Alice Pfister – eine Utzenstorferin erzählt von früher

Die eigene Meinung hatte in der Kindheit und Jugend von Alice Pfister kaum Gewicht. Die Umstände zu Hause, der Zweite Weltkrieg und das Frauenbild jener Zeit boten kaum Raum für eine persönliche Entfaltung. Umso lebendiger erinnert sich die heute 80-Jährige an ihre frühen Lebensjahre.

Aus dem Fotoalbum von Alice Pfister-Münger

Alice Pfister kommt als jüngstes von vier Geschwistern im September 1935 in Utzenstorf zur Welt. Nach der Geburt bleibt die Mutter längere Zeit hospitalisiert und die Grossmutter kümmert sich um die vier kleinen Kinder. Sie stösst mit dieser Aufgabe an ihre Grenzen und ist ziemlich überfordert, wie eine Tante später erzählt.

«  Gegen meine Mutter hatte mein Vater keine Chance. »

Alice Pfister

Ihr Vater sei ein ganz, ganz lieber Mensch gewesen, erinnert sich Alice Pfister. Mit ihm habe sie oft gesungen. Zu Hause habe er aber nicht viel zu sagen gehabt, da habe die Mutter die Hosen angehabt.

Nur ungern denkt die Bernerin an eine Nachbarin. «Sie hat sich bei unseren Eltern immer darüber beklagt, dass wir zu laut seien, worauf wir von der Mutter Schläge bekamen.»

Einmal jagen die Nachbarin und ihr Mann den Mädchen einen riesigen Schrecken ein, als sie sie am Samichlaustag in einen Sack stecken wollen. Oder sie kitzeln sie so lange an den Füssen, bis sie vor Lachen fast ersticken.

Singen als Trost

Wegen einer Geschwulst am Hinterkopf muss Alice Pfister als Sechsjährige zur Kur. Sie verbringt zwei Monate im Maison Blanche in Leubringen. In der ersten Woche darf sie ihr Zimmer nicht verlassen. Die Schwestern fürchten, sie könnte vielleicht Kinderlähmung haben. Angeblich habe sie oft Fieber gehabt, weshalb sie das Bett hüten musste. Sie tröstet sich selber mit Singen. Wann immer sie damit aufhört, hört sie eine Stimme, die ihr einflüstert «Meiteli, sing wieder».

Kriegsjahre

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ist Alice Pfister vier Jahre alt. Ihre Grossmutter habe das Geschehen am Radio über deutsche Sender mitverfolgt. Da sei häufig von Bedrohungen gesprochen worden, die so in der Schweiz nicht real gewesen seien. Doch in unmittelbarer Nähe erlebt die Familie die Landung eines amerikanischen Bombers und den Absturz eines Kampfjets.

Schöne Erinnerungen hat die 80-Jährige an eine Waldweihnacht mit Soldaten. «Wir sind tief in den Wald gegangen, doch weil Krieg war, haben wir nur wenige Kerzen angezündet.» Gemeinsam singen sie Weihnachtslieder und ein Soldat liest die Weihnachtsgeschichte vor. Die Soldaten sind gerührt und schenken zum Schluss allen einen sogenannten «Bundesziegel», ein nahrhaftes Militärbiskuit.

«  Die Soldaten haben uns zu Weihnachten ‹Bundesziegel› geschenkt. »

Alice Pfister

Alice Pfister ist neun Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg zu Ende geht. «Wir standen alle auf der Strasse, die Kirchenglocken läuteten und alle schrien immer und immer wieder ‹Der Krieg ist fertig, der Krieg ist fertig!›»

Weder Sekundarschule noch Ausbildung waren möglich

Nebst den Schlägen von ihrer Mutter, muss Alice Pfister auch in der Schule körperliche Bestrafungen über sich ergehen lassen. «Den Buben wurde mit einem Stock der Hintern versohlt, wir Mädchen wurden an den Haaren gezogen.»

In der Schule sei sie einfach mitgerutscht, sei eher still gewesen, habe gemacht, was zu machen war. Da sie ein Mädchen aus dem sogenannten Schachen ist – «dort wo die armen Leute wohnen» – wird ihr der Eintritt in die Sekundarschule verwehrt.

Dafür folgt auf die Schulzeit ohne Wenn und Aber das obligate Welschlandjahr. Alice Pfister verbringt es in Epesse bei einer Familie, die eine Bäckerei besitzt.

Zerplatzte Berufsträume

Als Teenager träumt Alice Pfister davon Säuglingsschwester oder Kleinkinder-Erzieherin zu werden. Doch aus dem Berufswunsch wird leider nichts. Die junge Frau wird von den Eltern nach Bern in ein Früchte- und Gemüsegeschäft geschickt. Hier habe sie Kost und Logis und müsse jetzt auf eigenen Füssen stehen, so die knappe Begründung. Zu diesem Zeitpunkt ist Alice Pfister knapp 17 Jahre alt.

Leben wie auf einem Vulkan

1958 lernt Alice Pfister ihren späteren Ehemann Heinz kennen. Die Hochzeit platzt beinahe, denn Heinz erkrankt an Tuberkulose und verliebt sich während eines Kuraufenthalts in eine andere Frau. Doch sein Bruder redet ihm ins Gewissen, so dass Alice und Heinz Pfister im Oktober 1959 heiraten. Zehn Monate später wird Sohn André geboren, 1963 kommt Tochter Ursula auf die Welt.

Die Ehe mit Heinz ist für Alice Pfister nicht einfach. Er ist ein jähzorniger Mann und betrügt sie ständig mit anderen Frauen. «Ich lebte wie auf einem Vulkan und wusste nie, wann er ausbricht.»

Heinz stirbt 1994 an Krebs. Nach seinem Tod verkauft Alice Pfister das Haus und zieht nach Grenchen. Dort lebt sie noch heute in ihrer eigenen Wohnung.

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