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Best Swiss Video Clip Diese Musikvideos zerreissen dein Herz

Zum siebten Mal wird das beste Schweizer Musikvideo gekürt: Am 24. März verleihen das m4music-Festival, die Solothurner Filmtage und die Fondation Suisa den «Best Swiss Video Award» und spülen dem Gewinner 5000 Franken in die Tasche. Diese fünf Clips sind nominiert – und rauben uns echt den Atem.

Eine Frau klammert sich an eine Taucherin
Legende: YouTube

Deine Stimme zählt!

Du kannst mitbestimmen, welcher der fünf Clips die Auszeichnung «Best Swiss Video Clip 2018» erhält. Hier geht's zum Voting, Link öffnet in einem neuen Fenster!

1. Scarlett's Fall «Little Pig» (von Bastien Genoux)

Der Clip des Lausanner Filmemachers Bastien Genoux ist ungelogen einer dieser Filme, die dich (trotz seiner gewagten Länge von knapp zehn Minuten!) schnappatmend an den Bildschirm fesseln.

Ausschlaggebend dafür ist das permanent ungute wie auch höchst verstörende Gefühl, das sich ausgehend von den Darstellern ungefiltert in deine Seele frisst.

Und trotzdem: Übrig bleiben Fragen über Fragen...

Eine Interpretations-Achterbahn

Zu Beginn dieses (doch sehr «artsy fartsy»-wirkenden) Videos beobachtet der Zuschauer ein mutmassliches Liebespaar auf dem Nachhauseweg, das distanzierter nicht wirken könnte: Kein Gespräch, keine Berührung, nur endlos unbehagliche Blicke.

Dann durchbricht das Klingeln des Telefons die laut wirkende Stille.

Man lässt es unberührt.

Der abgebrüht anmutende Mann, wir nennen ihn Tom, ersetzt die Hörmuschel und lässt den Zuschauer fortan erahnen, dass es sich hier keinesfalls um ein zerrüttetes Liebespaar, sondern um ein kaltschnäuziges Spionageduo handelt. (Einen Quervergleich mit der Serie «The Americans» lässt sich nicht zuletzt dank der stringenten 80er-Aufmachung und der langatmigen Erzählweise kaum noch verkneifen.)

Die Dame liest ein Buch namens «Schweine».

Warten.

Mittlerweile registriert auch ein unaufmerksamer Zuschauer die ewig im Loop geifernde, ja fast schon ohrenbetäubende Musik, die den Wunsch nach Antworten nur noch bekräftigt.

Warten.

Dann endlich: Das Telefon klingelt, die Dame hebt ab, Tom startet die Aufzeichnung:

«Ich will nur ruhig in meinem Bett schlafen», so der erste sichtbare Gesprächsfetzen der Darstellerin, der in Wahrheit der einsetzende Gesang von Scarlett's Fall ist.

Eine neue Interpretation drängt sich auf: Die Dame hat einen Stalker!

Durch Songzeilen wie: «Warum rufst du mich an, lass mich schlafen», wird diese These in den nachfolgenden Minuten weiter verinnerlicht – und die pausenlos wechselnde Telefonfarbe wirkt beinahe als Indiz für die Dauer der Belästigung.

Schon wieder ein Plot Twist.

Im letzten Augenblick vor Videoschluss, in der die Dame den Hörer einmal mehr auf die Gabel legt – Achtung Spoiler –, blitzt für den Bruchteil einer Sekunde eine Schweinemaske über Toms Gesicht auf.

Moment. Er war der Stalker?!

2. None of Them «Hyenas on the Beach» (von Tobias Nölle)

Beim Musikvideo von Tobias Nölle ist eine Sache gewiss vorherrschend: ser Ekelfaktor! Hier gibt es Blut, Ohrausfluss, Tintenfisch-Kadaver und ein bizarres Ritual mit einer Toten.

Nach Nölles Spielfilm «Aloys» präsentiert uns der Zürcher Regisseur seinen Hang zum Mysteriösen noch einmal auf dem Silbertablett und lässt die Grenzen zwischen Wirklichkeit und surrealer Parallelwelt postumwendend sprengen.

Möge der Albtraum beginnen.

Die zermürbende Geschichte

Eine Tote, ihr Sohn, ein zutiefst ekelerregender Versuch, die Tote wieder zum Leben zu erwecken:

Mittels Schlauch zapft der Junge eine milchähnliche Flüssigkeit aus den Ohren seiner aufgebahrten Mutter ab und leitet sie weiter in ein futuristisches Gefäss.

Sie erwacht.

Irgendwo in einem Paralleluniversum, in dem sie befähigt wird, das Messer aus ihrem Bauch zu ziehen und konfus durch Wälder zu geistern.

Derweil hat der Junge aus einem hundsgewöhnlichen Kanalrohr auch einen Kommunikationsweg zu seiner Mutter aufgebaut.

Handelt es sich hier wirklich um Wiederbelebung? Ist es Geisterbeschwörung? Hilft man einer untoten Toten nur, ihre Seele ins Jenseits zu befördern?

Dann die zweifache Wende: Friedvoll legt sich die Mutter neben ihren Sohn und lässt den Zuschauer im Glauben, die Wiederbelebung habe funktioniert – nur um im nächsten Moment dann doch wieder zu verpuffen.

Übrig bleibt ein schleimiger Tintenfisch-Kadaver, den ihr Sohn mit blossen Händen aufhebt und seiner Mutter mit einem Tacker bewaffnet in den offenen Bauch einpflanzt.

