Zum Inhalt springen

Digital Wo wird digitales Geld hergestellt? In dieser Bitcoin-Mine

Alle zehn Minuten werden in einer Bitcoin-Mine neue Münzen im Wert von 10'000 Franken geschaffen. Dazu braucht es viel Glück und noch viel mehr Rechenleistung. Obwohl die Schweiz als Standort ungeeignet ist, betreibt Guido Rudolphi in Linthal erfolgreich eine Mine. Ein Augenschein vor Ort.

In einer Fabrikhalle: Gestell mit vielen Kabeln und Rechner. Ein Mann steht davor, hinter ihm ein Hund.
Legende: Die wohl grösste Bitcoin-Mine der Schweiz: Besitzer Guido Rudolphi konfiguriert einen Rechner. Immer dabei: sein Hund. Peter Buchmann / SRF

Bevor wir das alte Fabrikgebäude betreten, warnt mich Guido Rudolphi: In seiner digitalen Mine sei es laut, heiss und nicht sehr gemütlich – wie in einer richtigen Mine eben auch. Neben dem schlanken Mittfünfziger wartet geduldig sein Hund. «Die Engländer nahmen zur Sicherheit einen Kanarienvogel mit in die Mine, ich habe immer meinen Minen-Hund dabei», scherzt er.

Ein Mann und sein Hund in einer Fabrikhalle; rechts Racks mit Rechnern.
Legende: Guido Rudolphi: Vor 18 Monaten zog er mit seinen Geräten nach Linthal (GL) wegen des Strompreises. Peter Buchmann / SRF

Tatsächlich hört man schon von weitem ein penetrantes Surren, das immer lauter wird. Schnell wird klar, von wo der Lärm kommt: In einer ehemaligen Produktionshalle stehen dutzende Ventilatoren. Sie kühlen unzählige Rechengeräte in allen Grössen und Ausführungen. Alle Fenster sind weit geöffnet, nicht nur jetzt, auch im Winter. Am Boden liegen überall dicke Stromleitungen, dazwischen leere Kartonschachteln und Computerbauteile, bereit für den Einbau. Um eine Bitcoin-Mine zu betreiben, braucht es also spezielle Rechner und sehr viel Strom.

Buchhaltung und Lotterie

Bitcoin-Minen sind die Buchhalter der digitalen Währung. Sie prüfen und speichern alle Transaktionen. Für die Minenbetreiber ist Bitcoin aber auch so etwas wie eine gigantische Lotterie: Alle zehn Minuten haben sie die Chance, eine Prämie von 25 Bitcoin zu gewinnen, aktuell 10'000 Franken. Das ist die Belohnung für die Mine, der es als erste gelingt, die neuste, korrekt nachgeführte Seite (Block) in die Buchhaltung (Blockchain) einzufügen. Tausende von Minen rund um die Welt versuchen immer wieder erneut, dieses Preisgeld zu erhaschen.

Um zu gewinnen, braucht es eine Portion Glück. Doch entscheidend ist die Rechenleistung. «Es ist eine mathematische Lotterie, bei der ich ausrechnen kann, wie oft ich gewinne» sagt Guido Rudolphi. Je grösser die Rechenleistung, desto grösser die Chancen.

Mann an einem Gestell mit Rechengeräten; sein Hund sitzt neben ihm und starrt ihn an.
Legende: Rasante Entwicklung: Aktuelle Bitcoin-Rechner (unten im Gestell) sind klein und rechnen schnell mit weniger Strom. Peter Buchmann / SRF

Früher konnte sich jeder mit einem PC am Bitcoin-Netzwerk beteiligen. Heute kann nur mithalten, wer mit spezialisierten Chips rechnet und sie mit billigem Strom betreibt. Mit einem PC müsste man mehrere hunderttausend Jahre rechnen, um einmal zu gewinnen.

Der Konkurrenzkampf unter den Bitcoin-Minen gnadenlos. Alle sechs Monate kommt einen neue Chip-Generation auf den Markt, die noch schneller rechnet und noch weniger Strom verbraucht. So bleiben einem Minenbetreiber nur wenige Monate, um die Investition in seine Hardware zu amortisieren. Denn dann stellt die Konkurrenz bereits wieder auf die nächste Hardwaregeneration um und rechnet noch schneller und noch günstiger.

Der Strompreis macht den Unterschied

Während die Kosten für die Hardware für alle Teilnehmer die gleichen sind, gibt es beim Strompreis grosse Unterschiede.

Eine Reihe mit etwa 15 Racks voller Rechner, jedes ein Meter gross.
Legende: Veraltete Hardware: Angeschafft vor 18 Monaten und bereits wieder stillgelegt. Sie rechnen zu langsam und brauchen zu viel Strom. Peter Buchmann / SRF

Vor 18 Monaten hat Guido Rudolphi seine Mine von Uster im Kanton Zürich nach Linthal im Kanton Glarus verlegt. Der einzige Grund: der Strompreis. «Es hat rund zwei Jahre gedauert, bis ich in der Schweiz einen Ort fand, an dem man billig Strom beziehen kann», so der Unternehmer.

