Das Musikvideo muss sterben

Längst gelten Musikvideos als unverzichtbare Trägermedien von Songs. Als Must-Have für Bands. Als einziger Weg für Musikerinnen und Musiker, überhaupt noch ein Publikum ausserhalb von Konzertlokalen zu erreichen. Gerade deshalb ist es an der Zeit, das Format Musik-Clip zu überdenken.

Der neue Clip von Ariana Grande und Nicki Minaj: Ein supererfolgreiches Musikvideo für den A...., findet Gregi Sigrist.

In den 80er-Jahren hatten Musikvideoclips ihre ganz grosse Zeit. Die Budgets waren gross bis astronomisch. Aus dem Promotionswerkzeug entstand eine eigenständige Kunstform. Die visuelle Zusatzkomponente beeinflusste die Popwelt und den Umgang mit Musik nachhaltig. Veröffentlichen Bands heutzutage ihre Songs, gehören Clips so selbstverständlich dazu wie die Briefmarke auf die Postkarte. Ohne kommt das Produkt nirgends an, befürchten Musikschaffende zurecht.

«Hast du diesen Song gesehen?»

So bescheuert diese Frage sein mag. Sie illustriert haarscharf, was ich seit einiger Zeit beobachte: Der Clip eines Songs hat immer häufiger eine grössere Strahlkraft als der Song an und für sich. Das System Ansehen-Statt-Anhören intensivierte sich in den letzten Jahren, und tolle Songs verschwinden nicht selten hinter ihrer Visualisierung.

Können Videoclips tatsächlich Songs vernichten?

Klar. Und dazu braucht es nicht zwingend ein aufwändiges oder gar originelles Musikvideo. Auch ein schlechter Clip kann einen Song zerstören. Nur wer es schafft, einen Clip zu drehen, der den Song trägt, ohne mit ihm in Konkurrenz zu treten – dem Song dabei aber trotzdem gerecht wird – hat die Disziplin verstanden. Ein grosser Meister darin ist sicher Michel Gondry, der mit Clips für Björk, The White Stripes, Beck u.v.a. neue Massstäbe setzte. Dabei entstand nie eine Rivalität zwischen Clip und Song.

Das Musikvideo ist tot. Es lebe das Musikvideo?

Natürlich ist es für Musikschaffende nahezu undenkbar, auf Kanäle wie Youtube zu verzichten. Bei den meisten Musikclips, die auf solchen Plattformen landen, hätte man aber auf die Produktion verzichten können. Entweder sind sie, völlig abgesehen vom Budget, so abgedroschen, dass sie den Song abwerten – oder aber dermassen aufgeblasen, dass sie den Song nahezu ausblenden.

Das Format braucht eine Rast. Solange in erster Linie der Markt und nicht der Künstler selbst nach einem Clip schreit, hat der Musikclip als Kunstform ausgedient.

Autor: Gregi Sigrist

Autor: Gregi Sigrist

Gregi Sigrist ist Musikjournalist der Fachredaktion Musik Pop/Rock von Schweizer Radio und Fernsehen. Im Musik-Blog schaut er auf, unter und hinter aktuelle Musikthemen und ihre Nebengeräusche.