Anton Hess – als Linkshänder ausgebremst

In einem ruhigen Luzerner Wohnquartier das «Heim im Bergli». In sonnigen Wohnzimmer des Altersheims sitzen sechs Senioren und Seniorinnen und erzählen von früher. Mit einer Anekdote aus seiner Schulzeit erinnert Anton Hess an Zeiten, in denen man als Linkshänder einen schweren Stand hatte.

Seniorinnen und Senioren sowie eine Betreuerin sitzen in einer Gesprächsrunde an einem Tisch.

Bildlegende: Anton Hess (links) im «Heim im Bergli» in Luzern. SRF

«Mit der linken Hand schreiben war zu meiner Schulzeit nicht konform», erzählt Anton Hess. Der Schulinspektor habe verlangt, dass er rechts schreiben lerne. Der Klassenlehrer meinte zwar: «Dieser Schüler hat die schönste Schrift von allen.»

Doch damit stiess er beim Schulinspektor auf taube Ohren. Er drohte dem Lehrer mit der Entlassung, sollte er den Schüler weiterhin links schreiben lassen. Also musste sich auch Klein Anton in sein Schicksal fügen. Nicht einmal zeichnen durfte er mit der linken Hand.

Kein Interesse mehr am Unterricht

«Von da an ging es bei mir schulisch bergab», so Anton Hess. «In gewissen Fächern ging es noch, aber diese zählten leider nicht.» Später meint ein Berufswahllehrer, für Anton komme nur ein landwirtschaftlicher Beruf in Frage. «Das wäre gar nicht mal so schlecht gewesen, dann in Naturkunde war ich sehr gut.» Doch die Familie kann es sich finanziell nicht leisten, den Sohn in eine landwirtschaftliche Ausbildung zu schicken.

«  Dieser Schüler hat die schönste Schrift von allen. »

Ein ehemaliger Lehrer

So verdient sich Anton Hess zuerst als Angestellter bei einem Gemüsehändler seine ersten Batzen Geld. Die Aussicht auf guten Lohn führt ihn schliesslich zur Viscosuisse. Im Unternehmen wird die grosse Flexibilität des jungen Mannes sehr geschätzt, ihn konnte man in den unterschiedlichsten Bereichen einsetzen. «Ich war zehn Jahre lang in der Viscosuisse und habe gross verdient», erinnert sich der 93-Jährige. «Ich konnte eine Familie gründen, es gab zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn.»

Doch die Arbeit in der Fabrik setzt Anton Hess' Gesundheit zu, er muss den Dienst quittieren. Durch einen glücklichen Zufall wird die Stadtverwaltung auf die vielseitigen Talente des Familienvaters aufmerksam. Er wird als 2. Abwart im Kunst- und Kongresshaus eingestellt.

Der stete Drang vorwärts zu kommen

Nach zehn Jahren fühlt sich diese Arbeit wie Treten an Ort an. Anton Hess will vorwärts kommen – und das kommt er auch. Dem damals 40-Jährigen wird die Aufsicht über die ehemalige Ausstellungs- und Festhalle auf der Luzerner Allmend anvertraut, mit einer Bedingung: Er muss noch das Lebensretter-Brevet machen, um ab und zu als Bademeister einspringen zu können. Kein Problem für den vielseitigen Anton Hess. Bei frühlingshaften Temperaturen stürzt er sich in den kalten Vierwaldstättersee und lässt sich schliesslich als geprüfter Lebensretter auszeichnen.

«  Mein ehemaliger Lehrer staunte als er hörte, dass ich Chef-Hallen-Wart geworden bin. »

Anton Hess

Welchen Posten Anton Hess auch immer innehatte, er war in vieler Hinsicht Gold wert. Bei Tätigkeiten, die sein Berufsfeld erweiterten, war er stets zur Stelle. Als lösungsorientierter Macher sah er im Grossen und Kleinen, wo sich Prozesse noch optimieren liessen. Kein Wunder wurden seine Dienste auch nach seiner Pensionierung gerne in Anspruch genommen.

Was wäre wenn...

«Trotz der schlechten Schulleistungen als Kind, habe ich alles gut überstanden», resümiert Anton Hess den Rückblick auf seinen schulischen und beruflichen Werdegang. Nun liesse sich phantasieren: Welche berufliche Laufbahn hätte der tatkräftige Mann mit vielen Talenten wohl eingeschlagen, hätte man ihn damals als Linkshänder nicht ausgebremst?