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Musik Wie der Pop-Drop die heutige Pop-Musik prägt

Das Billboard Magazin erklärte den Pop-Drop zum Sound des Jahres 2016. Dabei ist dieses musikalische Stilmittel gar auf ein ganzes Jahrzehnt anwendbar. Und Schuld daran? Streaming-Dienste wie Spotify und Co. Denn diese verändern, wie Popmusik heute geschrieben wird.

Einst ein Stilmittel der Wave-Szene, ist der «Pop-Drop» heute fester Bestandteil der kontemporären Popmusik.
Legende: Einst ein Stilmittel der Wave-Szene, ist der «Pop-Drop» heute fester Bestandteil der kontemporären Popmusik. Getty Images

Paul McCartney sagte einst: «Wenn dein Refrain grösser als die Welt ist, ist es egal, was im Verse passiert.»

Und damit hatte er Recht. Seit den 60er Jahren wurde der klassische Popsong durch einen Faktor definiert: Der Mitsing-Refrain. Es ist jener Teil eines Popsongs, welcher sich am schnellsten und nachhaltigsten ins Gedächntis frisst und hängen bleibt.

Die Popsong-Strukturen auf den Kopf gestellt

Zugegeben, auf den Kopf gestellt mag etwas reisserisch klingen. Aber, wenn man in zwanzig Jahren auf die 2010er-Jahre zurück blickt, dann wird es genau jenes Stilmittel sein, welches die Popmusik dieses Jahrzents geprägt hat. Fragt sich nur: Was ist der Pop-Drop genau? Werfen wir zuerst einen Blick auf diese Grafik:

Eine winzige Verschiebung in der Songstruktur - aber mit grossem Einfluss auf die kontemporäre Popmusik.
Legende: Eine winzige Verschiebung in der Songstruktur - aber mit grossem Einfluss auf die kontemporäre Popmusik. SRF

Die klassische Popsong-Struktur beginnt mit Intro, geht von Verse über zur Bridge und gipfelt im Refrain. Der Refrain ist der Höhepunkt eines richtigen Popsongs, die Klimax, der mitsingbarste Teil eines Songs. Neu wird die Bridge (der Aufgang hin zum Refrain) aber durch den Refrain ersetzt. Folglich ist der Song bereits hier mitsingbar - und steigert sich dann in den neuen Höhepunkt, einen Pseudo-Refrain - den Pop-Drop. Aber wer ist denn eigentlich Verantwortlich für diese neue Struktur?

Streaming-Welt als Grundstein für neue Songstrukturen

Ein Song zählt bei Spotify erst ab 30 Sekunden Spieldauer als "abgerufen», was essentiell ist für die Erhebung der Charts - und auch für die Art und Weise, wie Songschreiber ihre Stücke schreiben.
Legende: Ein Song zählt bei Spotify erst ab 30 Sek. Spieldauer als «abgerufen», was essentiell ist für die Erhebung der Charts. SRF

Gemäss Billboard , Link öffnet in einem neuen Fensterwurde der Pop-Drop 2016 ungefähr in jedem fünften Song der amerikanischen Billboard-Hot-100-Charts, Link öffnet in einem neuen Fenster verwendet. Dabei ist der Pop-Drop bereits seit mehreren Jahren omnipräsent und auch 2017 nicht totzukriegen. Mitschuldig sind Streaming-Dienste, denn diese sind an der Spitze der neuen Pop-Struktur-Weltordnung. Welcher sich auch gestandene Bands wie Coldplay oder kürzlich U2 (zusammen mit Kygo) , Link öffnet in einem neuen Fensterunterordnen.

Diese These wurde kürzlich im Magazin Pitchfork veröffentlicht. Unter der Überschrift «Uncovering How Streaming Is Changing the Sound of Pop» erklärt der amerikanische Autor Marc Hogan, warum Popsongs im Zeitalter des digitalen Streamings anders klingen: Sie kommen schneller auf den Punkt, sind ungeduldiger, lauter und intensiver. Aber warum? Der Grund ist einfach: Streaming-Marktführer wie Spotify und Apple Music zählen Songs erst ab 30 Sekunden Spieldauer.

Auch die Popmusik der 80er erkennt man sofort. Dafür gibt es zwei spezifische Gründe: Yamaha DX7 und Gated Reverb:

Der Pop-Drop als «Füller» wird zum neuen Songhöhepunkt

Aktuelle Popsongs müssen also schneller und komprimierter auf den Punkt kommen. Aber genau weil Refrains und andere Elemente immer weiter nach vorne gerückt werden, muss ja danach noch was kommen. Und da bedient sich die Popmusik an einem Element aus der elektronischen Musik: dem «Drop». Jener Augenblick, vor dem noch kurz eine Pause folgt, um dann mit einer ekstatischen Elektro-Highlight-Melodie und zerstückelten Wortphrasen aus dem Refrain ein «Arme in die Luft»-Gefühl auszulösen. Es ist nebenbei auch der tanzbarste Teil des Songs mit dem treibendsten Beat. Genau das, was die Millenials wollen. Denn Popmusik im hier und jetzt geht nicht mehr um Inhalt - es geht um ein Lebensgefühl von Freiheit und endloser Party.

Saturday Night Live mit einem absurden Sketch über den typischen «Bass-Drop» in der elektronischen Musik

Künstler wie Kygo, Link öffnet in einem neuen Fenster, Major Lazer, Link öffnet in einem neuen Fenster, Avicii, Link öffnet in einem neuen Fenster, Justin Bieber, Link öffnet in einem neuen Fenster oder Pink , Link öffnet in einem neuen Fensterarbeiten alle nach dem Prinzip des «komprimierten modernen Popsongs». Und es scheint nicht so, dass die Electronic Dance Music (EDM) demnächst aus dem Pop verschwindet - und genau so wenig wird es der Pop-Drop. Und genau darum ist dieses kleine musikalische Detail das wohl signifikanteste Merkmal der Popmusik der 2010er Jahre - ob man das jetzt gut findet, oder nicht.

2 Kommentare

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  • Kommentar von A. Zuckermann (azu)
    Apropos Pitchfork… als langjähriger, kritischer und distanzierter Beobachter der CH-Musikscene habe ich eine Frage: Kann mir jemand eine/n Schweizer Künstler/in oder Band nennen die auf Pitchfork present sind? Oder z.b. bei Arte Tracks? Und was das über unsere Musik aussagt…? (das Argument "kleines Land" zählt nicht, denn z.b. Island ist laufend vertreten)
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    1. Antwort von Dominique Marcel Iten
      Beispielsweise vertreten sind das Krautrock-Trio «Klaus Johann Grobe», welches konstant durch die ganze Welt tourt. Ansonsten gibt es zahlreiche Schweizer Acts, welche in internationalen Magazinen gefeiert werden. «Boy» ist eine davon, «One Sentence. Supervisor» eine andere, welche in der Indie- und Feuilleton-Szene grossen Anklang finden. Grundsätzlich (und das ist meine subjektive Meinung) war Schweizer Musik noch nie so mutig und eigenständig wie heute (Stichwort: Acts wie Pablo Nouvelle, Jeans For Jesus, Len Sander). Es liegt weniger an der musikalischen Qualität, sondern an der Konsequenz vieler Schweizer Musiker, aufs Ganze zu gehen und auch an dem noch immer sehr bescheidenen Ruf, welche die Schweiz in der internationalen Musikszene hat (was daran liegt, dass CH-Musik jahrelang bloss versuchte, internationale Acts zu kopieren und erst seit ein paar Jahren Eigenständigkeit viel höher gehalten wird). Liebe Grüsse
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