Wollen deutschsprachige Leser keine digitalen Comics?

Mittlerweile ist es selbstverständlich, via Netflix einen Film zu schauen, per Spotify Musik zu hören oder ein digitales Buch zu lesen. Bei den Comics sieht es jedoch anders aus: Die digitalen Comicplattformen sind erst im Kommen. Und wer Englisch spricht, ist im Vorteil.

Ein Kind liest digital Comics

Bildlegende: Digital Comics lesen - zum Beispiel «Y - The Last Man». Collage SRF Digital

Die grösste Schwierigkeit, Comics digital darzustellen, liegt in ihrer Natur: Mehr Bild als Text. Dazu eignen sich herkömmliche E-Reader mit ihren Schwarz-Weiss-Bildschirmen nicht. Auch der PC-Bildschirm ist nicht ideal – wer liest schon gerne Comics am Schreibtisch?

Tablet ist ideal

Smartphones und Tablets sind dazu die weit besseren Mittel. Und wie digitale Filme, Bücher und Songs haben auch Comics ihre eigenen Formate: Die Zauberworte lauten «PDF», «CBR» oder «CBZ» – die letzten beiden sind die gängigen Dateiformate, um eingescannte Comics digital abzuspeichern. Gelesen werden sie mit Apps wie «Comic Zeal» (iOS) oder «Perfect Viewer» (Android).

Doch je nach Gerät kann sich das Lese-Erlebnis stark unterscheiden. Auf den kleinen Smartphone-Bildschirmen lässt sich nicht eine ganze A4-Seite darstellen, ohne die Bilder stark zu verkleinern und den Text unleserlich zu machen. Gewisse Apps zeigen deshalb nur Panel um Panel an – also immer nur einen einzelnen Ausschnitt einer Comicseite. So kann man sich die Details einer Zeichnung in aller Ruhe ganz genau anschauen und muss beim Lesen nicht zur Lupe greifen.

Digital anders lesen

Doch Comiczeichnerinnen gestalten ihre Seiten oft als grosses Ganzes, bei dem das Zusammenspiel der einzelnen Panels wichtig ist. Sieht man immer nur einen Ausschnitt davon, geht dieser Effekt verloren. Viele Comics sollten deshalb auf einem Gerät gelesen werden, das gleich eine ganze A4-Seite anzeigen kann – ein grösseres Tablet zum Beispiel oder ein Laptop mit Touchscreen.

Zwei Seiten aus dem Comic «Meanwhile» von Jason Shiga.

Bildlegende: Im Comic «Meanwhile» von Jason Shiga können wir den Verlauf der Geschichte selbst bestimmen. Boing Boing

Andererseits hat das digitale Format auch den Anstoss gegeben, Comics neu zu denken und zu konzipieren. Etwa mit dem Genre der «Motion Comics»: Comics, bei denen wir als Leser automatisch von Panel zu Panel geführt werden. So wird aus einem Comic eine animierte Story, deren Verlauf wir bei Titeln wie «Meanwhile» von Jason Shiga (2010) sogar selbst beeinflussen können. Diese Machart hat aber bislang noch keine grosse Verbreitung gefunden.

Comixology oder nichts

Neben digitalen Comics, die wir als CBR- oder CBZ-File selbst einscannen oder (auch das soll es geben) als Torrent-File herunterladen, gibt es etablierte Vertriebskanäle – vergleichbar mit Netflix oder dem Kindle-Angebot von Amazon. Der unangefochtene Platzhirsch ist das US-Unternehmen Comixology, das seit 2007 existiert und im April 2014 von Amazon gekauft wurde. Ähnlich wie bei anderen Medien kauft man die digitalen Comics via App oder Homepage und liest sie dann in der Comixology-App auf dem Smartphone oder dem Tablet.

Vorteil: Die Comics sind in Sekundenschnelle heruntergeladen und die Auswahl ist riesig. Ältere Ausgaben einer Reihe können bequem nachgekauft werden, denn als digitale Kopien sind sie immer an Lager. Daneben locken Sonderaktionen, bei denen ältere Titel güstiger oder gleich gratis zu haben sind. Mit Comixology Unlimitet bietet die Plattform für rund 6 Dollar im Monat auch eine Art Flatrate à la Spotify an, dank der man aus Zehntausenden von Comics auswählen kann. Das Angebot ist bisher auf die USA beschränkt, soll aber auch nach Europa kommen.

Doch ein Dienst wie Comixology hat auch seine Schattenseiten: Die dort gekauften Comics sind an den persönlichen Account gebunden. Sie lassen sich also nicht einfach mit Freunden teilen, wie das mit einem physischen Band möglich wäre. Immerhin: Einige Verlage erlauben, dass Comixology ihre Titel ohne entsprechenden Schutz anbietet. So lassen sie sich auch ausserhalb der App abspeichern.

Kein Bedarf im deutschsprachigen Raum?

Ein weiterer Nachteil der Plattform: Das Angebot richtet sich primär an ein Englisch sprechendes Publikum und spiegelt in erster Linie den US-Comicmarkt wider. Zwar möchte Comixology auch in Europa Fuss fassen, doch das Angebot ist bisher noch dürftig. Ein europäisches Konkurrenz-Angebot konnte sich bisher nicht etablieren. Die Plattform Iznéo bedient vor allem den französischsprachigen Markt, im deutschsprachigen Raum scheint es derzeit nichts Vergleichbares zu geben.

Das Logo der Comic-Vertriebsplattform Comixology.

Bildlegende: Auf der Vertriebsplattform von Comixology findet man vor allem Titel von US-Verlagen wie z.B. Marvel, DC oder Image. Flickr/Pat Loika

Keiner der grossen Verlage wie Egmont-Ehapa oder Carlsen hat digitale Comics im Angebot. Der Carlsen-Verlag versuchte vor ein paar Jahren, rund ein Dutzend digitale Graphic Novels zu verkaufen. «Doch die Nachfrage war sehr gering», wie Ralf Keiser von Carlsen erklärt. Er fügt an: «Wir sehen keinen Bedarf nach digitalen Comics».

«Viele sammeln Comics und schätzen deswegen die physische Form», meint Keiser weiter. Auch hätten gedruckte Comics den Vorteil, sie mit anderen tauschen zu können: Ein Vorteil für die jüngeren Leserinnen und Leser, die so gemeinsam eine gesamte Serie kaufen würden.

Verschlafen die grossen Verlage also die Digitalisierung der Comics? «Nein, die Printformate halten sich», ist Ralf Keiser überzeugt. Vor ein paar Jahren sei die Angst noch gross gewesen, den Anschluss an die digitalen Formate zu verpassen. Doch der Druck habe mittlerweile abgenommen.