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Musik-Blog Smartphone: Freund und Feind der Musik

Die Einführung des Smartphones zauberte uns eine grenzenlose Musiksammlung in die Hosentasche. Diese Technologie hat uns aber nicht nur beschenkt, sondern auch beraubt. Das Phänomen, dass Einschränkungen auch gewinnbringend sein können, ist seit zehn Jahren tot.

Das Smartphone ermöglichte die grenzenlose Musiksammlung im Taschenformat
Legende: Das Smartphone ermöglichte die grenzenlose Musiksammlung im Taschenformat. SRF

Wer immer und überall alles haben kann, läuft Gefahr, den Appetit zu verlieren. Das wissen nicht nur die Frauenhelden, die wenig zum Thema Beziehung beitragen können. Das weiss auch der moderne Musikkonsument, der keinen Aufwand betreiben muss, um an Musik heranzukommen.

«Musikstreaming ekelt mich an» schrieb ich noch vor eineinhalb Jahren im SRF 3 Musikblog. Heute bin ich an einem anderen Punkt. Unterdessen nutze auch ich regelmässig Musikstreaming-Dienste.

Magische Momente

Richtig glücklich über die zeitgemässe Form der Musikkonsumation bin ich aber nicht. Zu einem Album einen Zugang zu finden, der persönlich und biografisch einschneidend ist, erscheint mir heute praktisch unmöglich.

Ich erinnere mich, wie ich Musik auf Vinyl kaufte, bevor ich einen eigenen Plattenspieler besass. Die Momente, in welchen ich meine Alben auf der elterlichen Anlage abspielen konnte, waren daher begrenzt und magisch. Ebenso der Besuch im Plattenladen, bei welchem ich mich entscheiden musste, für welches Prince-Album ich meine 20 Franken auf den Tisch lege. Nicht alles haben zu können, hat etwas unendlich Schönes.

In der Zeit, in welcher ich musikalisch sozialisiert wurde, war der Weg zur Musik zu wichtig, als dass ich heute einfach darauf verzichten könnte. Es ist, als würde man Santiago de Compostela einem Pilger direkt ins Wohnzimmer stellen.

War früher alles besser?

Natürlich nicht. Das Smartphone ermöglicht durchaus attraktive Zugänge und Zugriffe auf Musik. Im Zug sitzend über Musik lesen und sofort auf das beschriebene Audiomaterial zugreifen zu können, ist sehr reizvoll. Musiksendungen zeitversetzt als Podcasts oder Stream anhören ist mehr als nett. In Bern am Bahnhof stehen und mir eine neue Band anhören, die mein argentinisches Lieblingslabel «ZZK Records» gerade unter Vertrag genommen hat, ist unbezahlbar. Das alles ist inzwischen selbstverständlich und nicht mehr wegzudenken aus unserem Umgang mit Musik.

Kein Song ohne Clip

Ob das Musikvideo als Format ohne die Einführung des Smartphones überlebt hätte, sei dahingestellt. Unbestritten ist jedoch, dass Songs ohne Clips geringere Chancen haben, gross und stark zu werden. Der visuelle Aspekt und Fokus unserer Art, Musik zu konsumieren, ist durch das Smartphone deutlich gestiegen. Was nicht heisst, dass die Qualität dieses unverzichtbaren Trägermediums von Songs dadurch zugenommen hat. Ganz im Gegenteil. Einem Grossteil der Musikclips, die heute ins Netz gestellt werden, fehlt jeglicher künstlerische Anspruch.

Der Diskussions- und Erinnerungsfähigkeits-Killer

Die ganze Musikwelt stets griffbereit in der Hosentasche zu haben, bedeutet auch einen Verzicht. So ersticken zum Beispiel Songerkennungs-Apps wie Shazam oder Soundhound diverse Diskussionen im Keim. Fragen wie «Was ist das für ein Song?» oder «Von wem ist eigentlich die Originalversion von Besame Mucho?» existieren nicht mehr.

Das ist toll und schade aus ein und demselben Grund: Das Smartphone macht mir immer und überall Türen auf und füttert mich mit Informationen, deren Beschaffung zuvor stets mit einem gewissen Aufwand verbunden war. Gleichzeitig verhindert diese Möglichkeit oft Musikdiskussionen, die sich in ungeahnte Richtungen entwickeln können.

