Hilde Thalmann – die Grande Dame des Wuko

Musikredaktoren arbeiten heutzutage vorwiegend im Hintergrund. Als Hilde Thalmann aber ab 1968 das Montagabend-Wunschkonzert zusammenstellt, ist sie selber ein Star. Sie besitzt sogar eine eigene Autogrammkarte. Nicht nur als Radiofrau wird sie legendär, sondern auch wegen ihres speziellen Looks.

Als ob sie aus einem Film der wilden 1920er-Jahre entsprungen wäre, taucht Hilde Thalmann jeweils im Radiostudio Basel auf: Mit Boa, keckem Hut, Zigarettenhalter und extravaganten Kleidern, die sie zum Teil sogar selber schneidert. Um sich fit zu halten, joggt sie gerne ein paar Runden ums Gebäude. Ein Paradiesvogel, dem man auf den ersten Blick gar nicht zutraut, dass in ihrem Büro akribische Ordnung herrscht.

Briefe ohne Ende

Bei hunderten von Briefen die Woche für Woche bei ihr eintrudeln, hält Hilde Thalmann stets den Überblick. Die meisten dieser Musikwünsche sind denn auch direkt an das nette Fräulein Thalmann gerichtet. Als Musikredaktorin geniesst sie beim Publikum ein ebenso grosses Ansehen wie die Radio-Onkel und -Tanten, die das Wuko jeweils moderieren.

Nur die Adressierung der Briefe ist bisweilen haarsträubend. So mancher wurde sogar irrtümlicherweise an die SRF-Generaldirektion in Bern gesandt. Ein Wunder, dass sie ihren Weg dennoch auf den Schreibtisch von Hilde Thalmann finden.

Von Pörsi Sledsch bis Viehwaldi

Auch die Musikwünsche selber erfordern zum Teil detektivischen Spürsinn. So muss man schon zuerst draufkommen, dass mit «Mei spezial Preiser» von Pörsi Sledsch der amerikanische Superstar Percy Sledge mit seinem Hit «My special Prayer» gemeint ist. Hinter «Isterwil gut fielen» verbirgt sich der Hit «It’s a real good Feeling» und aus Vivaldi wird irrtümlicherweise ein Viehwaldi.

Trotz solcher Schmunzler und teils unleserlicher Handschriften nimmt Hilde Thalmann jeden Briefwunsch ernst. Sie hat immer im Hinterkopf, dass sich da jemand extra die Mühe genommen hat, einen Brief ans Radio zu schreiben.

«  Leider kann ich nicht immer alle Wünsche erfüllen – das macht mir etwas Kummer »

Hilde Thalmann

Genauso ernst wie Musikwünsche und Komplimente nimmt Thalmann auch Kritik entgegen. Bei Beschwerden wie: «Ihr spielt immer nur dasselbe», wird sie allerdings energisch. So führt sie doch genau Buch darüber wann welcher Titel gespielt wird.

Klassik kommt immer am Schluss

Sowieso ist das Wunschkonzert streng durchstrukturiert. Der Gedanke dahinter ist einleuchtend, wenn auch aus heutiger Sicht veraltet: Das ländliche Publikum zieht Volksmusik vor und muss früh aufstehen. Ergo wird zuerst volkstümliches gespielt, woraufhin Schlager folgt. Diesen zieht das jüngere Publikum vor. Klassik hingegen folgt zum Schluss, da diese Sparte wiederum eher betagte Menschen interessiert, die morgens ausschlafen können.

Zu Hilde Thalmanns Radiozeit gilt das Wunschkonzert am Montagabend als wahrer Publikumsmagnet. Sie gelangt 1968 dank ihren Erfahrungen als Plattenverkäuferin und fleissige Konzertbesucherin als Musikredaktorin zu Radio DRS. Ihr zur Seite stehen die mittlerweile ebenfalls legendären Sprecher Heidi Abel und Roger Thiriet, die das Wuko jeweils im Wechsel moderieren.

Ihren Lebensabend verbringt Thalmann mittlerweile in der Südpark-Residenz in Basel. Wie es der Zufall will, wird demnächst gleich ein paar Schritte weiter entfernt das neue Radiostudio Basel eingeweiht.

Hilde Thalmann kam 1931 in Wädenswil/ZH zur Welt.

Von 1968 bis 1993 stellte sie über 1000 Montagabend-Wunschkonzerte zusammen.

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