Madonna, wo ist deine Vision?

Sie ist auf der Höhe der Zeit, zitiert sich selbst und überrascht mit sehr persönlichen Songs. Madonna ist zurück mit ihrem neuen Album «Rebel Heart». Leider sind die Höhepunkte viel zu selten, um daraus ein gutes Album zu machen.

Das neue Madonna-Album «Rebel Heart»

Bildlegende: Überzeugt nicht Das neue Madonna-Album «Rebel Heart» rollingstone.com

Deutet die erste Single «Living For Love» eine Rückkehr zum 80er-Jahre inspirierten Pop an, geht der grosse Rest der 19 Tracks in die genau andere Richtung. «Rebel Heart» soll jeden möglichen Aspekt moderner Popmusik abdecken, was meistens gelingt, aber selten wirklich gut.

Ironischerweise ist Madonna auf «Rebel Heart» immer dann am besten, wenn sie sich selber zitiert (zum Beispiel vom Erfolgsalbum Ray Of Light von 1998) oder gar echte Persönlichkeit durchblitzen lässt. Was nur selten passiert.

Mit den Produzenten Avicii, Diplo und Kanye West hat Madonna drei Co-Piloten im Boot, die ihr Handwerk verstehen. Leider werten diese Madonnas Album nur selten auf. Diplo kopiert sich selbst, Kanye West bleibt blass. Einzig Avicii entlockt einigen Kompositionen spannende Aspekte.

Wo ist deine Vision, Madonna?

«Rebel Heart» ist kein schlechtes Album. Es ist besser als die letzten drei Vorgänger, auf der Höhe der Zeit und handwerklich auf Top-Niveau. Leider fehlt Madonna aber eine wichtige Zutat: eine klare Vision.

Songs wie Messiah, Wash All Over Me und Devil Prey (welches zugegeben stark Geschmackssache ist) zeigen, dass Madonna eigentlich weiss, wie man gute Songs schreibt. Nur hat «Rebel Heart» davon schlicht zu wenige. Madonna hat sich so oft schon selbst erfunden, dass sie selber nicht mehr weiss, welche Persona dieses Album tragen soll. So ist sie alles - und doch nicht greifbar.

Der Pop-Entwurf für alternde Stars fehlt

«Rebel Heart» zeigt: die Kluft zwischen der stilbildenden musikalischen Vorreiterin von damals und der reifen Frau von heute wird immer grösser. Madonna versucht dies mit ihrer Musik zu kompensieren, landet dabei zu viele Peinlichkeiten. Von einem 16-jährigen Nachwuchs-Star gesungen gingen die meisten der 19 Songs auf «Rebel Heart» in Ordnung - aber aus dem Mund eines Popschwergewichts wie Madonna, welche mit Songs wie Like Prayer oder Papa Don't Preach die Popwelt nachhaltig geprägt hat, sind diese oft nur peinlich und enttäuschend.

Madonna hat es mit «Rebel Heart» verpasst, in Würde zu altern. Natürlich, die Lebens-Entwürfe für alternde Popstars sind erbarmungsloser als jene für sagen wir, alternde Rocker oder Jazzmusiker. Pop ist jung, ist frech, ist wild und schnell. Für Madonna treffen diese Attribute leider nicht (mehr) zu.