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Musik-Blog Wie mich Dr. Dre zu schwarzer Musik bekehrte

Lukie Wyniger war Anfang der 90er-Jahre ein Rocker. Doch dann kam der Rap-Produzent aus Los Angeles. Wegen ihm verschenkte unser Musikredaktor seine knallrote Metal-Gitarre. Endlich wusste er, in welches Lager er gehört.

Dr. Dre
Legende: Dr. Dre war prägend für eine ganze Generation von Musikfans. PD

1987 veröffentlichten Guns N' Roses ihr Album «Appetite For Destruction». Die Band aus Los Angeles lieferte damit eine der wichtigsten Rockplatten überhaupt ab. Nur ein Jahr später kamen aus dem Süden der Stadt N.W.A mit «Straight Outta Compton» - einer Rapplatte, welche für die Flygirls und Homeboys meiner Generation mindestens genauso wichtig war und es jetzt, heute, am Tag der Veröffentlichung von Dr. Dres «Compton» - wieder wird.

Wie Guns N' Roses verstanden es die Rapper von N.W.A um Ice Cube, Eazy-E und Dr. Dre, eine völlig neue Energie auf eine Platte zu packen. Es war mehr als Musik, es ging um eine Lebenseinstellung, um die Identität einer Generation.

Die Ära der breiten Hosen

Lange konnte ich mich nicht so recht zwischen den beiden Welten entscheiden. Während mein grosser Bruder von den Kaliforniern Guns N' Roses und Faith No More zu Nirvana und Pearl Jam nach Seattle wechselte, begann ein Nachbar plötzlich, Vinyl von Tim Dog und eben N.W.A auf Vinyl zu kaufen, zusammen mit breiten Hosen und einer ersten Starter-Jacke aus Los Angeles.

Lukie Wyniger im Jahr 1993
Legende: Lukie Wyniger im Jahr 1993: Mit Dreadlocks wie Zack de la Rocha, dem Sänger von Rage Against The Machine. ZVG

Ich war dann froh um Rage Against The Machine. Die Band um Rapper Zack De La Rocha verband Stromgitarre und Rap und ich konnte sowohl beim Nachbarn wie auch bei meinem älteren Bruder damit punkten. Auch Ice Ts Hardcoreprojekt «Body Count» brachte mir in beiden Lagern Punkte ein. Und auf Bob Marleys Beruhigungszigis konnten wir uns so oder so alle einigen.

Rocker oder Rapper: Ich musste mich entscheiden

Aber ich spürte, dass ich mich für eines der beiden Lager entscheiden musste: Rocker oder Rapper, Los Angeles oder Seattle. Das Problem: Mein fehlerfreies «Sweet Child O' Mine»-Intro auf der Metal-Gitarre brachte mir im Raplager wenig Kredit ein und meine ersten Baggy-Pants passten nicht zur Jeansjacke mit dem Iron-Maiden Aufnäher.

Es war Dr. Dre, der Chef von N.W.A, der mir bei der Entscheidungsfindung half, als er 1994 das erste Snoop-Dogg-Album «Doggystyle» produzierte. Irgendetwas packte mich am Gangsterrap aus dem Vorort von Los Angeles. Eine Rolle spielte auch, dass mich Guns N' Roses mit ihrem Album «Spaghetti Incident?» enttäuscht hatten und mit ihrem Konzert im Basler St. Jakob-Stadion mein persönliches Rockhighlight bereits vorüber war.

Lukie Wyniger (rechts)
Legende: 1998: Lukie Wyniger (rechts) war nun definitiv ein Homeboy. ZVG

Die knallrote Gitarre verschenkt

Obwohl meine damaligen Bandkollegen meine Entscheidung für schwarze Musik nur schwer nachvollziehen konnten, verschenkte ich meine knallrote E-Gitarre dem besseren Gitarristen im Dorf. Ich wünschte mir fortan einen Lowrider mit Hydraulik, der das Auto springen lassen kann.

Ich versuchte nächtelang, Reime auf Beats zu bringen, die mich hätten berühmt machen könnten. Mein ganzes Taschengeld, welches ich im Bahnhof-Buffet Basel erarbeitet hatte, investierte ich in Vinyl im Direktimport aus Amerika und Jamaika.

