Peter Krättli: «Psychiatrieschwester hiess früher Irrenwärterin»

An seine Mutter kann sich der 77-jährige Peter Krättli kaum erinnern. Sie starb als er ungefähr sechs Jahre alt war. Über seine Mutter hat er dank seiner Schwester viel erfahren, zum Beispiel dass sie diplomierte Psychiatrieschwester war – oder Irrenwärterin laut damaliger Berufsbezeichnung.

Vom traumatischen Verlust durch den frühen Tod seiner Mutter weiss Peter Krättli nur durch fremde Erinnerungen. «Meine Mutter fiel vom Heuboden und erlitt einen Leberriss», erzählt der gebürtige Untervazer. Eine Frau habe ihm später erzählt, er sei dem Krankenwagen nachgerannt und habe geweint. Der Abschied von seiner Mutter sollte für immer sein.

Weg von daheim

Als Fabrikarbeiter kann sich der Vater kaum um die Kinder kümmern, deshalb kommt Peter Krättli als Jüngster zu einer Tante. Zwei Jahre später läuft er von dort weg, weil ein verletzter Spatz, den er hegte und pflegte, eines Tages einfach nicht mehr da war. «Da wurde ich so sauer, dass ich fortgelaufen bin. Doch das war gut so, denn so kam ich wieder nach Hause.»

Zu Hause kümmert sich seine acht Jahre ältere Schwester liebevoll um ihren kleinen Bruder. «Sie war wie ein Mutterersatz», meint Peter Krättli. Ihr verdankt er seinen beruflichen Werdegang. «Nach der Schule wollte mein Vater, dass ich wie er in der Fabrik arbeite, aber sie bestand darauf, dass ich eine Lehre mache.»


Von Wärtern und Pflegern

1:02 min, aus Sinerzyt vom 22.05.2017

Psychiatriepflege als Familienberuf

Also lässt sich Peter Krättli zum Psychiatriepfleger ausbilden und tritt damit in die Fussstapfen seiner Mutter. «Damals hiess das noch Irrenwärterin, bei mir dann eidg. dipl. Psychiatriepfleger.» Tatsächlich habe der Verein schweizerischer Irrenärzte das Diplom seiner Mutter ausgestellt, ergänzt er lachend.

Vom Hörensagen weiss er noch das eine oder andere über die Arbeit seiner Mutter in der sogenannten Irrenanstalt. «Sie hat erlebt, wie Menschen zur Beruhigung in Zwangsjacken oder Deckelbäder – eine Badewanne mit abschliessbarem Deckel, aus dem nur noch der Kopf herausragte – gesteckt wurden.»

«  Man weiss, wo man ist, aber nicht, wohin man kommt. »

Die Lehre absolviert Peter Krättli im Waldhaus. Nach der Ausbildung wechselt er ins Kreuzspital, wo ihm das Pflegepersonal stets unter die Nase reibt, dass er «nur» von der Psychiatrie komme. Doch der junge Mann lässt sich nicht verunsichern und erinnert sich an Worte, die seine Mutter jeweils gesagt haben soll: «Man weiss, wo man ist, aber nicht, wohin man kommt.»

28 Jahre lang arbeitet Peter Krättli im Kreuzspital, wo er auch seine Frau kennenlernt. Die letzten zehn Jahre ist er wegen seiner Polyarthritis nur noch in einem 50 Prozent-Pensum beschäftigt. Aus gesundheitlichen Gründen wird er schliesslich frühpensioniert.

Heute lebt Peter Krättli zusammen mit seiner Frau im Tertianum Casa Flora in Zizers. Vor kurzem durfte das Ehepaar den 50. Hochzeitstag feiern. «In Mastrils, wo wir auch geheiratet haben», meint der gebürtige Untervazer, für den die eigene Hochzeit zu den schönsten Erinnerungen zählt.

Lebensgeschichten auf SRF Musikwelle

In der «Sinerzyt»-Serie «Lebensgeschichten» von SRF Musikwelle blicken Seniorinnen und Senioren zurück in die Vergangenheit. Sie erzählen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – von wichtigen Episoden aus ihrem Leben. Manchmal werden diese nur kurz gestreift, ein anderes Mal detailliert geschildert.

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