Zahlen mit dem Handy: Twint ist das Leuchtturmprojekt

Twint ist eine App zum Bezahlen mit dem Handy. Das ist nichts Neues; Mobino bietet den gleichen Service. Nur fehlt dem kleinen Startup ein Vorteil: Twint wird von Postfinance mit viel Manpower und Geld vermarktet. Doch wenn Twint erfolgreich ist, könnte die App auch Mobino mitreissen.

Dank Postfinance-Power könnte Twint sich im Markt des mobilen Bezahlens durchsetzen - und Mobino mitziehen.

Bildlegende: Dank Postfinance-Power könnte Twint sich im Markt des mobilen Bezahlens durchsetzen - und Mobino mitziehen. Reto Widmer / Internet (Montage)

Heute hat Postfinance Details bekanntgegeben, wann wir mit Twint bezahlen werden können. Bald starten zwei Pilotprojekte in Coop-Läden in Basel und Bern. Und ab Herbst sollen wir an allen Coop-Kassen mit Twint bezahlen können, das sind rund 6000 Kassen. Ein cleverer Schachzug – Twint könnte so das erste mobile Zahlungssystem werden, das nicht flopt.

Die Geschichte beginnt aber nicht mit dieser Nachricht, sondern früher, mit Jean-François Groff, dem umtriebigen Chef von Mobino. Seit Monaten reist er durch die Schweiz, um jedem Restaurant-Besitzer, Coiffeursalon-Betreiber, Metzger, Bäcker oder sonstigem Geschäftemacher darzulegen, dass Bargeld in der heutigen Zeit nichts mehr verloren hat und viel zu viel kostet. Laut einer Studie der Universität St. Gallen sind es rund 2,5 Milliarden Franken pro Jahr. Der Umgang mit Bargeld verursacht viel Aufwand: Sicherheitsfirmen müssen bezahlt, Geldautomaten aufgefüllt werden und vieles mehr. Und weil Bargeld oft auch Schwarzgeld ist, entgehen dem Staat dadurch viele Steuereinahmen.

Die Geldbörse im Smartphone

Mobino will wie Bargeld sein, es ist eine App, mit der wir Geld von Handy zu Handy schicken oder in Geschäften bezahlen können, ohne Münzen oder Scheine in die Hand zu nehmen. «Meine Tochter kann es nicht verstehen, wieso sie alles mit ihrem Smartphone machen kann – ausser Bezahlen», erzählte mir Groff bei einem Treffen in Solothurn für eine Hintergrundsendung über Bargeld.

Die Verwunderung der jungen Generation ist verständlich. Es ist eine Generation, die mit dem Smartphone aufgewachsen ist und alles mit ihm erledigen möchte, eben auch bezahlen. Bei grösseren Beträgen tun wir das fast alle schon heute, zücken die Kredit-oder Debitkarte. Dann verdient an der bargeldlosen Bezahlung eine der beiden Firmen: die Kartenherausgeber Mastercard und Visa.

Vor allem bei sehr kleinen Beträgen sind die in Relation dazu hohen Gebühren des Duopols der Kartenherausgeber sehr hoch. Viele weigern sich deshalb, Kunden kleine Beträge mit der Karte zahlen zu lassen – und wir Kunden stören uns daran kaum, weil es den meisten von uns peinlich ist, bei Kleinstbeträgen einen Pincode ins Lesegerät zu tippen. Bargeld ist einfach schneller.

Swisscoms Tapit ist ein Flop

Immerhin hat sich das Thema Geschwindigkeit verbessert: Seit einigen Monaten gibt es Kreditkarten, die man nur kurz ans Lesegerät halten muss, um zu zahlen. Sie funktionieren kontaktlos und ohne Pin-Code. Und mit Tapit gibt es sogar eine Variante, die die Karte ganz überflüssig macht: Man hält einfach das Handy ans Lesegerät.

Doch Tapit ist vom Markt nicht akzeptiert worden und hinter dem System stecken eben immer noch die klassischen Kartenherausgeber, die Ladenbesitzer mit hohen Gebühren abschrecken.

