Schmerz». Beides ist falsch.

Fazit: Im – zugegebenermassen nicht wissenschaftlichen – Test übersetzt die App Babygeschrei nicht korrekt. Sie ist unzuverlässig und die Resultate erscheinen willkürlich. Wissenschaftler, die sich mit Sprachentwicklung und Kommunikation von Neugeborenen und Babys beschäftigen, erstaunt das nicht.

Wissenschafter winken ab

Kathleen Wermke leitet das Zentrum für vorsprachliche Entwicklung und Entwicklungsstörung der Universität Würzburg und erforscht dort die Sprachentwicklung in den frühen Phasen des Säuglings- und Kleinkindalters.
In den ersten Monaten ihres Lebens legen Säuglinge wichtige Grundlagen für ihren späteren Spracherwerb – in der Art wie sie weinen.

Ein Beispiel: Je höher der Anteil komplexer «Melodien» im Weinen eines Babys ist, desto besser kann es später Wörter und Sätze produzieren und verstehen. Hier gibt es einen Zusammenhang.

Piktogramm eines schreienden Babys mit Hunger.

Bildlegende: Hunger! Screenshot «Infant Cries Translator»

Aus einem Schrei den Grund dafür abzuleiten, hält Kathleen Wermke aber für unrealistisch. «Aus meiner Sicht ist grosse Vorsicht geboten», warnt die Wissenschaftlerin.

Auch Trix Cacchione, Leiterin des Lehrstuhls für frühkindliche und vergleichende Psychologie der Universität Bern, ist skeptisch: «Babys schreien aus einem Unwohlsein heraus, nicht weil sie eine konkrete Botschaft kommunizieren wollen».

Schreiende Babys zu beruhigen, sei oft sehr schwer, erklärt Cacchione, und könne junge, unerfahrene Eltern schon mal zur Verzweiflung bringen. Natürlich seien diese dann verleitet, erstmal alles zu kaufen, was ihnen verspreche, einem Baby Wünsche quasi «von den Lippen» abzulesen und entsprechend zu handeln.

«Neben Keimzellen zur Produktion von Babys haben wir aber glücklicherweise auch einiges an Ausstattung dabei, das uns hinterher erlaubt ohne technische Ausrüstung mit einem Baby zu interagieren», meint Trix Cacchione.

Anders gesagt: Wenn wir das nur mit einer App schaffen würden, wäre mit Sicherheit grundsätzlich etwas schief gelaufen.

Beiträge im Radio

Abnehmende Treffsicherheit

Glaubt man den Forschern, liegt die Trefferquote ihrer App (iOS / Android) bei 92 % – bei Babys, die jünger als 2 Wochen sind. Bis zum 4. Monat sinke sie auf 77 Prozent. Diese Zahlen haben die Entwickler aus dem Feedback von Nutzern ermittelt, die dem lernfähigen Algorithmus per Fingertipp mitgeteilt haben, ob die Prognose richtig oder falsch war.