Wovon wurden wir hier gerade Zeuge?!

Kaum zu glauben, dass dieser Film mit seiner Dichte an überzeugenden Special Effects allein durch Fördergelder von gerade einmal 3000 Franken entstanden ist!

3. CRIMER «Brotherlove» (von Nico Schmied)

Wenn CRIMER drauf steht, ist CRIMER drin: Der Rheintaler Musiker ist bekannt für seinen extravaganten 80er-Flair, seine dominante Mittelscheitel-Frisur und seine exzentrischen Tanzbewegungen.

Klar, dass der Basler Filmemacher Nico Schmied all diese Merkmale auch in das Video zu CRIMERS Überhit «Brotherlove» presst und (raffiniert kombiniert!) die Zürcher Dragqueen Milky Diamond hinzu zieht.

Die 80er sind ja so sexy – Anschauen auf eigene Gefahr!

Sexyness in ihrer Superlative

Wer die Tanzmoves von CRIMER noch nicht kennt, kennt sie spätestens nach diesem Clip: Ein gewagter Spagat zwischen exzessiven Hüftbewegungen, urplötzlichen Drehungen und epileptisch wirkenden Zuckungen.

Beim Clip zum Song «Brotherlove» vergisst man schon fast, dass es hier eigentlich um Bruderliebe geht – und nicht um eine tiefergehende Leidenschaft zwischen zwei Männern:

Während CRIMER seine Choregrafie im Tanzstudio übt (die im übrigen nicht einmal durchdacht war – genauso wenig wie sein Outift, das in Wahrheit ein Frauenoberteil sei), beobachtet ihn Dragqueen Milky Diamond stolz und nahezu lüstern hinter der Kamera.

Nach einigen Regieanweisungen nimmt ihn Milky Diamond mit nach Hause.

Der Zuschauer erwartet eine Romanze.

Mit Zwischenbildern, in denen CRIMER auf einmal Hände von hinten anfassen, wird die aufgestaute Intimität beinahe ins Unermessliche getrieben – bis sich die Leidenschaft schliesslich endlich entfaltet: In Form eines innigen Tanzes.

Wir implodieren.

4. Igorrr «Opus Brain» (von Garrick J Lauterbach)

Wenn im Vorfeld eines Videos eine Epilepsie-Warnung über den Bildschirm flackert, kann man eigentlich schon vermuten, was jetzt kommt: Ein strobo-artiger Schnitt, der auch kerngesunde Menschen an die Grenzen ihres geistigen Aufnahmevermögens treibt!

Garrick J Lauterbach aus Basel hat genau das getan – nur besser: Seine schnell überlagernden Bilder stossen dich zwar desorientiert aus dem Video, das meisterhafte Kostümdesign, die unnahbaren Kulissen sowie die beispielgebende Kameraführung pressen dich jedoch wieder zielgerichtet hinein.

Wir zollen diesem Irrgarten unseren vollsten Respekt.

Ein Geniestreich in Bildern

Wir tauchen im wahrsten Sinne des Wortes in ferne Welten ein – mit einer Taucherin.

Regungslos wie sie in diesem meerähnlichen Gewässer treibt und zunehmend von Dunkelheit ummantelt wird, könnte sie auch tot sein.

Das Schwarz mutiert zu puristischem Weiss:

Kopfüber tauchen wir in einem futuristischen, «Matrix»-ähnlichen Raum wieder auf und werden von schreienden Kreaturen umzingelt. Die Epilepsie-Warnung findet von nun an ihre Berechtigung.

Bevor man schon jetzt über Sinn und Unsinn dieses Clips diskutiert, es geht hier um Kunst. Kunst und eine beeindruckende Portion an Kreativität, Kamerahandwerk und Interpretationsspielraum:

Wir selbst deuten die Reise der Taucherin als Ankunft vor dem jüngsten Gericht, und jede Station entscheidet darüber, ob sie hier ihren Platz findet.

Im weissen Nichts findet sie keinen Platz.

Die Kreaturen senden sie in eine mittelalterähnliche Umgebung fort (die Sitar erinnert an Indien), in der eine Unterwelts-Herrscherin mit überzeugend plastischem Gesicht ihre Sünden vorliest.

Schon wieder Slo Motions, Kamerafahrten und eine Kulisse zum applaudieren.

Doch auch hier findet die Taucherin keinen Platz.

Erst in der dritten und somit letzten Welt scheint die Sterbende angekommen: Wüsten-Kreaturen umzingeln sie ähnlich wie im Film «Das Parfum», entreissen ihre Taucherausrüstung und machen sie sich zu ihrem Eigen.

Willkommen im Jenseits.

5. Min King «Mir händ en Verein» (von Sarah Hugentobler)

Man nennt sie die Erfinder des Mundart-Souls: Min King!

Nach fünf Jahren Pause hat das Schaffhauser Quintett sein zweites Album «Immer Wieder» veröffentlicht und dazu auch einen passenden Videoclip zum Song «Mir händ en Verein»:

Immer wieder sieht man im repetitiven Mani-Matter-Cover das Gesicht der Thurgauer Videokünstlerin und Regisseurin Sarah Hugentobler, die ihre Lippen gekonnt zum Gesang von Philipp Albrecht bewegt (seine Freunde nennen ihn aus Jux «James Brown von Schaffhausen») und lassen einen lachend den Hintergrund absuchen, wo denn nun die Bildübergänge stattgefunden haben.

Mehr gibt es dazu eigentlich gar nicht zu sagen, ausser vielleicht:

Schmunzler garantiert!