Ausserdem sind schnell beschaffte Infos – in meinem Fall – ebenso schnell wieder vergessen. Mein Hirn hat gelernt, dass man weniger speichern muss, weil auf dem Smartphone alles jederzeit wieder abrufbar ist. Früher hatte ich Angst zu verdummen. Heute akzeptiere ich längst, dass ich mich auf dem Weg dahin befinde.

Was hat sich für die Musikerinnen und Musiker verändert?

«Rockt’s noch?» fragte die SRF 3-Hintergrund-Sendung Input vor zweieinhalb Jahren und sprach mit Musikschaffenden über die Auswirkungen der Gratiskultur, welche natürlich auch durch das Smartphone getragen wird.

Abgesehen von vermarktungstechnischen Hindernissen und Chancen bedeutet das Smartphone für viele Musikschaffende ein willkommenes Arbeitsinstrument. Diktaphon, Notizblock und Mini-Studio kompakt in einem Gerät. Immer und überall dabei. So geht kaum mehr eine Idee verloren.

Das ist toll, hat aber auch seine Tücken. Es ist durchaus denkbar, dass Ideen zu schnell festgehalten und in eine zu konkrete Form gepresst werden. Ideen, die sich ohne diese Möglichkeiten vielleicht ganz anders entwickelt hätten.

Autor: Gregi Sigrist

Autor: Gregi Sigrist

Gregi Sigrist ist Musikjournalist der Fachredaktion Musik Pop/Rock von Schweizer Radio und Fernsehen. Im Musik-Blog schaut er auf, unter und hinter aktuelle Musikthemen und ihre Nebengeräusche.

4 Kommentare

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  • Kommentar von Adrian Müller (Adi Müller)
    Wir verlieren durch Preiszerfall und ständige Verfügbarkeit nicht nur unser Werteverständnis, sondern auch die Fähigkeit, mit Freude auf etwas warten zu können. Wer in seinem Leben Eigenes kreiert, kennt Leidenschaft. Genau diese Leidenschaft, welche wir tagtäglich mit neuen Errungenschaften weg zu optimieren versuchen.
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  • Kommentar von tom schneeberger (tomm)
    Ha, "die Jungen kennen nichts anderes", habt ihr gesagt. Ja, leider. Wir haben noch für gute Stereoanlagen gespart oder uns fette Boxen vom Sperrmüll geholt. Heute tönt der gequälte Sound aus diesen DummFonen schlimmer als früher aus dem UKW-Radio im Pfadilager. Aber ihr Radiomacher gehört ja ins gleiche Kapitel: Ihr propagiert DAB, wollt aber in Wunschkonzerten keine Youtube-Quellen spielen, wenn ihr was nicht findet, obwohl dort die Qualität in kbps oft besser ist als bei DAB!
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  • Kommentar von Andreas Remark (andrema)
    Vielen Dank für Ihren Beitrag. Bin damit grundsätzlich einverstanden. Aber!...wenn ich Radio auf SRF1 und SRF3 höre, wo die DJ´s bzw. ModeratorInnen jeden noch so tollen Song mit ihrer kaum zu ertragenden Quasselsucht kaputtmachen, indem sie permant in die ersten und letzten Takte reinquatschen - dann doch lieber Download oder Streaming. Das SRF-Radioprogramm (Pop&Rock) ist inzwischen jedenfalls derart zum akustischen Fastfood-Runterschlingen á la McDonald verkommen, dass es mir nur noch graust.
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    1. Antwort von Gregi Sigrist
      Lieber Andreas Remark. Danke für den Kommentar. Es mag hin und wieder etwas brutal sein, wenn der Moderator über ein Intro spricht, das man unendlich gut kennt und liebt. Aber: Etwas Gestaltungsraum braucht ein Moderator schon, um ein bisschen "Drive" in seine Sendung zu kriegen. Ein Radio bei welchem man JEDEN Song IMMER ganz und in wirklich voller Länge ausspielen würde - ohne auch nur ein bisschen darüber sprechen zu dürfen - wäre schrecklich anzuhören. Probieren Sie's aus. Zum Fastfood-Laden-Vergleich: Ist es WIRKLICH sooo schlimm? Ich frage das ganz ernsthaft. Wenn ja: Wann genau fühlen Sie sich bei uns im musikalischen Fastfood-Laden? Liebe Grüsse. Gregi Sigrist
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