Ohne günstigen Strom kann man eine Bitcoin-Mine nicht rentabel betreiben. Das ist mit ein Grund, warum sich die Bitcoin-Rechenleistung in China konzentriert. Der Strom ist dort ohnehin günstig. Und mit Korruption verschaffen sich Bitcoin-Minen im Reich der Mitte weitere Vorteile: Sie bestechen Kraftwerkbetreiber oder geben sich etwa als Bäckerei aus, weil Lebensmittelfabrikanten von Sonderkonditionen profitieren. «Oben backen sie zehn Croissants am Tag, während ihre Mine unten Strom für eine Million Gipfeli verbraucht», erzählt Guido Rudolphi.

Überzeugung als Motivation

Wie viel er in Linthal für den Strom bezahlt, will Guido Rudolphi nicht verraten. Überhaupt lässt er sich nicht gerne in die Karten schauen: Er will auch nicht sagen, über welche Rechenleistung seine Mine verfügt oder wie oft es ihm gelingt, die Prämie von 25 Bitcoin zu erhaschen.

Für ihn, der sich in den 80er Jahren für ein autonomes Zürcher Jugendzentrum einsetzte, ist Geld nicht die einzige Motivation. Er ist überzeugt, dass es den Bitcoin aus politischen Gründen braucht: Eine Währung, die weder von Banken noch Regierungen kontrolliert wird und die schnelle und günstige Transaktionen ermöglicht.

Auch die Technik hinter dem Bitcoin begeistert Guido Rudolphi. Er sieht Parallelen zum Internet. Vor 20 Jahren, als das Netz zum Massenphänomen wurde, gab es ebenfalls Skeptiker, die statt der Möglichkeiten nur Probleme sahen. Heute sei eine moderne Gesellschaft ohne Internet undenkbar, meint er. Und: «In 15 Jahren wird es Kinder geben, die uns fragen: Papa, wie konntet ihr nur ohne Blockchain leben!»

9 Kommentare

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Teilen Sie Ihre Meinung... anwählen um einen Kommentar zu schreiben

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie unsere Netiquette verfügbar sind noch 500 Zeichen

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Tim lüthi, Bachtel
    Die Idee hinter Bitcoin wäre nicht schlecht, leider artet es in einer riesigen Energieverschwendung aus.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Jon Bucher, Urdorf
      Bitcoinmining lässt sich gut mit dem Goldmining vergleichen. Beides war am Anfang einfach und wird mit der Zeit immer aufwendiger, da die Menge begrenzt ist. Um Gold aus den Mienen zu holen und für die Aufbereitung wird ebenfalls sehr viel Energie benötigt. Es werden aber zusätzlich noch Menschenleben riskiert und die Umwelt mit Giften verseucht. Bei Bitcoin wird durch das Mining ein dezentrales Vertrauens-Netzwerk abgesichert, über welches man Geld und andere Wertgegenstände transferieren kann.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Jon Bucher, Urdorf
      Der hohe Energieverbrauch hat mich Anfangs auch gestört. Das erschaffen von neuen Bitcoins bzw. Gold muss jedoch wirtschaftlich sein, dass heisst es kann nur so viel in Energie investiert werden, dass nach dem Bezahlen allen übrigen Kosten noch ein Gewinn übrig bleibt. Alle 4 Jahre wird die Belohnung für die Miner halbiert. Da dann auch die Einnahmen schrumpfen, müssen sie energieeffizientere Chips einsetzt oder ganz aufgeben. Der totale Energieverbrauch wird sich so zwangsläufig verringern.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Max Frisch, Freiburg
    Interessanter Artikel, Danke!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Bernd B., Basel
    Bitcoins sind schuld daran, dass wir nun soviele Erpressungstrojaner haben. Die anonymen Kriminellen fordern Zahlungen per Bitcoins und die Transaktionen können nicht zurückverfolgt werden. Mit Bitcoins werden auch andere kriminelle Geschäfte getätigt, Menschen- und Waffenhandel. Und eben, zum minen verbraucht man mehr Stromkosten als das man überhaupt einen Ertrag hat. Diese Erfindung bringt nur Nachteile.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Mia Bleicher, Burgdorf
      Da könnte man aber auch sagen Banken sind schuld das es Bankräuber gibt und Autos sind schuld, dass sie flüchten können. Technologie ist was Neutrales und kann für Gutes wie auch Böses benutzt werden. Bitcoin ist ein globales Zahlensystem, das wie das Internet dezentral aufgebaut ist und somit nicht, wie unser Bankensystem, für geopolitische Spielchen missbraucht werden kann und bietet viele weitere Vorteile. Neue Technologien hatten es aber schon immer schwer. http://youtu.be/pKs5JSh3z7A
      Ablehnen den Kommentar ablehnen