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Musik-Blog Terror vs. Musik

Als Musikjournalist legt man bei Nachrichten von Terroranschlägen seine Arbeit für einen Moment nieder. Nichtig scheinen Konzerte, neue Alben oder Songs, die gerade noch das Potenzial hatten, die Welt zu verändern. Dann ist es aber doch wieder die Musik, die einem eine breite Schulter bietet.

Baby-Body mit der Aufschrift "Mas fuerte que la pistola!"
Legende: Die Gitarre ist stärker als die Pistole: Babybody der Tochter unseres Autors Gregi Sigrist. SRF 3

Musik ist etwas vom Wichtigsten in meinem Leben. Und obwohl ich ihre Bedeutsamkeit nie anzweifeln würde, verstummt für mich jegliche Musik im herkömmlichen Sinne, wenn ich mit Ereignissen wie jüngst den Terroranschlägen von Beirut oder Paris konfrontiert werde.

Eher suche ich Stille, Gespräche, Geräusche der Natur oder einer Stadt, um zu verdauen, was passiert ist. Um Geschehnisse zu verarbeiten, bei welchen ich nicht verstehe - und nicht und nie verstehen will und werde - dass sie immer und immer wieder passieren müssen.

Paris s’éveille

Nach der Phase gewisser Ohnmacht ist es dann aber doch die Musik, die mir gibt, was ich brauche. An diesem Wochenende ganz speziell der Jacques-Dutronc-Song «Il est cinq heures, Paris s’éveille» in der Version der Belgierin An Pierlé.

Weil dieser Song eine Tür öffnet zum anderen Paris: Zu einem lebendigen, leicht verruchten und doch so lieblichen Paris. Zu dem Paris, das der Franzose ebenso liebt wie der Tourist. Ein Song, der eine kurze Flucht, eine Verschnaufpause ermöglicht vor der aktuellen Berichterstattung, welche knapp vier Minuten später zu Recht wieder im Fokus steht.

Mas fuerte que la pistola

Und noch etwas geriet mir in die Finger an diesem Wochenende. Das Baby-Body, das meine Tochter von Patent-Ochsner-Gitarrist Disu Gmünder zur Geburt gekriegt hat (siehe Bild oben).

Die Gitarre, die stärker ist als die Pistole. Mehr als ein Slogan: Ich denke an den chilenischen Protest-Sänger Victor Jara, der wortwörtlich in singendem Zustand ermordet wurde. Seine Lieder aber könnten alle Waffen dieser Welt nicht ins Jenseits befördern. Und ich weiss wieder: NIE, NIE, NIE wird es möglich sein, dass jemand mit Gewalt eine Melodie oder einen Song auslöscht.

Irgendwo wird es immer jemanden geben, der oder die ein tröstendes Lied singt. Jemanden, der eine Melodie pfeift oder summt und beweist, dass Musik stärker ist als jede Waffe, die dafür gefertigt wurde, Menschen zu unterdrücken und Angst und Schrecken zu verbreiten.

Autor: Gregi Sigrist

Autor: Gregi Sigrist

Gregi Sigrist ist Musikjournalist der Fachredaktion Musik Pop/Rock von Schweizer Radio und Fernsehen. Im Musik-Blog schaut er auf, unter und hinter aktuelle Musikthemen und ihre Nebengeräusche.

2 Kommentare

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  • Kommentar von Ursula Schüpbach, Biel/Bienne
    Musiker kämpfen gegen Zensur in Mali, eine schon etwas "ältere" Meldung aus Mali: http://www.dw.com/de/musiker-in-mali-k%C3%A4mpfen-gegen-die-zensur/a-16544819 Der Hass auf liebenswürdige Musik scheint bei etlichen gewaltbereiten Islamisten sehr ausgeprägt zu sein.
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  • Kommentar von Ursula Schüpbach, Biel/Bienne
    Tipp: "Groove In G, Playing For Change". Auf dem Youtube-Kanal von "Playing For Change". Dieses Musikvideo drückt das genau auch aus: "Irgendwo wird es immer jemanden geben, der oder die ein tröstendes Lied singt. Jemanden, der eine Melodie pfeift oder summt und beweist, dass Musik stärker ist als jede Waffe, die dafür gefertigt wurde, Menschen zu unterdrücken und Angst und Schrecken zu verbreiten."
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