Ein Städter zieht auf die Alp

«Bis wir oben sind, sind die da braun», grinst Karin Willmann schelmisch und richtet ihren Blick dabei auf meine schicken Schuhe. Herrjeh, sogar ein Stadtmensch wie ich, hätte sich vor einem Interviewtermin auf einer Alp denken können, dass weisse Sneakers hier oben wohl unpassend sind.

Nun stehe ich hier perplex neben meinem Auto und komme mir ein wenig vor wie Fräulein Rottenmeier, die zum ersten Mal die Berge bereist.Gerade noch etwa 200 m trennen mich von der Alphütte der Willmanns. Der Fussweg bis dorthin hat sich nach den intensiven Regenfällen der letzten Tage allerdings in einen Morast verwandelt. Wie gut, dass Karin bestens für solche Notfälle vorbereitet ist und mit ihrem 4x4 Kawasaki angerattert kommt.

Karin, Patenkind Lara und Eric Dauer auf der 4x4 Kawasaki. Eric betrachtet seine weissen Schuhe und Karin grinst hämisch.

Bildlegende: Weisse Schuhe würden hier oben wohl keine Woche überleben-farblich gesehen noch nicht mal einen Tag. SRF/ Eric Dauer

Erleichtert nehme ich darauf Platz und lasse mich hoch chauffieren. Neben mir sitzt Karins sieben Jahre alte Patentochter Lara,die gerade zu Besuch ist. Ebenfalls mit an Bord ist die kleine Julia. Sie sitzt auf Mamis Schoss und quietscht vor lauter Vergnügen.

Sobald wir trockenen Fusses vor der kleinen Hütte landen, werde ich neugierig von ihr inspiziert, Kein Wunder, denn so oft verirren sich hier keine fremden Menschen ins entlegene Tal auf 1850m.ü.M oberhalb von Savognin.

Auf der Alp ist man zum Teil Selbstversorger

«Ich hatte dich eigentlich später erwartet», bemerkt Karin etwas nervös. Dabei ist es nicht nur mein Besuch, der ihr ein mulmiges Gefühl bereitet. Vielmehr ist es die temperierte Frischmilch, die gerade zum Abkühlen im Trog vor der Hütte steht. Wenn die exakte Temperatur erreicht ist, muss sich Karin beeilen, ansonsten kann sie es mit dem selbst hergestellten Frischkäse und Joghurt vergessen.

Nein, eine Käserin sei sie nicht, betont Karin immer wieder. Sie hat zwar zwei Milchkühe, deren Milch sie verarbeitet, dies aber nur für den Eigenbedarf. Ich bin erstaunt, wie flink und gezielt Karin mit Lab, Thermometer, Schüsseln Eimer und Kellen herumhantiert.

Zimperlich darf man hier oben nicht sein. Auf der Alp wird noch mit Feuer gekocht und geheizt, Strom ist keiner vorhanden, lediglich ein kleiner Durchlauferhitzer versorgt die kleine Familie mit warmem Wasser.

Zum Wäsche waschen geht es einmal pro Woche in eine entlegene Gemeinschafts-Waschküche.

Luxus, den sich Älpler gönnen

Freilich gibt es auch ganz anders ausgestattete Alphütten, manche mit weniger und manche mit viel mehr Komfort. Eine funktionierende Dusche, ein Spülbecken und eine Toilette findet man dann aber auch bei Willmanns vor. Soviel Luxus darf sein! Auch das Telefon befindet sich nicht mehr - wie noch vor ein paar Jahren - in der nächstgelegenen, grösseren Ortschaft. Mittlerweile sind auch Älpler wie Karin und ihr Mann jeweils mit einem Handy ausgerüstet.

Apropos Mann: Ludwig Willmann befindet sich derzeit gerade noch ein paar Höhenmeter weiter oben auf der Alp und geht seinem Tagesgeschäft als Hirte nach. Über 300 Mäsen hält er und seine zwei Hunde Wacht.

Ganz entrüstet verdreht Karin die Augen, als ich sie frage, was denn genau eine Mäse sei und erklärt mir als Stadtmensch – nicht ganz ohne Schadenfreude – dass es sich dabei so in etwa um eine Kuh in der Pubertät handelt. Man lernt ja nie aus.

Mittlerweile haben wir es uns in der Hütte gemütlich gemacht. Was für eine Wohltat, gerade weil draussen garstiges Wetter herrscht.

Es ist wohl Mitte Juli, aber die Schlechtwetterperiode liess die Temperaturenhier oben spürbar sinken. Um keinen Preis möchte ich jetzt mit Ludwig Willmann tauschen, der irgendwo auf 2300 m.ü.M. bei seiner Herde zum Rechten schaut.

Fortsetzung folgt...