Kreditkarten braucht's nicht

Mobino von Jean-François Groff benötigt keine Kredit-oder Debitkarten im Hintergrund: Das Bezahlsystem ist «prepaid». Das bedeutet: Wir überweisen einfach einen bestimmten Betrag auf die App und können damit dann Einkäufe bezahlen. Das funktioniert von Mobino-App zu Mobino App oder an Verkaufsstellen, den sogenannten Point-of-Sales (POS) über ein so genanntes Beacon (siehe Kasten).

Die App hat in den letzten Monaten den Beweis erbracht, dass die Technologie funktioniert; nun müssten möglichst viele Verkaufsstellen mitmachen. Ein Knochenjob, den bei Mobino eine Handvoll Mitarbeiter und der Chef selbst erledigen müssen. Das wird schwierig.

Einfacher hat es Thierry Kneissler. Auch er ist Chef – Chef von Twint, dem Smartphone-Bezahlungssystem von Postfinance. «Ich habe rund 30 Mitarbeiter, die zu den Verkaufsstellen gehen – und unser Budget ist gesichert», sagt er.

Thierry Kneissler und Jean-François Grofff: Auch wenn ihre Potenz bezüglich Firmengrösse kaum weiter auseinander liegen könnte, haben sie technologisch bei ihrem Produkt dieselbe Ausgangslage. Das mächtige Twint setzt dabei sogar auf das kleine Mobino: Twint ist Mobino, denn vor ein paar Monaten hat das Unternehmen Mobino als Basistechnologie für ihre eigene App gekauft.

Mobino will weiter expandieren

Jean-François Groff macht aber dennoch weiter mit Mobino und reist weiter durch die Schweiz, um möglichst vielen Geschäften Mobino schmackhaft zu machen. Ein guter Plan! Denn auch wenn Twint nach Aussage von Thierry Kneissler in der Schweiz derzeit keine wirkliche Konkurrenz fürchtet, ist der Respekt vor zwei anderen Anbietern um so grösser: Apple und Google, die mit eigenen Handy-Bezahlformen erfolgreich sind – vorerst nur in den USA. Doch der Markteintritt in der Schweiz scheint nur eine Frage der Zeit zu sein.

Apple und Google: Ohne Hilfe wird's schwer

Die Herausforderung dabei: Wie sollen globaler Konzerne wie Google oder Apple mit Coiffeurmeister Schubiger in Belp oder dem Metzgergeschäft Cajochen in Chur eine gemeinsame Sprache finden – noch dazu in einem Land, das traditionell nur schwer vom Bargeld wegzubringen ist?

Am einfachsten wäre es wohl, in dem Apple oder Google sich das Schweizer Produkt Mobino kaufen, das bis dann sicher einige hundert Geschäfte unter Vertrag haben wird. Für Jean-François Groff nicht wirklich eine gute Option, weil bei Apple Pay und Google Wallet wieder Kreditkarten im Hintergrund zum Abrechnen im Einsatz sind – anders als bei Mobino oder Twint.

Vielleicht greift bis dann Twint selber zu und kauft nicht nur die Technologie, sondern auch Mobinos Kundenstamm um Apple oder Google zuvorzukommen. So oder so: Der Mobino-Macher freut sich über den Einstieg von Twint in den Markt, das «wird Schwung in die Sache bringen, die Kunden werden die Apps mehr wahrnehmen und vergleichen können» - und vielleicht wird 2015 so zum Jahr der mobilen Bezahlungssysteme, wie es verschiedene Beobachter seit längerem prophezeien.

Beacon: Schneller als Bargeld

Ein Beacon (engl. «Leuchtfeuer») ist ein Bluetooth-Sender, der via Zahlungsanbieter mit der Kasse eines Geschäfts verbunden ist und permanent «ruft»: «Hier bin ich! Ich habe einen offenen Betrag von 1.50». Hat ein Smartphone in der Nähe diesen Betrag offen, also der Kunde, kann das Gerät den geschuldeten Betrag bezahlen, quasi im Vorbeigehen.

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