Wilhelm Decker, der Kantor desThurgaus

Ein Deutschstämmiger komponierte eines der populärsten Thurgauer Volkslieder. Mit «Thurgi du mis Heimatländli» gelang Wilhelm Decker eine Liebeserklärung an seine zweite Heimat. Auch sonst war Decker für die Region musikalisch sehr prägend.

Wilhelm Decker wurde am 15. Januar 1860 im Schwarzwälder Bauerndorf Sasbachwalden geboren. In jungen Jahren war er als leidenschaftlicher Musiker 1881 an der Gründung der Musikkapelle Sasbachwalden mitbeteiligt. Dieser Verein besteht heute noch unter dem Namen «Kur- und Trachtenkapelle Sasbachwalden 1881 e.V.». Wilhelm Decker liess sich zuerst zum Volksschullehrer und ab 1887 in Leipzig zum Musikdirektor ausbilden. In Konstanz trat er eine Stelle als Musiklehrer am Gymnasium an und übernahm auch den Orgeldienst an der städtischen Stephanskirche.

Zwölf männliche Lehrpersonen. Alle tragen schwarze Anzüge.

Bildlegende: Seminarkonvent 1913 Wilhelm Decker als dritter von rechts, umrahmt von seinen Lehrer-Kollegen. zvg

Nur fünf Jahre später wurde auf der anderen Seite der Grenze die Musiklehrerstelle am Lehrerseminar Kreuzlingen frei. Die Wahl fiel auf den Deutschen Wilhelm Decker. Eine Wahl, die aufgrund der Staatszugehörigkeit damals nicht alle nachvollziehen konnten. Decker aber zog seine Schüler und auch seine Lehrerkollegen mit seiner temperamentvollen und liebenswürdigen Art in den Bann. Sprichwörtlich war seine nie enden wollende Geduld. Nur ganz selten riss ihm der Geduldsfaden. Allerdings war er sogar beim Fluchen noch äusserst charmant.

«  Des isch zum de glatte Wand raufklettre! »

Wilhem Decker

Wilhelm Decker in wollenem Anzug mit Krawatte. Zu diesem Zeitpunkt ist er schon sichtlich ergraut und gealtert.

Bildlegende: In Würde ergraut. Wilhelm Decker kurz vor seiner Pensionierung, ca. 1936 zvg

Innert Kürze erbrachte er den Beweis, dass er sich als Ausländer mit schwäbischem Akzent hierzulande höchste Popularität und Sympathie verschaffen konnte. Deckers graumeliertes Haupt- und Schnauzhaar waren der Grund, dass ihm seine Lehrerkollegen den liebevollen Übernamen «Dachs» gaben.

1936 ging er nach sage und schreibe 44 Jahren am Lehrerseminar Kreuzlingen in Pension. Anlässlich der grossen Abschiedsfeier bedankte sich die Schülerschaft bei Musikdirektor Decker mit einer stehenden Ovation. Im Protokoll der Schülergemeinschaft am Seminar Kreuzlingen vom 16. März 1936 kann dazu folgender Eintrag nachgelesen werden: «Als «Dachs» und seine Frau Gemahlin den Saal verliessen, begleitete sie ein nicht enden wollender, warmer, herzlicher Applaus». Noch nicht lange in Pension verstarb Wilhelm Decker am 15. Januar 1938.

Neben seiner Arbeit als Musikdirektor am Lehrerseminar war Decker auch sonst musikalisch sehr aktiv. Er dirigierte von 1899 bis 1921 
den Männerchor «Harmonie» Kreuzlingen. Daneben war er auch als Komponist sehr fleissig. Viele seiner Werke durfte der Männerchor «Harmonie» uraufführen. Schweizweit erteilte Decker Gesangskurse und wurde an Sängerfesten als Experte eingesetzt. Von 1894 bis 1929 war er Kantonaldirigent im Thurgauer Gesangsverband. Von daher stammt auch die Bezeichnung «Kantor des Thurgaus» für Wilhelm Decker.

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