Zeitsprung

20 Jahre später ist mit «Compton» jetzt das dritte (und wohl letzte) Album von Dr. Dre erschienen und ich sitze im Zug, gekleidet wie ein Mexikaner im Los Angeles der 90er, mit Chinos, Karohemd und Chucks. Ich erinnere mich daran, wie ich mir in San Diego zu Beats von Dr. Dre und Bone Thugs-N-Harmony mein erstes Tattoo habe auf den Oberarm stechen lassen.

Seither weiss ich ganz bestimmt, in welches Lager ich gehöre. Ich bereue es am heutigen Tag am allerwenigsten. Dr. Dres Album «Compton» haut rein wie damals - obwohl es wohl keine Generation mehr prägen wird, auch weil Musikgeneres zum Glück keine so grosse Rolle mehr spielen.

Autor: Lukie Wyniger

Autor: Lukie Wyniger

Lukie Wyniger ist Musikjournalist der Fachredaktion Musik Pop/Rock von Schweizer Radio und Fernsehen. Jeweils am Dienstag von 20 bis 22 Uhr moderiert er den Reggae Special auf SRF 3.

5 Kommentare

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  • Kommentar von Björn Christen, Bern
    Lieber Lukie, ich frage mich ernsthaft, wie man als Musikfan auf die Idee kommt, dass man sich für ein Lager entscheiden muss, als ob Musik etwas wie eine politische Ideologie wäre, wo man sich für die eine oder andere Partei entscheidet. Man kann doch problemlos Metal, Grunge, Crossover und Rap gut finden, egal ob man Dreads hat und ein Maiden T-Shirt trägt. Ich höre querbet alles - Metal, Fusion, Blues, Funk, World Music, 70er Pop - und es ist mir absolut schnuppe, was andere davon halten.
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    1. Antwort von Lukie Wyniger, Muttenz
      Lieber Björn, recht hast Du. Nur darum kann ich ja auch zum Beispiel den Reggae-Special moderieren und auch ich höre heute gerne Biffy Clyro zwischendurch. Aber vor 20 Jahren waren Subkulturen und die damit verbundenen Musikgeneres noch wichtiger als Heute, was natürlich auch damit zu tun hatte, dass ich damals als 15-jähriger noch auf der Suche nach meiner eigenen Identität war, heute hab ich sie hoffentlich gefunden - ganz unabhängig von Musikgeneres...:-).
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    2. Antwort von Mike Herger, Zürich
      Lieber Björn Man muss das etwas in Relation setzten, nicht? Mit dem Alter wird man gelassener und offener, da wird Musik nicht mehr zwingend als Gruppenidentifikation verwendet. Aber ich kann Lukie sehr gut verstehen! Je nach Freundeskreis oder Gruppe früher musste man sich zwangsläufig entscheiden… bei uns war z.B. alles elektronische komplett verpönt und man wurde dumm angemacht… Natürlich, heute höre ich auch alles Querbeet, aber das war als Jugendlicher nicht immer so…
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    3. Antwort von Björn Christen, Bern
      Natürlich ist man als Teenager meist weniger open-minded was Musik angeht und der Druck zu einer Gruppe zu gehören, die nur XY gut findet, ist auch da. Allerdings finde ich es trotzdem etwas strange, dass man das eine aufgibt und etwas ganz anderes hört und auch den Kleidungsstil und evtl. die Frise radikal ändert. Aber da sind wir wohl anders. Mein musikalisches Fundament ist immer noch dasselbe: Was ich damals gut fand, finde ich auch heute noch gut, nur ist seither einiges mehr dazugekommen.
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    4. Antwort von Lukie Wyniger, Muttenz
      Lieber Björn, Da hast Du mich falsch verstanden; ich habe gar nichts aufgegeben - finde Guns n' Roses auch heute noch grossartig. Und mein letzter Satz im obigen Bericht deckt sich eigentlich mit Deiner Aussage zu hundert Prozent. Und eine Glatze trage ich vor allem, weil nicht mehr ganz so viel nach wächst wie vor 20 Jahren :-). Cheers & happy Weekend. L.
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