Auch während Kriegszeiten wurde getanzt

Alice Marti tanzte für ihr Leben gerne. Alle paar Monate traf sie sich mit jungen Leuten aus der Region im Nachbardorf zu den Tanz-Chilbis. Da genoss man eine Auszeit in geselliger Runde. Dennoch musste man gerade während des Zweiten Weltkriegs ganz schön vorsichtig sein.

Jeweils einmal im Monat fand eine solche Chilbi statt, der Alice Marti entgegen fieberte. Bevor man sich voller Vorfreude auf den Weg nach Grossaffoltern machte, musste natürlich die Stallarbeit verrichtet werden. Über eine steile Treppe gelangte die fröhliche Schar dann jeweils in den Tanzsaal des alten Gasthofs Bären. Eigentlich war das Lokal nur primitiv eingerichtet, aber die Kapelle spielte, man konnte sich unterhalten, feiern und tanzen, und das war die Hauptsache. Im Sommer wurden sogar Gartenfeste veranstaltet - allerdings immer mit einer gewissen Vorsicht. Nächtelanges Durchfeiern war tabu.

Blaues Licht im Dunkeln

Alice Marti sitzt am Tisch, der mit einer Häkeldecke zugedeckt ist. Ein Mikrofon steht darauf.

Bildlegende: Alice Marti freut sich über den Besuch unserer Redaktorin Jill Keiser. Gerne erzählte sie uns ihre Lebensgeschichte. SRF

Wenn die Nacht hereinbrach, war man darauf bedacht, möglichst wenig Licht zu entfachen. Die Gefahr das Ziel eines Bombenangriffs zu werden war zwar klein, aber dennoch hatte man Angst davor. Genau genommen bestand sogar eine Verdunkelungspflicht. Sogar auf dem Nachhauseweg von der Chilbi, leuchtete die Lampe der Fahrräder jeweils in einem dezenten Blau.

Vom grossen Unglück verschont

Gerade diese Tanzabende waren es, die Alice Marti als besonders schön in Erinnerung geblieben sind. Sie kam 1925 in Ruchwil Gemeinde Seedorf zur Welt. Mit ihren beiden Brüdern zusammen erlebte sie eine gute, wenn auch karge Kindheit.

Den Zweiten Weltkrieg empfand Alice Marti als schwierige Zeit, vom grossen Unglück blieb sie selber aber verschont.

«  Was ausserhalb der Landesgrenze passierte, hat man erst später erfahren »

Alice Marti

Als einzige Informationsquelle galt der Schweizerbund, welcher ein- bis zweimal pro Woche publiziert wurde. Ansonsten war man auf dem Land regelrecht abgeschottet. Einzig die Bomber, die über die Köpfe hinwegflogen, und die Einschläge der Geschosse im Elsass liessen die Brutalität des Kriegs erahnen

Ein Leben auf dem Bauernhof

Nach Kriegsende heiratete sie, führte mit ihrem Mann zusammen einen Bauernhof und brachte drei Kinder zur Welt. Erst als sie den Hof an den Sohn weitergegeben hatten, konnten sie ein wenig herumreisen.

So besuchte Alice Marti Venedig, Österreich und unternahm ein paar kleinere Abstecher in der Schweiz. Ihren Lebensabend verbrachte sie im Altersheim Lyss-Busswil, wo sie am 11. November 2014 verstarb. Ihren runden 90. Geburtstag konnte sie also leider nicht mehr erleben.

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